Marokkos König will den Islam reformieren

Mohammed VI. versteht sich in der Nachfolge des Propheten als Staatschef, religiöser Führer, oberster Richter und Oberkommandeur der Armee. Bis vor kurzem hatte er die Afrika-Union noch boykottiert. Doch jetzt will das Maghreb-Königreich in Afrika eine führende Rolle einnehmen und zwar in Punkto Religion. Als Gegengewicht zum sogenannten Islamischen Staat.

„Die muslimischen Gläubigen in Westafrika, bis hinein nach Nigeria, unterhalten schon seit alter Zeit Verbindungen sowohl zu marokkanischen Geschäftsleuten als auch zu marokkanischen Religionsgelehrten“ – Mohammed Tozy, Soziologe, Islamhistoriker und Berater der marokkanischen Regierung.

Von südmarokkanischen Marrakesch aus breitete sich der Islam Richtung Äquator aus. Oft waren es die Anhänger bekannter Mystiker und Sufis aus Marakesch, Meknes oder Fes, die die Menschen in Mali, dem Senegal oder der Elfenbeinküste zu Muslimen werden ließen.

In den Maghreb-Staaten, Marokko, Tunesien, Algerien und Mauretanien, haben die Mystiker inzwischen stark an Einfluss eingebüßt. Ein konservativer Schriftislam prägt den religiösen Alltag auch der Marokkaner – nicht zuletzt dank einflussreicher Medien vom Golf. Anders in Westafrika. Dort haben Sufi-Praktiken und Sufi-Bruderschaften noch immer Konjunktur.

Die arabisch geprägten Gläubigen im Maghreb, könnten sich von der afrikanischen Toleranz eine große Scheibe abschneiden. Wenn zum Beispiel die Muslime in der Elfenbeinküste ein Fest feiern, sind die anderen Religionen: Christen oder Fetischisten eingeladen. Ob zum Ramadan oder Opferfest.

Doch dieses Zusammenleben ist jetzt bedroht, nicht nur in der Elfenbeinküste, sondern auch anderswo in Westafrika. Überall ist der Wahhabismus auf dem Vormarsch, die puritanisch-rigoristische Ideologie, die von Saudi Arabien und anderen Golfstaaten verbreitet wird.

„Diese Leute sind zu uns nach Westafrika gekommen, haben Koranschulen aufgebaut und angefangen, die Kinder mit ihrer Ideologie zu indoktrinieren. Das wird allmählich zur Gefahr. Denn die wahhabitischen Schulen breiten sich immer weiter aus. Und das mit Lehrern, die selber nicht zu Ende studiert haben. Man hat ihnen Koran- und Hadith-Texte in die Hand gegeben, nicht aber das Handwerkszeug dazu.“

Wir lernten den Dschihad, so wie ihn heutzutage Al-Kaida oder der IS praktiziert. Unsere Lehrer sagten uns: Es gibt keine unterschiedlichen Möglichkeiten, den Dschihad zu interpretieren, etwa mit der Schreibfeder in der Hand oder so etwas. Dschihad, das ist der bewaffnete Kampf. Dschihad, das bedeutet, die Ungläubigen zu töten.“

Abu Hafs ist mit der wahhabitisch-salafistischen Unterrichtsmethode gut vertraut. Seine Schulung erhielt er an einer islamischen Akademie im saudischen Medina. Wie Saudi Arabien und andere Golfstaaten versuchen, ihren eigenen, für den Export bestimmten Islam im Maghreb und Westafrika zu verbreiten, hat er am eigenen Leib erfahren, beziehungsweise: an der eigenen Seele.

„Unsere Lehrer sagten uns: Den, der anders ist, muss man hassen, man muss ihn demütigen, man darf ihn niemals lieben, und wann immer möglich, soll man ihn töten. Das ist das, was wir dort lernten. Und in den Büchern der Wahhabiten, steht das immer noch: „Al ouala oual bara.“ Das ist eine beinharte wahhabitische Doktrin. Al ouala bedeutet: Du darfst niemanden lieben außer die Muslime.“

Überall heizen Gruppen wie Boko Haram und Al-Kaida im Maghreb die Konflikte zwischen unterschiedlichen Ethnien und Glaubensgemeinschaften an, verursachen Kriege und Bürgerkriege. So sorgen sie letztlich auch dafür, dass immer mehr junge Afrikaner ihre Heimatländer auf dem Weg nach Norden verlassen. Dass Marokko sich in Punkto Religion jetzt engagiert, ist für das Land nicht mehr und weniger als eine Überlebensfrage. Das Maghreb-Königreich ist zur Drehscheibe einer großen Wanderungsbewegung geworden. Täglich kommen Flüchtlinge aus dem Subsahara-Raum ins Land – während junge Marokkaner Terrorattentate im Westen verüben und sich dabei auf den Islam berufen. Einst in Marokko einer der bekanntesten Dschiahdistenprediger hat Abu Hafs sich heute von seinen alten Vorbildern abgewandt. Er versteht sich als eine Art Streetworker; spricht mit jungen Leuten, will sie daran hindern, in den Terror abzugleiten.

„Viele, sogar viele Forscher fragen mich: Was soll das ganze Gerede über Religion? Ausschlaggebend ist der soziale, der wirtschaftliche, der politischen Faktor, darüber sollte man doch sprechen. Kann sein. Aber kein Terrorist wird dir sagen: Ich bin zum IS gegangen, weil ich in eine wirtschaftliche oder soziale Misere hineingeraten bin. Auch nicht, wenn das stimmen sollte. Der Terrorist wird dir stets sagen: Der Islam hat mir das aufgetragen. Die Religionsgelehrten haben mir das auferlegt.“

Mit ein paar modern aussehenden Retuschen hier und da, meint er, kann man nichts ausrichten bei Jugendlichen, die an der Schwelle zur Radikalisierung stehen. Entweder klare Alternativen oder gar keine.

„Wir brauchen eine religiöse Reform, so wie sie die Kirche in Europa durchgeführt hat. Wir brauchen eine religiöse Reform und zwar nicht ein paar Ausbesserungen hier und da. Wir brauchen eine Reform in unserer gesamten religiösen Struktur.“

Marokko sieht sich als Führungsmacht des Malekismus, also des westlichen, andalusischen, westafrikanischen Islam. Es will Führer dieser theologischen Tradition sein, die diejenige des Westens in der islamischen Welt ist. Und damit will Marokko in den Deutungswettbewerb eintreten. Mit seinem eigenen Deutungsansatz. Vor diesem Hintergrund hat der König soeben ein Netzwerk afrikanischer Religionsgelehrten geschaffen.“

Der König gibt in seinen Reden vor, wohin die theologische Reise gehen soll: Den heiligen Text nicht einfach wie etwas Unbegreifliches und Unantastbares aus dem frühen Mittelalter auf die Gegenwart projizieren, sondern dessen Sprache analysieren. Und vor allem die Vernunft anwenden.

„Die Terroristen und die Radikalen tun alles, um die Jugend auf ihre Seite zu ziehen und die Gesellschaften anzugreifen, die von den Werten der Freiheit, der Offenheit und der Toleranz geprägt sind. Sie instrumentalisieren junge Muslime, ihre Unkenntnis der arabischen Sprache und des authentischen Islam, um sie mit falschen Botschaften und Versprechungen zu verführen. Erlaubt es die Vernunft etwa zu glauben, dass der Dschihad durch den Genuss einer bestimmten Zahl himmlischer Jungfrauen belohnt wird?“

Die Gegner der von oben eingesetzten Reformer sind ebenfalls höchst einflussreich. Sie finden sich nicht nur unter den Salafisten, sondern in allen Teilen der Gesellschaft. Dort herrscht bereits seit Jahren ein latenter Konservatismus, der von saudischen oder katarischen Medien seit Jahren gefördert wird.

Der Vater des jetzigen Monarchen förderte in den 1980er-Jahren einen erzkonservativen Islam. Er gestattete einer Vielzahl von saudisch instruierten Predigern, in Marokko ihre Koranschulen aufzumachen.

„Den Salafismus habe ich in den hiesigen Moscheen gelernt. In Koranschulen, die eine offizielle Unterrichtsgenehmigung hatten. Ich habe den Salafismus nicht in irgendwelchen Geheimverstecken eingetrichtert bekommen. Sondern in den offiziellen marokkanischen Moscheen! Die offizielle Politik des marokkanischen Regimes bestand zu dieser Zeit ja genau darin, den Radikalislam zu unterstützen. Tausende Bücher mit wahabitischem Inhalt waren gratis in den Moscheen und Buchhandlungen erhältlich. In den Koranschulen selbst hat man uns also den Salafismus beigebracht.“ Diskussionen und kritisches Denken waren zusehends unerwünscht, meint der Regierungsberater Mohammed Tozy.

Wie kann man da eine Neulektüre des Korans fordern? Die Mehrheit ist nicht für eine Neulektüre des Korans. Denn die Mehrheit der Marokkaner sind Muslime. Dass die Neulektüre der religiösen Quellen breite Unterstützung findet, ist noch längst nicht ausgemacht.

Doch wenn Mohammed VI. sich bei einem seiner öffentlichen Auftritte zeigt, wird er gerade von den Jugendlichen gefeiert wie ein Popstar. Das liegt zum einen daran: Der König stammt aus einer Familie, die im Mittelalter aus dem Gebiet des heutigen Saudi Arabien eingewandert ist. Er stammt vom Propheten ab und fungiert in dessen Nachfolge als Führer der Gläubigen, also als Staats- und Religionschef in einem. Allein sein Gewand zu berühren, bringt Segen, glauben viele.

Die Wahhabiten und die Emire vom Golf; die Islamisten – sie alle sprechen zwar über Tradition. Aber Mohammed VI. verkörpert sie. Er ist sozusagen das Original. Er ist ein klassischer Kalif, sagt Mamadou Fofana, Religionsgelehrter aus Abijan. Auch wenn er den Islam modern auslegt – oder vielleicht gerade deshalb.   mehr Informationen

Erdogan kritisiert Saudis zum moderaten Islam

„Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Absichtserklärung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, Saudi-Arabien zu einer Hochburg des ‚moderaten Islam’ machen zu wollen, kritisiert.

‚Der Islam kann nicht »moderat« oder »nicht moderat« sein. Der Islam kann nur einer sein’, erklärte Erdoğan am  weiterlesen

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