Das Geschäft mit dem Schmuggel an der Grenze von Gaza und Ägypten

Die Stollen, die von Rafah auf der ägyptischen Seite der Sinai-Grenze in den Gazastreifen hinüber führen, liegen offen zu Tage. Sie sind meist zeltartig mit Segeltuch überspannt, damit man am Stolleneingang im Schatten arbeiten kann, und wohl auch, um allzu direkte Einblicke aus der Luft zu vermeiden. Man schätzt die Zahl der Stollen auf etwa 1200.

Der Untergrundverkehr nach Gaza hat in dem vergangenen Jahr solch bedeutende Dimensionen erreicht, dass von einer Geheimhaltung der Schmuggelwege nicht mehr die Rede sein kann.

Einige Betreiber der Stollen sind schwerreich geworden. Dass der „Schmuggel“ in einem derartigen Maßstab möglich ist, beruht darauf, dass die Behörden auf beiden Seiten der Grenze ihn nicht nur zulassen, sondern an ihm beteiligt sind. Formell oder informell sorgen die Stollenbetreiber dafür, dass die Sicherheitsleute auf beiden Seiten profitieren.

Diese Art des Importes dauert nun schon so viele Jahre und ist so stark angewachsen, dass sie heute die Hauptindustrie am Rande der Sinai-Halbinsel bildet. Neben den ziemlich offen agierenden „kommerziellen“ Stollen soll es auch andere geben, nämlich „militärische“. Die sind entweder weitaus besser versteckt oder als kommerzielle getarnt. Sie dienen dem Transport von Waffen, aber auch von Personen oder auch Drogen.

Von den 35 vermummten Bewaffneten, die am 5. August die ägyptischen Grenzwächter überfielen und 16 von ihnen töteten, wird angenommen, sie seien durch die Stollen aus Gaza auf die Sinai Halbinsel gelangt, um dort ihren Anschlag durchzuführen. Sie wollten dann versuchen, mit einem gepanzerten Fahrzeug, das sie von den Grenzwächtern erbeuteten, nach Israel vorzustoßen.

Manchmal zerstören die Israeli einen der Stollen. Nun haben auch die ägyptischen Militärs gelobt, sie würden „alle Stollen“ zerstören. Doch die Militärs geben nur spärliche Kommuniqués über ihre Aktivitäten an die ägyptische Presse ab.

Die Import-Export-Industrie unter der Erde hat sich so stark entwickelt und ist so tief in die gesellschaftliche und wirtschaftliche Realität der Grenze und ihrer Bevölkerung eingedrungen, dass sie kaum ausrottbar scheint. Natürlich, wenn Ägypten die Grenze nach Gaza öffnen sollte, wäre es mit dem Schmuggel vorbei, und die Gazioten müssten nicht mehr die Aufpreise zahlen, von denen die ganze heutige Grenzregion lebt und sich in einigen Fällen regelrecht bereichert.

Doch wenn Ägypten wirklich seine Grenze nach Gaza öffnete, müsste Kairo erwarten, dass Israel sich nicht mehr für Gaza zuständig erklärt. Es würde Kairo für alles verantwortlich machen, was im Gazastreifen geschieht.

Kairo müsste versuchen, den kochenden Kessel von Gaza am Überkochen zu hindern, wozu Kairo zum mindesten die volle Befehlsgewalt über den Streifen übernehmen müsste. In Ausschaltung oder in Zusammenarbeit mit Hamas. Doch Hamas möchte weder ausgeschaltet noch untergeordnet werden. Es besitzt die Herrschaft über den Streifen und gedenkt schwerlich, diese ganz oder teilweise abzutreten. Kairo ist seinerseits kaum daran interessiert, seine Herrschaft über Gaza zu errichten. Dies ginge nicht ab, ohne die ägyptische Armee dort zu stationieren, wie dies in den Jahren 1948 bis 1967 der Fall war. Doch die ägyptische Armee in Gaza wäre durch das Friedensabkommen mit Israel aus dem Jahre 1979 auch verboten.

Die gegenwärtigen ägyptischen Armeeaktionen in Sinai, was zu Ägypten gehört, werden wegen der Einschränkungen für ägyptische Truppenpräsenz und Bewaffnung in verschiedenen Zonen der Halbinsel, die in diesem Friedensabkommen stehen, in Absprache mit Israel, gewissermaßen mit einer „Sonderbewilligung Israels“, durchgeführt.

Eine volle Öffnung der Grenze nach Ägypten würde über kurz oder lang wahrscheinlich den gesamten Gazakomplex in Bewegung bringen. Im Moment sieht es so aus, dass niemand die Verantwortung für Gaza freiwillig übernehmen will. So lässt man Israel weiterhin die offiziellen Güter liefern und Ägypten liefert die lukrativen Schmuggelwaren.

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