Drei jüdische Messiaswunder

Im antiken Judentum entstand die Erwartung, dass nur der Messias folgende Wunder vollbringen kann: die Heilung eines Leprakranken, die Austreibung eines stummen Geistes und die Heilung eines blind geborenen Menschen. Als Jesus diese Dinge tat, berichtet das Neue Testament davon, dass in der Folge  die Messiasfrage unter den Juden aktuell wurde.

  1. Die Heilung des Leprakranken

Lepra im Judentum

Lepra hat nach dem Gesetz des Mose weitreichende Konsequenzen. Der Leprakranke war nicht nur krank, sondern wurde auch aus dem gesellschaftlichen und gottesdienstlichen Leben in Israel ausgeschlossen. Nur ein Priester konnte jemanden für aussätzig oder wieder gesund erklären. Ab dem Tag, an dem man für aussätzig erklärt wurde, musste man dies öffentlich bekanntgeben. Wenn jemand auf einen Leprakranken zukam, musste ihn der Kranke mit den Worten „unrein, unrein“ warnen. Für Juden ist rituelle Reinheit sehr wichtig, im Grunde war es das Schlimmste, als unrein zu gelten, da das von Gott und den Menschen trennt. Nach der Zeit Moses bis zu Jesus gibt es keinen Bericht über die Heilung eines Juden von Lepra. Miriams Heilung geschah noch zu Lebzeiten von Mose (4.Mose 12,10-14), im Falle Naamans (2.Könige 5,14) handelte es sich um einen Syrer. Mose schrieb zwei lange Kapitel (3.Mose 13-14), die davon sprechen, was zu tun ist, wenn jemand Lepra hatte und davon geheilt wird. Die Priester hatten jedoch in den über tausend Jahren seit Moses Tod nicht eine einzige Möglichkeit gehabt, die Wiederaufnahme zu praktizieren. Mit der Zeit entwickelte sich die Lehre, dass ein jüdischer Aussätziger nie geheilt werden würde, es sei denn, der Messias komme.

Die erste Heilung eines Leprakranken

Als Jesus zum ersten Mal einen Leprakranken heilte (Markus 1,40-44 / Matthäus 8,2 / Lukas 5,12-14) und dem Unheilbaren neues Leben schenkte, verursachte dies in den Reihen der Schriftgelehrten großes Aufsehen. Jesus forderte den Geheilten auf, wie in den Schriften gefordert zum Priester zur gehen und das gebotene Opfer darzubringen (Lukas 5,14). Die Priester hatten nach der Vorschrift von Mose zu untersuchen, ob der Betreffende wirklich aussätzig gewesen war, ob er geheilt worden war und wer ihn geheilt hatte. Der Mann war nach Lukas 5,12 „voll Aussatz“ gewesen. Das heißt, die Krankheit war voll ausgebrochen und für jeden offensichtlich gewesen, bevor Jesus ihn heilte. Damit waren die ersten beiden Fragen geklärt. In der jüdischen Gesellschaft beanspruchte jeder, der einen jüdischen Aussätzigen heilte, auch automatisch für sich, der Messias zu sein. Deshalb sagte Jesus, dass diese Heilung zu einem Zeugnis für die Priester geschehen ist (Lukas 5,14).

Die Untersuchung

Nun kam etwas in Bewegung. Immer wenn es bei den Juden eine messianische Bewegung gab, untersuchte der Sanhedrin diese in zwei Schritten. Die erste Phase war die Beobachtung. Es wurden Männer ausgesandt, um zu beobachten, was gesagt, gelehrt und getan wurde. Falls die Bewegung als wichtig eingestuft wurde, kam die zweite Stufe der Untersuchung zur Anwendung, die man die Phase der Befragung nannte. In Markus 2,1 lesen wir, dass die Beobachtung in Kapernaum stattfand. In Lukas 5,17 steht, dass die Schriftgelehrten aus allen Orten Israels anwesend waren. Der Grund liegt darin, dass Jesus ein messianisches Wunder vollbracht hatte: die Heilung eines jüdischen Leprakranken.

Ein göttlicher Messias

Dann brachten vier Männer einen Gelähmten zu Jesus, damit er geheilt würde. Jesus wusste, dass er beobachtet wurde und heilte den Mann nicht sofort. Stattdessen sagte er: „Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben“ (Markus 2,5). Jesus wusste, dass er damit die Autorität beanspruchte, die nur Gott hat, nämlich Sünden zu vergeben. Die Schriftgelehrten durften zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Fragen stellen. Deshalb steht in Markus 2,6: Sie „überlegten in ihren Herzen“ und in Matthäus 9,3: Sie „sprachen bei sich selbst.“ Ihren stillen Widerspruch finden wir bei Markus 2,7: „Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben außer einem, Gott?“ Ihre Theologie ist richtig. Niemand kann Sünden vergeben als allein Gott. Das bedeutet: Entweder ist Jesus ein Gotteslästerer, oder er ist der, der er behauptet zu sein – der göttliche Messias. Deshalb stellt Jesus die Frage (Markus 2,9): „Was ist leichter? Zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher?“ Es scheint, als sei es leichter, jemandem zu sagen, dass seine Sünden vergeben sind, weil man davon zunächst nichts sieht. Deshalb erbringt Jesus den unmittelbaren Beweis, dass er tatsächlich die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben, indem er den Gelähmten augenblicklich heilt (Markus 2,11-12 / Lukas  5,24-25). So zeigt Jesus, dass er es mit der Sündenvergebung ernst meint. Damit hat Jesus öffentlich den Anspruch gestellt, der göttliche Messias zu sein. Die Schriftgelehrten läuteten also die zweite Stufe der Untersuchung ein. Ab jetzt würden sie Jesus folgen, Fragen stellen und Einwände bringen, um ihn entweder abzulehnen oder anzuerkennen.

  1. Austreibung eines stummen Geistes

Nachdem Jesus mit der Heilung des Leprakranken seine Messianität öffentlich bekannt machte, verhielt er sich aber nicht so, wie die rabbinischen Gelehrten es erwarteten. Die Rabbiner erwarteten einen Messias, der ihre Gebote befolgen und sich von unreinen Menschen distanzieren würde. Jesus gab sich jedoch mit Zöllnern, Prostituierten und anderen Sündern ab. Zudem stellte Jesus die Auslegungen der Schriftgelehrten in Frage. Er interpretierte die Schriften in eigener Autorität neu und berief sich nicht auf vorangehende Rabbiner, wie es im Judentum üblich ist. Ein Beispiel dafür war die Auslegung des Schabbatgebots. Jesus brach nie den Schabbat, wie ihn Mose geboten hatte, sondern nur nach den Regeln, die die Pharisäer das Volk einzuhalten lehrten. Die Auseinandersetzung spitzte sich erneut zu, als Jesus wiederum ein klares messianisches Wunder vollbrachte: die Austreibung eines stummen Dämonen (Matthäus 9,32-34 / Matthäus 12,22-37).

Welche Autorität steht dahinter?

Die Austreibung von Dämonen war damals an und für sich nichts Außergewöhnliches. Die jüdische Praxis bestand darin, dass man den Dämon ansprach, um seinen Namen zu erfahren, um ihn dann auszutreiben. So machte es auch Jesus in Markus 5. Wenn aber ein Dämon eine Person stumm machte, war man machtlos, da man den Dämonen nicht bei seinem Namen nennen konnte. So entstand die Lehre, dass nur der Messias in der Lage sei, diese Art von Dämonen auszutreiben. Als Jesus den stummen Dämon austrieb, kam deshalb auch gleich die Frage auf, ob er der Sohn Davids sei, was ein anderer Ausdruck für den Messias ist (Matthäus 12,23). Die Schriftgelehrten mussten nun reagieren. Entweder erkannten sie jetzt Jesus als den Messias an, oder sie mussten eine andere Erklärung liefern. Deshalb behaupteten sie, dass Jesus mit dem obersten Dämon Beelzebub zusammenarbeite (Matthäus 12,24). Sie wollten Jesus nicht als den Messias anerkennen, weil er ihre Erwartungen nicht erfüllte. Weder in den Evangelien noch in den jüdischen Schriften verneinen die jüdischen Gelehrten die Wunder Jesu, aber sie schreiben die Wunder einer dämonischen Quelle zu. Das ist die offizielle jüdische Erklärung der Wunder Jesu bis heute.

Neue Strategie

Nach der öffentlichen Ablehnung und zweifachen Aussage der Schriftgelehrten, dass Jesus ein Gesandter des Teufels sei (Matthäus 9,34 / 12,24), veränderte sich das Verhalten von Jesus. Er ging von einer offen zu einer stillen Strategie über. Die darauffolgenden Wunder waren Wunder der Barmherzigkeit und dienten zur Zurüstung der Jünger. Jesus sprach nun vermehrt in Gleichnissen und forderte die Jünger mehrmals dazu auf, vorerst zu schweigen. Erst nach der Auferstehung Jesu und der Ausgießung des Heiligen Geistes trat nochmals eine Wende ein. Doch als auch das Wirken des Heiligen Geistes abgelehnt wurde, breitete sich das Reich Gottes immer mehr unter nichtjüdischen Menschen aus. Jesus ermutigte seine Jünger sogar dazu, dass sie eine Stadt verlassen sollten, wenn sie verschlossene Türen vorfinden würden (Matthäus 10,14). Nachdem er von den Schriftgelehrten offiziell abgelehnt wurde, konzentrierte sich Jesus neu auf die Schulung seiner Jünger.

  1. Heilung eines blind Geborenen

Nach dem Laubhüttenfest, an dem Tag, an dem heute die Freude an der Torah (Fünf Bücher Mose) gefeiert wird, forderten die jüdischen Schriftgelehrten Jesus heraus, indem er über eine Ehebrecherin richten sollte (Johannes 8,1-11). Jesus ließ sich aber nicht zu einem vorschnellen Urteil hinreißen und bezeichnete sich mit dem Ausdruck, dass er das „Licht der Welt“ sei (Johannes 8,12), erneut als den jüdischen Messias und den Retter der Welt. Denn in Jesaja 49,6 steht: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzubringen. So habe ich dich auch zum Licht der Nationen gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde“. Das führte zu einer Grundsatzdiskussion. In dieser drehte Jesus den Spieß um. Er nahm die gegen ihn gestellte Anschuldigung, dass er mit teuflischer Autorität handle, auf und stellte die Frage, ob nicht die Argumentation der ihn anklagenden Juden eine Lüge sei und damit ihren Ursprung beim Teufel habe. Jesus erklärte auch ganz klar, dass er keinen Dämon in sich habe (Johannes 8,49). Erneut wurde dies aber im Gegenzug von den führenden Juden behauptet (Johannes 8,52). Als Antwort auf diese Diskussion vollbrachte Jesus wiederum ein jüdisches Messiaswunder und heilte einen Menschen, der blind geboren worden war (Johannes 9).

Bedeutung der Blindheit

Die Rabbiner lehrten, dass der Grund für die Geburt eines blinden Kindes in einer Sünde der Eltern oder des Kindes zu suchen sei. Doch wie kann jemand sündigen, bevor er geboren wurde? Nach rabbinischer Auffassung geschieht das, wenn ein Kind im Bauch der Mutter eine Abneigung gegen die eigene Mutter entwickelt und die Mutter in den Bauch tritt. Als Folge davon straft Gott dieses Kind und es wird blind geboren. Im Judentum ist man oft überzeugt davon, dass einem Menschen unmittelbar etwas zustößt, weil er ein Gebot nicht beachtet hat. Wer die Gebote hält, der wird gesegnet; wer sie missachtet, den ereilt ein Unglück. Deshalb fragten auch die Jünger Jesus, wer im Falle dieses blind geborenen Mannes gesündigt habe (Johannes 9,2)

Auf verbotene Weise geheilt

Nach der damaligen Auffassung konnte nur der Messias einen Blindgeborenen sehend machen. In Jesaja 42,7 lesen wir, dass der Messias den Blinden die Augen auftun wird. Doch nach rabbinischer Auslegung war dies am Schabbat verboten: „Am Schabbat ist es verboten, einen Blinden zu heilen, weder dadurch, dass man Wein in seine Augen schüttet, noch dadurch, dass man einen Teig aus Spucke bereitet und auf seine Augen schmiert.“ Doch das genau hat Jesus getan. Am Schabbat machte er mit Spucke einen Brei, den er auf die Augen des Blinden strich. Danach schickte er ihn zum Teich Siloah. Das ist der Teich, bei dem Jesus gerade vor zwei Tagen verkündet hatte, dass er der ist, der den Lebensdurst stillt. Nun kam der Blinde am Schabbat mit dem Teig auf den Augen zu diesem Teich. Er musste durch die ganze Stadt hinuntergehen, um sich die Augen zu waschen. So bekam die ganze Stadt mit, was jetzt geschah. Als der Mann geheilt wurde, brachte man ihn sofort zu den jüdischen Führern, da das Wunder auf offensichtlich verbotene Weise geschehen war. Mit der Frage, ob er blind geboren worden war oder nicht, wollte man herausfinden, ob es sich um ein messianisches Wunder handelte. Deshalb befragten sie auch die Eltern. Als der Geheilte und die Eltern alles bestätigten, wurde die Sache brisant.

Ablehnung der Nachfolger Jesu

Die Schriftgelehrten hatten bereits erklärt, dass jeder, der Jesus als Messias anerkennt, aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird (Johannes 9,22). So befragte sie den Geheilten, wie er sich zu Jesus stelle. In Vers 32 bestätigt der Geheilte, dass bis jetzt in Israel noch niemand einen blind Geborenen geheilt hatte. Deshalb war für ihn klar, dass dies ein göttliches und messianisches Wunder war. Die Schriftgelehrten hatten nach der Austreibung des stummen Dämonen Jesus als Messias abgelehnt. Als der blind Geborene ihnen von seiner Heilung berichtete, lehnten sie nun auch ihn und die anderen Nachfolger von Jesus ab. Jeder Jude, der die göttliche Autorität von Jesus anerkannte, wurde ab diesem Moment aus der Synagoge ausgeschlossen. Aus diesem Grund entstanden im ersten Jahrhundert zwei jüdische Bewegungen: die Nazarener (die heutigen messianische Juden) und die Nabatäer, welche die Göttlichkeit Jesu ablehnten, um in den Synagogen bleiben zu können. Auch heute gibt es unter Christen wieder Gruppierungen, welche die Göttlichkeit Jesu in Frage stellen. Jesus selbst lässt uns aber gar nicht die Wahl: Entweder wir erkennen ihn mit seiner göttlichen Autorität an, oder wir lehnen ihn ab, weil er nicht unseren Vorstellungen entspricht.

Text: Hanspeter Obrist

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