Von der Sehnsucht Jude zu sein

Warum machen Menschen jüdische Wurzeln geltend? 

Jacques Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, schreibt in welt de: „Viele Deutsche – nicht nur Intellektuelle – nutzen das Jüdische, um sich Gehör zu verschaffen“.

Keine zehn Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches geschah in der geschundenen jüdischen Gemeinde Berlin etwas Merkwürdiges. Der damalige Rabbiner Nathan Peter Levinson erzählte davon.

In einer Zeit, in der jeder Jude noch an die Jahre dachte, in denen Deutschland den Juden keine Heimat, sondern ein Jagdgebiet von Verfolgern und Verfolgten war, klopften gleichsam über Nacht Hunderte von Deutschen an die Bürotür des Rabbiners mit dem Wunsch, zum Judentum überzutreten.

Es seien so viele gewesen, berichtete Levinson später, dass er sich außerstande sah, ernsthaft die Beweggründe derjenigen zu prüfen, welche eben noch Mitläufer, Denunzianten oder sogar Verfolger waren.

Levinson sah in dem Wunsch, jüdisch zu werden, die Sehnsucht, sich von der moralischen Beschmutzung zu befreien und aus jener Masse herauszutreten, die sich unter der Kollektivschuld und -scham in zwölf Jahren gebildet hatte. Diejenigen, die fortan Mitglieder der jüdischen Gemeinden sein wollten, hatten in ihrer Mehrheit ein Ziel: Sie wünschten, auf der moralisch richtigen Seite der Opfer zu stehen.

Nur den Wenigsten gelang der Übertritt. Sie wurden abgelehnt.

Zahlreiche Möchtegern-Juden, die sich immer lauter und aufdringlicher zu Wort melden, richten sich nicht nach den jüdischen Gesetzen. Diese schreiben genau vor, wer Jude ist und wer nicht. Sie besagen auch, wie Nichtjuden konvertieren können. Ahnungslos oder bewusst entnehmen sie die Definition des Jüdischen den Nürnberger Gesetzen vom September 1935. Nicht die jüdische Religion, sondern dieses Gesetzes spricht von „Halb-“ und „Vierteljuden“. Die nicht-jüdische Mehrheit erkennt sie als Juden an. Das reicht. 

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die mit ihren Holocaustvergleichen zum aktuellen Tagesgeschehen, sich von der Last des Holocaust befreien wollen. Pascal Bruckner nennt dieses Phänomen „Viktimismus“. Der französische Philosoph geht sogar so weit, ihn als eine neue Form des Antisemitismus zu beschreiben. „Sich als Opfer darstellen können, das heißt, sich die Not unter den Nagel zu reißen, sich zu deren einzigem rechtmäßigem Eigentümer zu erklären.“

Jacques Schuster meint: Wer Jude sein will, soll er konvertieren. mehr Informationen

Tuvia Tenenbom, Autor, Theaterdirektor und Rabbine, schreibt dagegen: „Wer ist Jude? ist eine der explosivsten Fragen der israelischen Politik, aber in Wahrheit wurde sie vor Ewigkeiten entschieden, nachzulesen im biblischen Buch von Ruth, unserer ersten Konvertitin: »Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein.« In anderen Worten: Es geht um die Identifikation mit dem jüdischen Volk, seinem Glauben und seinen Gebräuchen, und darum, sich dazu öffentlich zu bekennen: Ich bin Jude, dein Volk ist mein Volk, wir gehören zusammen. So einfach ist das.“

Ein Problem ist aber, dass die Reformjuden von den orthodoxen Rabbinern nicht anerkannt werden. Das Oberrabbinat in Israel führt sogar schwarze Listen mit orthodoxen Rabbinern mit liberalen Ansichten. Das führt dazu, dass sich der Staat Israel weigert, die religiöse Autorität einiger Rabbiner der orthodoxen Gemeinschaften in der Diaspora anzuerkennen. Was bedeutet das deren Konvertiten nicht als Juden anerkannt werden. mehr Informationen

In Israel selbst entstanden zwei Lager: Die Nationalreligiösen als Erben der alten orthodoxen Zionisten und die National-Ultraorthodoxen als Erben der früher antizionistischen Ultraorthodoxen. Beide zusammen machen etwa 1/5 der jüdischen Mehrheit in Israel aus.

Wer sich mit den Juden verbunden fühlt und wer als Jude anerkannt wird, bleibt eine offene Frage.

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