Türkei in der Abwärtsspirale

Die Türkei ist unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Gegner Ägyptens, Jordaniens, Saudi-Arabiens, der Golfstaaten, Zyperns, Griechenlands, der EU, der Kurden (die ein Drittel der Bevölkerung des Landes ausmachen), Armeniens, der USA und Israels geworden.

Erdoğan hat die Türkei in eine ganze Reihe von regionalen Krisenherden verwickelt. In Ägypten und Jordanien hat er die Bemühungen der Muslimbruderschaft unterstützt, die dortigen Regime herauszufordern; im östlichen Mittelmeerraum versucht er, Griechenland, Zypern, Ägypten und Israel zu schwächen, indem er nach regionaler Macht strebt, um die wirtschaftliche Ausbeute einzufahren; und es ist ihm gelungen, Ägypten gegen sich aufzubringen, indem er eine der rivalisierenden Fraktionen unterstützte, die nebenan um Libyen kämpften.

Seine Unverschämtheit zeigte sich auch anhand der Provokationen gegenüber den NATO-Verbündeten, indem er die schwache Reaktion der EU (mit Ausnahme Frankreichs) ausnutzte und die Besetzung des nördlichen Teils Zyperns mit Varosha fortgesetzt hat. Gleichzeitig geht Erdoğan gegen das Bürgertum im eigenen Land vor und hat bereits Zehntausende hinter Gitter gebracht. Ausserdem unterdrückt er die kurdische Minderheit brutal und führt militärische Übergriffe auf kurdisches Gebiet in Nordsyrien durch.

Die türkische Währung befindet sich in einer Abwertungsspirale und notiert auf einem Rekordtief zum Dollar. Am Freitag mussten für einen Dollar zeitweise mehr als 7,95 Lira bezahlt werden, so viel wie nie zuvor. Angesichts besorgniserregender Meldungen aus der Türkei galt die Plazierung einer Staatsanleihe über 2,5 Milliarden Dollar diese Woche als Erfolg. Doch das hat seinen Preis: Mit 6,375 Prozent betrage der Kupon 2 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Emission. Mexiko habe im September für 750 Millionen Euro nur 1,35 Prozent Zinsen bieten müssen. Am Markt wird vermutet, die Türkei habe sich vor noch höheren Aufschlägen schützen wollen, die nach der Wahl in Amerika drohen könnten, falls Joe Biden gewinnt. Soeben forderten Senatoren in Washington Sanktionen gegen die Türkei, weil das Nato-Mitglied das von Russland erworben Flugabwehrsystem S-400 jetzt erproben will.

Die Inflation ist zweistellig, der Realzins trotz Anhebung des Leitzinses um 2 Prozentpunkte auf 10,25 Prozent negativ. Eine Zahlungsbilanzkrise mit drastischen Auswirkungen sieht die DZ Bank am Horizont, Ghose von der Commerzbank meint: „Letztlich wird es schwierig, so etwas wie ein IWF-Hilfspaket zu vermeiden.“ Erdogan hat das ausgeschlossen.

Bemühungen der Notenbank, am Devisenmarkt einzugreifen, laufen mittlerweile ins Leere, und auch die überraschende Zinserhöhung im September scheint inzwischen verpufft zu sein. Allein seit Jahresauftakt hat die Lira fast ein Drittel verloren – binnen eines Jahrzehnts sind es mehr als 80 Prozent.

Laut der Commerzbank hat Birol Aydemir, vormals Chef des türkischen Statistikamts Turkstat, öffentlich behauptet, dass die amtlichen türkischen Daten „frisiert würden“ und das Statistikamt keine wirklich unabhängige Institution sei. Konkret warnte er, manipulierte Daten würden letztlich zu einem gefährlichen Abgleiten in den vollständigen Einbruch führen.

Im Folgenden ein Überblick über die Konsequenzen, die sich dem Verfall der Lira ergeben oder noch ergeben könnten:

Viele haben in den vergangenen Jahren Kredite im Ausland aufgenommen, weil sie dort häufig niedrigere Zinsen zahlen müssen.

Im Außenhandel allerdings kommt die schwächere Währung den Firmen zugute, weil sie ihre Produkte billiger im Ausland verkaufen können, sofern sie nicht im Ausland verschuldet sind.

Die Inflation ist ein wunder Punkt für die Türkei, die auf eine Geschichte sehr stark steigender Lebenshaltungskosten zurückblickt – die Zeit der Hyperinflation wurde erst vor 17 Jahren überwunden. Im September ging die Teuerungsrate leicht zurück, liegt mit 11,75 Prozent aber weit über der Zielmarke der Notenbank von fünf Prozent. „Wir gehen davon aus, dass die Abwertung der Lira der Haupttreiber der Inflation ist“, sagt Goldman-Sachs-Experte Kevin Daly. Verliert die Währung an Wert, verteuern sich Einfuhren.

Ein wichtiger Grund, warum Investoren das Vertrauen in die Lira verlieren, ist die Frage nach der Unabhängigkeit der Notenbank.

Goldman Sachs geht davon aus, dass die Türkei allein in diesem Jahr fast 80 Milliarden Dollar verbrannt hat, um die Währung zu stützen. Jüngsten Daten zufolge sind weniger als 20 Milliarden Dollar an Reserven übrig.  mehr Informationen

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