Tod als Erlösung vom Leben

Auszüge aus einem Interview mit Ethiker Theo A. Boer. Er trat für das Recht auf aktive Sterbehilfe ein. Doch was der Niederländer als Gutachter erfuhr, bereitete ihm schlaflose Nächte. 

Ursprünglich wollten wir den Menschen vor einem schrecklichen Sterben bewahren. Inzwischen wollen wir ihn von einem schrecklichen Leben erlösen.“

„Bei vielen Patienten kam ich zum Schluss: Die Sterbehilfe war hier nicht angebracht. „

„In den letzten Jahren häuften sich Fälle, bei denen deutlich wurde, dass wir auf eine schiefe Ebene geraten waren. Wenn zum Beispiel Druck von Verwandten ausgeübt wurde – explizit oder zwischen den Zeilen –, fand ich das höchst problematisch. „

„Ich habe feststellen müssen, dass das Angebot zum Teil tatsächlich die Nachfrage weckt.“

„In 97 Prozent der Fälle beendet der Arzt mit der Todesspritze das Leben des Patienten. Mich stört, wenn man da von der Selbstbestimmung des Patienten redet.“

„Wenn die Selbstbestimmung über das eigene Sterben ein Akt der Autonomie ist, soll der Patient so weit wie möglich diesen Suizid auch selbst organisieren und die ethische Verantwortung nicht an andere auslagern.“

Im Gegensatz zu den Katholiken und den Orthodox-Reformierten befürwortete schon 1972 die größte protestantische Kirche die Sterbehilfe. Das Credo dahinter: Gott ruft uns auf, dem Leiden aktiv zu begegnen. Inzwischen sehen sie das Gesetz etwas kritischer.

„Am Anfang der Entwicklung war der Leitbegriff noch die Barmherzigkeit. Sie wurde ab der Jahrtausendwende von Selbstbestimmung überlagert. Da sagten die Kirchen, das geht uns jetzt zu weit.“

In gewissen Regionen der Niederlande gehört die Sterbehilfe schon zu den wichtigsten Todesursachen. Erhalten wollen wir nur noch, was autonom ist, genießen kann, etwas zur Wirtschaft beitragen kann und was gesund ist. Alles, was dem nicht entspricht, gerät in eine Gefahrenzone. Diese Haltung wird auf uns selbst irgendwann wie ein Bumerang zurückkommen.

Ich habe tatsächlich viele Fälle gesehen, wo ein gewichtiger Teil des Leidens war, dass der Patient gedacht hat: Ich bin eine Last für meine Angehörigen.

Eine zunehmende Zahl der Ärzte sagt mittlerweile, wir wollen die aktive Sterbehilfe nicht mehr mitbetreiben. 2002 gaben 11 Prozent der Ärzte an, sie würden es nicht tun, 2016 waren es dann schon 19 Prozent. Dass also eine schwindende Zahl von Ärzten für eine steigende Zahl von Lebensmüden Sterbehilfe leisten muss, führt dazu, dass nicht mehr der vertraute Hausarzt die Todesspritze setzt, sondern die Mediziner in der Lebensende-Klinik. Mittlerweile sind das etwa 900 Menschen im Jahr.  mehr Informationen

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