Russland zelebriert am 9. Mai sein Selbstverständnis

Anstelle eines Gedenktages zum Kriegsende ist Russland dazu übergegangen, den Krieg zu rühmen. Der Siegeskult ist eine Staatsideologie geworden. Der Heldenmythos muss nicht einmal der Realität entsprechen – er ist Gegenstand eines blinden Glaubens. In den letzten zwanzig Jahren hat der Tag des Sieges alle Züge eines religiösen Kults angenommen.

Der Feiertag ist zu einer konstanten Liturgie geworden, zu einem ekstatischen und mystischen Wiedererleben einer Vergangenheit, die den Menschen die nicht sehr beglückende Gegenwart ersetzt hat.

Sergej Tschapnin bemerkten schon 2011, dass der 9. Mai Züge einer „Zivilreligion“ trage, die Feindbilder pflegt, Kriege glorifiziert und den Stalinismus rechtfertigt.

Ab Mitte der 2000er Jahre begann der 9. Mai, sich auf die gesamte historische Zeit auszudehnen. Nicht zufällig tauchten damals an den Autos die ersten Sticker mit dem großkotzigen Spruch „Wir können das wiederholen“ auf, mit geschmacklosen Bildern, wie Hammer und Sichel ein Hakenkreuz vergewaltigen (Butscha und Irpin?)

Im Grunde hat Putins Staat im 9. Mai seinen wichtigsten Bezugspunkt gefunden, seine Gründungsgeschichte.

Eigentlich erinnert der 9. Mai an den Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland. Doch der Kampf gegen die “Nazis“ soll dem politischen Regime Legitimität verleihen.

Der „Feiertag mit Tränen in den Augen“, der er Anfang des Jahrhunderts noch war, wurde eine militärisch-patriotische Show.

Der Sieg ist zu einem sakralen Objekt geworden, zu einem Raum, in dem es unmöglich ist, die Sowjetunion, das „Siegervolk“, Stalin und Shukow zu kritisieren, in dem das Recht des Stärkeren gesegnet ist und sich ein isolationistisches Bewusstsein à la „Wir allein gegen den Rest der Welt“ herausgebildet hat. Aus der Idee des Friedens wurde ein blutrünstiger Kriegskult.

Man will 1945 wiederholen und zelebrieren. Die Ironie des Schicksals will, dass Russland nicht die sowjetischen Befreier spielt, sondern die  Eroberer. mehr Informationen

Wladimir Solowyow, bekannter TV-Moderator, Journalist und Autor sagt auf «Russia 1»: «Ich glaube, dass die spezielle Militäroperation in eine neue Phase eintritt.» Die Ukrainer allein seien nicht mehr genug. «De facto beginnen wir, einen Krieg gegen die Länder der Nato zu führen.» «Es wird keine Gnade geben», führt Solowyow, der auch als «Putins Stimme» bekannt ist, aus. Nicht nur die Ukraine müsse denazifiziert werden. Selbstbewusst fügt er an: «Der Krieg gegen Europa und die Welt nimmt immer konkretere Konturen an. Das bedeutet, dass wir anders und härter handeln müssen.» Solowyow: «Wir werden die Kriegsmaschinerie der Nato und die Bürger der Nato-Länder zermalmen

Das Argument des russischen Außenminister Sergej Lawrow am 1. Mai, dass „die Tatsache, dass er (Selenskyj) Jude ist, die Nazi-Elemente in seinem Land nicht negiert. Ich glaube, dass Adolf Hitler auch jüdisches Blut hatte. “ ist antisemitisch. Ein Jude definiert sich nicht über das Blut. Das war die Ideologie Hitlers. Lawrow offenbart, dass er die Ideologie Hitlers vertritt.

Russland hat eine neue Propaganda-Kampagne gestartet: Wie Fotos auf Twitter zeigen werden berühmte Schweden auf Plakaten als Nazis bezeichnet. Die Plakate, die an Bushaltestellen zu sehen sind, tragen die Überschrift: «Wir kämpfen gegen Nazismus, sie nicht.» «Wir» ist in den Farben der russischen Flagge geschrieben, «sie» in jener Schwedens. (Typisch russisches Denken: Weil einer so ist, sind alle so. Weil es einzelne Nazis in der Ukraine gibt, muss man die Ukraine zerstören. In Russland gibt es aber mehr Nazis. Damit hat man die Begründung, um jedes Land auszulöschen oder zu unterwerfen). Darunter sind Pippi-Langstrumpf-Schöpferin Astrid Lindgren, Ikea-Gründer Ingvar Kamprad und Drehbuchautor Ingmar Bergman abgebildet. Neben den Portraits befinden sich aus dem Kontext gerissene Zitate. «Ich würde lieber für den Rest meines Lebens ‹Heil Hitler› rufen, als Russen in Schweden zu haben», wird Lindgren zitiert. Dies hat sie tatsächlich in ihr Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg geschrieben. Sie hat aber auch Hitler immer wieder kritisiert und war eine bekennende Gegnerin der Nazis. (Ihre Aussage war, dass die Russen schlimmer sind). Neben Kamprad steht: «Ich war ein Nazi und verehrte Hitler.» Der Ikea-Gründer sympathisierte wie auch Bergman während des Kriegs mit den Nazis. Beide bezeichneten dies nach Kriegsende aber als großen Fehler und entschuldigten sich dafür. Die Kampagne bereitet auch Sorgen: Der ehemalige Premierminister Carl Bildt fragt auf Twitter, ob Russland sich für eine «Denazifizierungs-Operation» gegen Schweden vorbereite.

Russland ist von seiner Friedensmission überzeugt die ganze Welt vor dem Untergang zu retten.

Am 27. Dezember letzten Jahres sagte Wladimir Schirinowski, ein russischer ultranationalistischer Politiker: „Am 22. Februar um 4 Uhr morgens werden Sie unsere neue Politik spüren. Ich möchte, dass 2022 friedlich ist. Aber ich liebe die Wahrheit, seit 70 Jahren habe ich die Wahrheit gesagt. Es wird kein friedliches Jahr sein, in dem Russland wieder groß wird.“ Die Bitte an Russland um Hilfe, wurde am 22. Februar von den Führern der beiden neuen Republiken unterzeichnet. Das heißt, es war alles im Voraus gut geplant. Das der Angriff um 4 Uhr beginnt, wenn auch zwei Tage später, hat sich heute bestätigt.

Die staatliche russische Nachrichtenagentur „Ria Novosti“ (3. April 22):

Russland hat im 20. Jahrhundert alles getan, um den Westen zu retten. …. Alles, was Russland für den Westen getan hat, hat es auf eigene Kosten getan, indem es die größten Opfer gebracht hat. Der Westen lehnte schließlich all diese Opfer ab, wertete Russlands Beitrag zur Lösung der westlichen Krise ab und beschloss, sich an Russland für die selbstlose Hilfe zu rächen. … Als Teil dieses Prozesses hat Russland ein hohes Potenzial für Partnerschaften und Verbündete mit Ländern, die der Westen jahrhundertelang unterdrückt hat und die sein Joch nicht wieder auferlegen werden. Ohne russische Opfer und Kämpfe wären diese Länder nicht befreit worden. Die Entnazifizierung der Ukraine ist gleichzeitig ihre Entkolonialisierung.“

 „… die direkte Anwendung des russischen Rechts und der russischen Gerichtsbarkeit im befreiten Gebiet vor Ort der Entnazifizierung, die Schaffung eines Tribunals für Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der ehemaligen Ukraine. In dieser Hinsicht sollte Russland als Hüter der Nürnberger Prozesse fungieren.“

Hubertus Knabe: „Zu den Lebenslügen deutscher Politik gehört es auch, dass die Sowjetunion Deutschland befreit hätte. In Wirklichkeit siegte ein Diktator über den anderen und errichtete im Osten Deutschlands eine neue Diktatur.“

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