Kulturelle Grenzen überschreiten

Kornelius geht einen ungewohnten Weg. Er betet nicht zu den vielen Schutz-Göttern der Römer, sondern zum Schöpfer-Gott der Juden. Wahrscheinlich war er sich nicht sicher, ob Gott ihm gnädig ist – ihm, dem Nichtjuden, der sich nicht beschneiden lassen hat und nicht zum Judentum konvertiert ist, was ihn auch seinen Job gekostet hätte. In einer Gebetszeit während der Nachmittags-Siesta wird er sehr ermutigt, als er von einem Engel erfährt, dass seine Gebete erhört worden sind. Wer Gott von ganzem Herzen sucht, von dem lässt Gott sich finden. Kornelius war auf sich alleine gestellt. So kommt es, dass Gott ihn mit anderen Gläubigen in Kontakt bringen möchte. Aber das war nicht so einfach. Denn die Jesusnachfolger waren alle Juden und durch die rabbinischen Gesetze war der Kontakt mit Nichtjuden verboten. Gott fordert Petrus auf, Grenzen zu überschreiten, und sein Denken zu verändern. Gott fordert auch uns manchmal auf, über unsere natürlichen und kulturellen Grenzen hinaus in seinem Auftrag einen Schritt hin zu anderen Menschen zu machen.

Montag, 15. Februar 2021, Radio Maria Schweiz

Sendung Spiritualität, Messianisches Judentum mit Hanspeter Obrist

Nach der Sendung erscheint hier ein Player. Die Sendung kann auch auf dem Podcast von Radio Maria Schweiz gehört werden: Link zu den Sendungen im Radio Maria  https://www.radiomaria.ch/de/podcasts?combine=Hanspeter+Obrist

Kulturelle Grenzen überschreitenPetrus und Kornelius  

In Israel ist es Pflicht, dass man bei einer Gruppenreise einen israelischen Reiseführer haben muss. Oft erzählen dann die Reiseführer in Jaffa beim Haus vom Simon dem Gerber, dass hier Petrus eine Vision hatte und dass das der Grund ist, weshalb die Christen nicht koscher essen. Juden essen koscher, indem sie auf den Verzehr bestimmter Tiere verzichten sowie Fleisch und Milchprodukte getrennt essen.

Tatsächlich denken viele, dass es bei der Vision von Petrus mit dem Tuch vom Himmel mit den unreinen Tieren ums Essen geht. Doch Jesus hat schon in Matthäus 15,11 gesagt: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“

Die Kornelius-Erzählung ist die längste Einzelerzählung in der ganzen Apostelgeschichte. Dass sie so viel Raum einnimmt, zeigt uns, dass sie sehr wichtig ist. Deshalb wollen wir schauen, was der entscheidende Punkt darin ist.

In Apostelgeschichte 10 steht:

1 In Cäsarea lebte ein Mann namens Kornelius, Hauptmann in der sogenannten Italischen Kohorte; 2 er lebte mit seinem ganzen Haus fromm und gottesfürchtig, gab dem Volk reichlich Almosen und betete beständig zu Gott. 3 Er sah um die neunte Tagesstunde in einer Vision deutlich, wie ein Engel Gottes bei ihm eintrat und zu ihm sagte: Kornelius! 4 Kornelius blickte ihn an und fragte erschrocken: Was ist, Herr? Er sagte zu ihm: Deine Gebete und Almosen sind zu Gott gelangt und er hat ihrer gedacht. 5 Schick jetzt einige Männer nach Joppe und lass einen gewissen Simon herbeiholen, der den Beinamen Petrus hat. 6 Er ist zu Gast bei einem Gerber namens Simon, der ein Haus am Meer hat. 7 Als der Engel, der mit ihm sprach, weggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Haussklaven und einen frommen Soldaten von denen, die ihm treu ergeben waren. 8 Er erzählte ihnen alles und schickte sie nach Joppe.

Was ist in diesem Abschnitt außergewöhnlich?

Zuerst stellen wir fest, dass es immer Menschen gibt, die Gott mit aufrichtigem Herzen suchen. Gott sieht sie und kümmert sich um sie. Es hat immer Nichtjuden gegeben, die auch an den Gott Israels glaubten.

Schon Jesus sagt in Matthäus 23,15, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer über Land und Meer ziehen, um Menschen für ihren Glauben zu gewinnen.

Das Judentum hat also immer auch missioniert, aber nie jemanden zum Glauben gezwungen. Jedes Jahr konvertieren weltweit mehrere tausend Menschen zum Judentum. Sie tun es aus freien Stücken. Auch der Vater des berühmten Rabbi Akiba war ein Konvertit. Wir lesen in der Apostelgeschichte dreimal von Proselyten in Apostelgeschichte 2,11; 6,5 und 13,43.

Es gab also viele Menschen, die die Lehren des Judentums ansprechend fanden. Doch die Männer hielten sich oft zurück und wollten sich nicht beschneiden lassen. Deshalb trifft Paulus in Philippi in Apostelgeschichte 16,13 nur auf Frauen, die sich zum Gebet versammelt haben.

Kornelius, ein Hauptmann über 300 – 600 Soldaten, geht einen ungewohnten Weg. Er betet nicht zu den vielen Schutz-Göttern der Römer, sondern zum Schöpfer-Gott der Juden. Auch die Mitglieder seines Hauses verehren mit ihm den Landes-Gott.

Kornelius lebt in der damaligen römischen Hafenstadt Cäsarea. Die Residenzstadt des römischen Prokurators hatte zeitweise bis zu 120‘000 Einwohner.

Der Glaube ist Kornelius ein Herzensanliegen. Deshalb nimmt er sich Zeit zum Beten und unterstützt hilfsbedürftige Mitmenschen. Wahrscheinlich war er sich nicht sicher, ob Gott ihm gnädig ist – ihm, dem Nichtjuden, der sich nicht beschneiden lassen hat und nicht zum Judentum konvertiert ist, was ihn auch seinen Job gekostet hätte.

In einer Gebetszeit während der Nachmittags-Siesta wird er sehr ermutigt, als er von einem Engel erfährt, dass seine Gebete erhört worden sind. Wer Gott von ganzem Herzen sucht, von dem lässt Gott sich finden.

Doch Kornelius fehlt noch etwas Wichtiges: Jesus, der jüdische Messias. Der Engel hat jedoch nicht den Auftrag, Kornelius das Evangelium zu predigen, sondern ihm zu helfen, eine Verbindung mit einem menschlichen Zeugen herzustellen.

Das passiert auch heute noch im Nahen Osten. Die Menschen dort wollen mit Gott leben, wissen aber oft nicht, wie. Und der Islam gibt ihnen keine Antworten. Dann kann es sein, das sie in einem Traum plötzlich eine Adresse erfahren. So kann es schon mal vorkommen, dass jemand an der Haustüre klingelt und fragt, ob hier jemand wohnt, der Gott kennt.

Ich finde das sehr spannend. Gott führt Menschen zusammen. Gott gebraucht Menschen, damit wir einander helfen. Das Normalste ist, dass wir einfach offen sind und für die Menschen Zeit haben, die Gott uns über den Weg schickt.

Cäsarea war damals mit dem modernsten Hafen das Tor in die Welt. Jetzt soll Kornelius Petrus holen, der sich im alten Hafen von Israel aufhält. Jaffa war der alte Hafen von Jerusalem. Da merken wir: Etwas Neues bricht an.

Kornelius war auf sich alleine gestellt. So kommt es, dass Gott ihn mit anderen Gläubigen in Kontakt bringen möchte.

Aber das war nicht so einfach. Denn die Jesusnachfolger waren alle Juden und durch die rabbinischen Gesetze war der Kontakt mit Nichtjuden verboten. Juden machten damals nicht einen Schritt in das Haus eines Nichtjuden. Bei der Verurteilung von Jesus wollte beispielsweise kein Jude einen Schritt in das Haus von Pilatus machen (Johannes 19).

Ist jemand bereit, diese kulturelle Grenze zu überschreiten?

Der Text geht so weiter:

9 Am folgenden Tag, als jene unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde. 10 Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. 11 Er sah den Himmel offen und eine Art Gefäß herabkommen, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde. 12 Darin waren alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. 13 Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 14 Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. 15 Da erging die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein! 16 Das geschah dreimal und sogleich wurde das Gefäß in den Himmel hinaufgenommen. 17 Petrus war noch ratlos und überlegte, was die Vision, die er gehabt hatte, wohl bedeutete;

Petrus ist hier ratlos. Was war die Schwierigkeit in dieser Vision?

Einerseits sehen wir, dass Petrus noch nie etwas Unreines gegessen hat. Das bedeutet, dass Petrus ein gewissenhafter Jude ist, der es sehr genau nimmt und nie in das Haus eines Nichtjuden gehen würde. Im Judentum dreht sich alles um die Frage, ob etwas rein oder unrein ist. Christen sprechen von Sünde, was Zielverfehlung bedeutet und auf einer ethischen Ebene stattfindet. Juden möchten rein bleiben. Deshalb halten sie sich von allem Unreinen fern. Welche Tiere rein und welche unrein sind, folgt keiner für uns erkennbaren Logik. Das erste Mal sehen wir diese Unterscheidung bei Noah, als die Tiere in die Arche aufgenommen wurden (1.Mose 7,2).

Und jetzt steht da in Vers 15: „Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!“

Gott selbst durchbricht also die Reinheitsregeln. Das geschieht drei Mal. Also muss es etwas Wichtiges sein. Petrus fällt es nicht leicht, den Sinn zu verstehen, und die Vision geschah auch nicht, weil er gerade Hunger hat und jemand Essen zubereitet.

Ich lese weiter in Vers 17: „Siehe, da standen die von Kornelius gesandten Männer, die sich zum Haus des Simon durchgefragt hatten, am Tor. 18 Sie riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast sei. 19 Während Petrus noch über die Vision nachdachte, sagte der Geist zu ihm: Siehe, da sind drei Männer und suchen dich. 20 Steh auf, geh hinunter und zieh ohne Bedenken mit ihnen; denn ich habe sie geschickt. 21 Petrus stieg zu den Männern hinab und sagte: Siehe, ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund seid ihr hier? 22 Sie antworteten: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, der beim ganzen Volk der Juden in gutem Ruf steht, hat von einem heiligen Engel die Weisung erhalten, dich in sein Haus holen zu lassen und zu hören, was du ihm zu sagen hast.

Hier kommt wieder die Zahl Drei vor. Könnte das etwas für Petrus bedeuten?

Ich denke, das war für Petrus eine wichtige Bestätigung. Mich erinnert es an Jesaja 6,3. Da steht: Heilig, heilig, heilig ist der HERR der Heerscharen. Erfüllt ist die ganze Erde von seiner Herrlichkeit.“ Auch im Priestersegen in 4. Mose 6,24-26 wird Gott dreimal angerufen – als der Geber aller Dinge, als der Herr, der gnädig ist und als der, der uns Frieden schenkt, was die Eigenschaften von Vater, Sohn und Heiligem Geist beschreibt.

Und jetzt stehen drei Männer hier. Gerade vorher hatte Petrus dreimal die gleiche Vision. Und jetzt laden sie ihn ein, freiwillig in das Haus eines Nichtjuden zu gehen. Für Petrus ist das eigentlich unmöglich. Denn damit macht er sich nach jüdischer Vorstellung unrein. Aber in Vers 19-20 „sagte der Geist zu ihm: Siehe, da sind drei Männer und suchen dich. 20 Steh auf, geh hinunter und zieh ohne Bedenken mit ihnen; denn ich habe sie geschickt.“

Also ist es für ihn klar, dass er sich auf den Weg machen soll.

Gott fordert ihn auf, Grenzen zu überschreiten und sein Denken zu verändern. In Psalm 96,3 steht: Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!“ Gott selbst hat seinem Volk den Kontakt zu den Nichtjuden nicht verboten, doch die rabbinischen Gesetze schufen eine Distanz.

Gott fordert uns manchmal auf, über unsere natürlichen und kulturellen Grenzen hinaus in seinem Auftrag einen Schritt hin zu anderen Menschen zu machen.

Cäsarea ist 50 km von Jaffa entfernt. Daher geht der Text so weiter:

23 Da ließ er sie eintreten und nahm sie gastlich auf. Tags darauf machte er sich mit ihnen auf den Weg und einige Brüder aus Joppe begleiteten ihn. 24 Am folgenden Tag kamen sie nach Cäsarea. Kornelius erwartete sie schon und hatte seine Verwandten und seine nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Als nun Petrus ankam, ging ihm Kornelius entgegen und warf sich ihm ehrfürchtig zu Füßen. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sagte: Steh auf! Auch ich bin nur ein Mensch. 27 Während er sich mit ihm unterhielt, ging er hinein und fand dort viele Menschen versammelt. 28 Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf. 29 Darum bin ich auch ohne Widerspruch gekommen, als nach mir geschickt wurde.

Hier im Vers 28 steht ganz klar, was es mit der Vision auf sich hat. Petrus sagt: „Gott hat mir gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf.

Wir sollen über keinen Menschen ein Urteil sprechen. In der Bergpredigt, in Matthäus 7,1, sagt Jesus: Richtet nicht.

Es ist eine große Herausforderung, dass wir Menschen nicht ver- und beurteilen. Petrus hätte denken können: „Zu Kornelius gehe ich nicht. Der ist ein Hauptmann der Besatzungsmacht. Ich gehe doch nicht zu unseren Feinden!“

Als Menschen, die mit Gott leben, brauchen wir manchmal viel Mut, um über den eigenen Schatten zu springen. So erging es in der Bibel auch Jona. Gott schickte ihn zu den damals schlimmsten Menschen in Ninive.

Der Einstieg bei Kornelius verläuft schon einmal unerwartet ab. Als Petrus ins Haus kommt, fällt Kornelius ehrfürchtig vor ihm nieder. Ein Römer verbeugt sich vor einem Juden! Petrus richtet ihn sogleich auf und sagt: „Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch!“

Petrus will nicht, dass man sich vor ihm verneigt. Als sie gemeinsam in den Empfangssaal kommen, ist dieser gefüllt mit erwartungs­vollen Menschen.

Petrus muss zuerst etwas klarstellen: Eigentlich dürfte er gar nicht hier sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre er nicht gekommen. Sicher kein sehr glückliches Begrüßungswort von Petrus. Dann fragte er Kornelius nach seinem Anliegen.

Nun frage ich: Warum habt ihr mich holen lassen? 30 Da sagte Kornelius: Vor vier Tagen um diese Zeit war ich zum Gebet der neunten Stunde in meinem Haus; siehe, da stand ein Mann in einem leuchtenden Gewand vor mir 31 und sagte: Kornelius, dein Gebet wurde erhört und deiner Almosen wurde vor Gott gedacht. 32 Schick jemanden nach Joppe und lass Simon, der den Beinamen Petrus hat, holen; er ist Gast im Haus des Gerbers Simon am Meer. 33 Sofort habe ich nach dir geschickt und es ist gut, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir alle hier vor Gott zugegen, um all das anzuhören, was dir vom Herrn aufgetragen worden ist. 34 Da begann Petrus zu reden und sagte: Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, 35 sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. 36 Er hat das Wort den Israeliten gesandt, indem er den Frieden verkündete durch Jesus Christus: Dieser ist der Herr aller. 37 Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: 38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. 39 Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. 40 Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, 41 zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. 42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Dieser ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. 43 Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt. 44 Noch während Petrus dies sagte, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hörten. 45 Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde. 46 Denn sie hörten sie in Zungen reden und Gott preisen. Petrus aber sagte: 47 Kann jemand denen das Wasser zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? 48 Und er ordnete an, sie im Namen Jesu Christi zu taufen. Danach baten sie ihn, einige Tage zu bleiben.

Was ist der Knackpunkt an diesem Text?

Aus unserer Sicht tönt es nicht so außergewöhnlich. Da sind Menschen, die von Jesus hören, an ihn glauben, vom Heiligen Geist erfüllt werden und sich taufen lassen. Mit jüdischen Ohren gehört ist dieser Text aber eine Revolution. Gott sagte in 2.Mose 19,6: „Ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.“ Also die Juden sollen eine Art Vermittlerrolle zu Gott haben.

Und jetzt kommt der Heilige Geist auch über die Nichtjuden! Darum heißt es hier in Vers 45: „Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.“

Als Priester hatte Gott doch die Juden erwählt! Und nun kommt Gott direkt zu jedem Glaubenden. Dieses Unmittelbare war unerwartet, obwohl Jesus es schon in Johannes 14,23 gesagt hatte: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“

Gott erbarmt sich also nicht nur über die Nichtjuden, sondern kommt durch den Heiligen Geist zu ihnen und macht keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Das hat niemand erwartet und macht die Begleiter von Petrus fassungslos.

Petrus beginnt zu begreifen, dass Gott ihm nicht nur ausnahmsweise erlaubt hat, hierher zu kommen. Er lernt, dass Gott nicht auf die Herkunft achtet, sondern auf das Herz. Egal aus welchem Volk und aus welcher kirchlichen Tradition man kommt: Gott schaut auf das Herz, so wie es auch bei der Berufung von David zum König gesagt wird: „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz (1.Samuel 16,7).

Ganz schlicht schildert Petrus alles, was mit Jesus geschehen ist. Plötzlich wird es unruhig. Laut beten und preisen die Zuhörer Gott. Kein Zweifel: Gott schenkt auch den Nichtjuden seinen Geist und lässt sie durch Jesus zu Gottes Kindern werden. Vor Gott gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden (siehe Galater 3,28).

Hier sind zum ersten Mal Juden und Nichtjuden zusammen, die Gott gemeinsam preisen. Alle, die für Gottes Wirken offen sind, empfangen Vergebung und den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist nicht eine Belohnung für ein geheiligtes Leben. Vielmehr heiligt er selbst ein Leben Schritt für Schritt. Der logische nächste Schritt für die römischen Gläubigen ist daher die Taufe.

Der Besuch bei Kornelius markiert den Beginn der sogenannten Heidenmission. Heiden sind im biblischen Sprachgebrauch die Nichtjuden. Mission bedeutet, von jemandem (Gott) gesandt zu sein und in seinem Auftrag zu handeln. In 2.Korinther 5,20 schreibt Paulus von „Gesandte an Christi statt“.

Heute werden beide Worte anders gebraucht. Heiden werden als Menschen interpretiert, die nicht an Gott glauben. Unter Mission versteht man, dass man jemand mit Druck zu seiner Überzeugung bekehren will. Das können alle möglichen ideologischen Überzeugungen sein.  

Was uns hier geschildert wird, ist eine Veränderung im Denken der ersten Jesusnachfolger. Gottes Geist bewegt sie, den ersten kulturübergreifenden Schritt zu tun.

Jetzt tauft Petrus die nichtjüdischen Gläubigen, ohne sie vorher zu Juden zu machen. Das bringt alles durcheinander. So lesen wir in Apostelgeschichte 11,1-18:

1 Die Apostel und die Brüder in Judäa hörten, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten. 2 Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor: 3 Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen. 4 Da begann Petrus, ihnen der Reihe nach zu berichten:

Er erzählt nochmals die ganze Geschichte von der Vision.

Dann in Vers 15 steht: Als ich zu reden begann, kam der Heilige Geist auf sie herab, wie am Anfang auf uns. 16 Da erinnerte ich mich an das Wort des Herrn: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden. 17 Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns, als wir zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte? 18 Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr zum Leben geschenkt.

Warum wird hier die ganze Geschichte nochmals wiederholt?

Hier passiert etwas Außergewöhnliches. Der Leser soll begreifen, dass dieses Ereignis wichtig ist. Hier wird eine Tradition durchbrochen. Es ist ja auch spannend, dass die Leute in Jerusalem sich nicht einfach freuen, sondern Petrus kritisieren, weil er in das Haus eines Nichtjuden gegangen war.

Zuerst musste Gott Petrus überzeugen, dass er zu Kornelius ging. Und nun muss Petrus seine Freunde überzeugen, dass hier Gott gehandelt hat und es nicht eine Idee von Petrus selbst war.

Dabei ging es nicht einfach um ein Glaubenserlebnis. Hier steht: 17 Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns, als wir zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?

Gaben sind dazu da, damit wir einander dienen. Gott will auch Nichtjuden als seine Werkzeuge gebrauchen. Damit ist die alte Rollenverteilung aufgehoben worden.
Petrus rechtfertigt sich mit dem Satz: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?

Der Heilige Geist braucht viel Überzeugungskraft, damit die jüdischen Jesusnachfolger einen kulturübergreifenden Schritt wagen. Durch die starke Vision und die Botschaft des Engels sowie die Bestätigung des Heiligen Geistes wird allen klar: Hier ist Gott am Werk. Die Kritiker verstummen. Gott hat eine neue Zeit eröffnet.

Wichtig ist in diesem Text: Es geht nicht um koscheres Essen.

Es geht darum, dass wir Menschen nicht beurteilen oder in Kategorien einteilen. Gott sieht auf das Herz. Gott schickt manchmal seine Leute zu den „Feinden“, weil auch dort Menschen sind, die sich nach ihm sehnen.

Ganz spannend finde ich: Gott ist der Aktive – nicht Petrus.

Weiter fällt mir auf: Gott möchte jeden Menschen Begabungen schenken und bei ihm sein. Wir sollen einander dienen. Das ist auch heute noch einer der Knackpunkte. Gott gebraucht jeden. In Bezug auf das messianische Judentum sollen wir voneinander lernen. Gott möchte, dass wir uns ergänzen.

Es ist auch eine große Ermutigung für uns alle, dass Gott bei jedem von uns persönlich sein will, egal welchen Hintergrund ich habe. Wer sich ihm öffnet, zu dem kommt er.

Text: Hanspeter Obrist Februar 2021

 

Ein Gedanke zu „Kulturelle Grenzen überschreiten“

  1. Frage von FB: Jesus hat sich in Matthäus 15 auf das Händewaschen bezogen, weil die Pharisäer daraus ein Gebot gemacht haben, es aber in der Bibel nirgends geboten wird.

    Antwort: Jesus antwortet in Matthäus 15,1-20 auf der ethischen Ebene. Beim Glauben geht es nicht um Essen oder nicht Essen, Hände waschen oder nicht waschen, sondern um das Verhalten. Am Apostelkonzil (Apg. 15) ging es auch nicht um reine und unreine Tiere. Im Apostelkonzil wurde festgehalten, dass Nichtjuden auch keinen anderen Göttern dienen (Götzenopfer), die ethischen Werte einhalten (keine Unzucht), kein Aas essen (Ersticktes oder ungetötete Tiere oder vergammeltes Fleisch), enthalten vom Blut (kein Blutvergiessen oder kein „lebendiges“ Blut konsumieren). Paulus sagt in Römer 14,17: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“

    Frage FB: Aber Jesus hat in Matthäus 5,17-20 gesagt, dass das Gesetz nicht aufgehoben wird.

    Antwort: In Matthäus 5,17 steht: Jesus ist gekommen, um das Gesetz zu erfüllen. Erfüllt ist es am Kreuz, indem Jesus für die Zielverfehlung (Sünde) der Menschen gestorben ist und durch die Auferstehung bewies, dass er den Tod überwunden hat. Wer die Forderung des Gesetzes nach Versöhnung mit Gott verwirft, ist wie die Pharisäer.

    War nicht der Finanzminister von Äthiopien (Apostelgeschichte 8) der erste nichtjüdische Gläubige?

    Der Finanzminister lebte schon jüdisch. Deshalb ist er nach Jerusalem gepilgert und hat sich eine Jesajarolle erstanden. Kornelius aber konvertierte nicht, den Petrus sprach ganz klar von einem nichtjüdischen Haus.

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