Juden und Christen im Gespräch über die Bibel

Das jüdische Schriftverständnis

Dienstag, 18. Januar, 20.15 Uhr, Radio Maria Schweiz

Mit Dr. Richard Breslauer und Hanspeter Obrist

Zusammenfassung der Sendung:

Die jüdischen Schriften

Die Basis des Judentums ist die Bibel. Das wichtigste Buch der Bibel sind die fünf Bücher von Mose (die Tora). Dazu kommen noch die Bücher, die zum jüdischen Bibelkanon gehören (Tanach). Zusätzlich gibt es auch noch die Schriften des Talmuds, die Schriften von Maimonides und den Schulchan Aruch (was „gedeckter Tisch“ bedeutet).

Die Bücher des Tanach sind die schriftliche Auslegung der Tora, die anderen die mündliche Auslegung. Im 1. Jahrhundert, nach der Zerstörung des Tempels, entstand die Sammlung der Mischna.  Das Wort „Mischna“ bedeutet „lernen, wiederholen“. Die Mischna besteht aus 6 Teilen und erweitert und erklärt die Aussagen aus der Tora (den fünf Büchern von Mose). Später entstand der Talmud (3. Jahrhundert). Ein Talmud ist in Babylon verfasst worden und der andere in Jerusalem.

Über die Mischna wurde über mehrere hundert Jahre lang diskutiert. Der Talmud ist sozusagen „das Protokoll“ dieser Gespräche der Rabbiner. Der Talmud entscheidet meistens nicht, was richtig oder falsch ist. Erst Maimonides (1135-1204) aus Spanien hat im 13. Jahrhundert den Talmud genommen und entschieden, wie man sich verhalten soll. In Krakau in Polen verfasste auch Rabbi Joseph Ben Ephraim Karo (1488-1575) einen Gesetzeskodex, den Schulchan Aruch. Er wollte auf den Tisch legen, was gelten soll. Die Schriften des Maimonides und der Schulchan Aruch werden weltweit akzeptiert und geben an, wie man die Gesetze einhalten soll.

Das christliche Schriftverständnis (Hp.Obrist)

Paulus schreibt im 2. Brief an Timotheus in Kapitel 3,15-17: „15 du kennst von Kindheit an die heiligen Schriften, die dich weise machen können zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus. 16 Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 17 damit der Mensch Gottes gerüstet ist, ausgerüstet zu jedem guten Werk.“

Mit dem Begriff „die heiligen Schriften“ meint Paulus die jüdische Bibel – also den Tanach, bestehend aus den fünf Büchern Mose (Tora), den Propheten (Nevi’im) und den Schriften (Ketuvim). Der Tanach war die Bibel der ersten Jesusnachfolger.

Jesus sagt in der Bergpredigt in Matthäus 5,17: „Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“

In Lukas 24,44 sagt Jesus nach der Auferstehung zu den versammelten Jüngern: „Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“

Hier haben wir wieder diese Dreiteilung des Tanach, die auch im Judentum vorhanden ist.

Das Neue Testament ist also die Interpretation Jesu der jüdischen Schriften, also des Tanach.

Jeder Vers im Neuen Testament hat eine Vorgeschichte im ersten Testament. Deswegen haben Juden und Christen gemeinsame Bücher.

So wie das Herz der Juden im Talmud und der Tora verwurzelt ist, so ist das Herz der Jesusbewegung im Neuen Testament (Brit HaChadascha) und im Tanach verwurzelt.

Der Talmud enthält die jüdische Interpretation der mündlichen Tora. Der Talmud selbst enthält somit keine biblischen Gesetzestexte (Tanach), sondern zeigt auf, wie diese Regeln in der Praxis und im Alltag von den Rabbinern verstanden und ausgelegt wurden. Der Talmud besteht aus der Mischna, der Gemara und jüngeren Kommentaren.

Das Neue Testament enthält die Jesus-Interpretation der jüdischen Bibel, dem Tanach.

Die ersten schriftlichen Wurzeln des Neuen Testaments waren die Notizen des Jüngers Matthäus über die Bergpredigt, die um das Jahr 30 angefertigt wurden. Die späteste Schrift des Neuen Testaments ist die Offenbarung von Johannes, die um 95 nach unserer Zeitrechnung entstand.

Die Mischna als Grundlage des Talmuds ist nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 aufgeschrieben worden. Jehuda ha-Nasi (165-217 n. Chr.) sammelte und redigierte im 3. Jahrhundert die Mischna. Die spätesten Schriften des Talmuds stammen aus dem zwölften und dem dreizehnten Jahrhundert. Sie wurden von den Tosafisten (also Glossatoren, wörtlich „die Hinzufügenden“) angefertigt. Der erste Druck des babylonischen Talmuds aus dem Jahr 1523, editiert von Jacob Ben Chajim, stammt aus der Druckerei von Daniel Bomberg, einem aus Antwerpen stammenden Christen, der zwischen 1516 und 1539 in Venedig tätig war. Die von Bomberg eingeführte Folio-Zählung wird heute noch benutzt.

Der Talmud und das Neue Testament sind beides Anleitungen, wie man die jüdische Bibel praktisch im Leben umsetzt.

Sowohl der Talmud, der ab dem 3. Jahrhundert entstand,  als auch das Neue Testament aus dem ersten Jahrhundert sind beides jüdische Schriften. Beide verstehen sich  als eine Umsetzung der jüdischen Bibel und dass sie aus ihr heraus entstanden sind, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das Neue Testament entstand aus einer messianischen Bewegung heraus, die Schriften des Judentums  entstammen einer Interpretationskultur.

Ein anderer Unterschied zwischen beiden Schriftwerken ist, dass Christen alle jüdischen Schriften als gleichwertig betrachten. Für Juden ist jedoch die Tora mit dem Talmud die oberste Autorität, erst dann kommen die Propheten und die anderen Schriften.

Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Wie sich manche Juden nur noch auf den Talmud stützen, so konzentrieren sich auch einige Christen nur noch auf das Neue Testament.

Vor dem zweiten Weltkrieg war der Austausch zwischen Rabbinern und Pfarrern sehr intensiv. Viele Bibelausleger haben von dem rabbinischen Hintergrundwissen profitiert.

Wir stellen fest: Wir können voneinander lernen. Denn jede Richtung entdeckt in den gemeinsamen Schriften neue Aspekte. Ob wir diese Gedanken für unsere eigene Vorstellung vom Glaubensleben übernehmen, ist dann wieder eine persönliche Frage.

Wer hat nach jüdischem Verständnis die Tora revidiert und ergänzt?

In der Tora gibt es wiederkehrende Zeitangaben wie „bis auf den heutigen Tag“. Es stellt sich auch die Frage, wer den Tod von Mose aufgeschrieben hat.

Das jüdische Verständnis davon, wie die Tora entstanden ist, ist nicht so eindeutig und klar. Eine übliche Aussage ist, dass die Tora 70 Gesichter hat. Das bedeutet, dass es immer mehrere Ansichten gibt und damit auch immer verschiedene Antworten. Maimonides hat ein Glaubensbekenntnis bestehend aus 13 Paragrafen verfasst. Eine Aussage in diesem Bekenntnis ist: „Ich glaube mit voller Überzeugung, dass die Tora, die heute in unseren Händen ist, die Tora ist, die Mose am Berg Sinai von Gott bekommen hat.“ Mose hat sie dann Josua weitergegeben, dieser der nächsten Generation und so weiter.

Ein Teil des Talmuds sind die Midrasch, die Erzählungen. Darin wird beschrieben, dass Josua die letzten Verse über den Tod von Mose geschrieben hat. Der erste Ausleger der Tora war Mose selbst. Das steht im 5. Buch Mose, Kapitel 1,5. Dort wiederholt Mose die Geschichte und die Gesetze und gibt ihnen eine gewisse Interpretation.

Der Prophet Esra wird auch Esra HaSofer genannt, was bedeutet: Esra, der Schriftsteller. Er erscheint nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil in Jerusalem. Während dieser Zeit haben die im Land Zurückgebliebenen fast alles vergessen, was ihnen einst über die Tora gelehrt worden war. Daher kommt Esra zu ihnen und lehrt sie die Schriften. Esra hat auch einige Gesetze eingeführt. Esra und Nehemia beantworten zudem die entstandenen Fragen. Damals gab es schon den Tanach.

Die mündliche Tora ist ab dem ersten Jahrhundert (nach der Zerstörung des Tempels) schriftlich festgehalten worden. Zuvor wurde sie mündlich von Generation zu Generation überliefert. Der Grund für die mündliche Überlieferung war, dass die göttlichen Worte (Tora) aufgeschrieben worden waren und man dazu nichts hinzufügen durfte. So entstanden mündliche Überlieferungen neben der Tora. Doch die Sammlung wurde mit der Zeit immer grösser. Deshalb hat Rabbi Jehuda ha-Nasi (165-217 n. Chr.) diese Sammlung aufgeschrieben. Auch wenn sie jetzt schriftlich vorliegt, nennt man sie weiterhin die mündliche Tora.

Der Talmud ist das Protokoll der rabbinischen Lehrhäuser in den ersten Jahrhunderten. Der Text ist ziemlich schwierig. Der bekannteste Kommentator ist Raschi (1040-1105 n. Chr.). Er lebte in Frankreich und in Worms in Deutschland. Nach ihm gab es noch mehrere Gelehrte im europäischen Raum (Baalei Tosafot).

Der Talmud ist dazu da, die Tora zu interpretieren. Die Tora gibt ein Gesetz, aber es ist oft nicht klar, wie das umgesetzt werden soll. Deshalb erklärt die talmudische Literatur, wie die konkrete Anwendung aussieht. In der Tora steht beispielsweise, man soll heiraten. Aber wie genau das geschehen soll, ist nicht ausgeführt. Da kommt die talmudische Literatur zum Tragen und erklärt die Sache.

Wann hat das Rabbinertum angefangen?

Nach der Zerstörung des Tempels mussten im Judentum neue Formen des Gottesdienstes gefunden werden. Von da an entstanden die Rabbinerschulen. Schon vorher hat es Rabbiner gegeben. (Paulus studierte beispielsweise bei Rabban Gamaliel dem Älteren, einem Enkel von Hillel). Auch Jesus wird „Rabbi“ genannt. Es gab also schon vorher Rabbiner, aber sie haben nicht ein solches Gewicht gehabt wie nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70.

Wann wurde der Sanhedrin (Hohe Rat) eingesetzt?

Der Sanhedrin war ein Teil der jüdischen Führung und der Gerichtshof des Judentums. Jesus hat einmal gesagt, man soll sich nicht so verhalten wie die Sofrim (Schriftgelehrten, Rabbiner), die nach außen perfekt auftreten, aber selbst vieles anders machen, als das Gesetz es eigentlich verlangen würde. Einer der Vertreter dieser ersten Sofrim ist Esra, der in der Interpretation der Tora eine wichtige Rolle gespielt hat.

Gibt es Beispiele dafür, um was es im Talmud geht?

Die jüdischen Jeschiwas (Schulen) beschäftigen sich hauptsächlich mit den rabbinischen Diskussionen über die Diskussionen. Der Kern der Diskussion ist die Tora. Der Spruch eines Rabbiners ist: Du musst die Tora drehen und wenden, denn du findest auf alles eine Antwort in dieser Tora.“

Ebenfalls liegt dem Talmud die Annahme zugrunde, dass es keine neuen Gesetze gibt. Alle Gesetze haben ihre Wurzeln bei Mose. So entstand diese riesige Literatur des Talmuds, der das ganze Leben des Menschen umfasst.

Ein Teil davon beschäftigt sich auch damit, wie die Prozesse im Sanhedrin ablaufen müssen. Dabei wird ausgeführt, wer ein Zeuge sein durfte und welche Bestimmungen galten. In der Tora steht beispielsweise nur, dass es in einem Gerichtsfall zwei Zeugen braucht.

Der Talmud befasst sich aber auch mit anderen Lebensfragen und mit eschatologischen Themen (der Lehre von zukünftigen Dingen).

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