Hagia Sophia

27.5.21  Die Hagia Sophia bleibt im Fokus der Weltöffentlichkeit. Die Türkei soll die Umwandlung der einstigen Krönungskirche von Byzanz in eine Moschee rückgängig machen, fordert das Europäische Parlament.

Am Mittwoch, 19.5.21, forderte das Europäische Parlament die Aussetzung der Beitrittsverhandlungen der Türkei zur Europäischen Union, sofern sich die aktuellen negativen Trends nicht „dringend und konsequent umkehren“. „Die türkische Regierung hat sich leider zunehmend und schnell von den Werten der EU und ihrem normativen Rahmen distanziert, entgegen den Erwartungen eines Kandidatenlandes“, heißt es in dem Bericht, der am Mittwoch mit 480 Stimmen bei 64 Gegenstimmen und 150 Enthaltungen angenommen wurde.

Zu den Kritikpunkten gehören, die Inhaftierung Andersdenkenden, den Rückzug der Türkei aus der Istanbuler Konvention, einem europäischen Vertrag zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und die Umwandlung der Istanbuler Hagia Sophia in eine Moschee im vergangenen Juli. Die Erklärungen zur Annäherung der Türkei an die EU müssen durch Taten bekräftigt werden. Worte wie von Präsident Recep Tayyip Erdogan vom letzten November reichen nicht mehr. Er sagte: „Wir sehen uns in Europa, nirgendwo anders. Wir wollen unsere Zukunft mit Europa gestalten“

Neben der Suche nach Verbesserungen in Bezug auf Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und Grundfreiheiten in der Türkei enthielt der Bericht auch eine Klausel, in der die Mitgliedstaaten aufgefordert wurden, die Möglichkeit zu prüfen, „die rassistisch-rechtsextremistische Ulkucu-Bewegung, bekannt als „Graue Wölfe“, auf die Terroristenliste der EU zu setzen.  mehr Informationen

Das Parlament der Europäischen Union fordert die Türkei auf, diese Umwandlung zu „überdenken und rückgängig zu machen“. Die Nutzung der Hagia Sophia als Moschee widerspreche dem auch von Ankara ratifizierten UNESCO-Abkommen zum Schutz des Kulturerbes, darum müsse jetzt die UNESCO einschreiten. mehr Informationen

Wie ein Staat mit Kirchen umgeht, ist ein Indikator, was mit den Christen passiert.

3.12.20

In der Hagia Sophia, die trotz heftiger Kritik in eine Moschee umgewandelt wurde, sind plötzlich wieder christliche Mosaike zu sehen. Auch der Umbau des Klosters Chora wurde gestoppt.

Sowohl bei dem prächtigen Mosaik über dem Eingang der Hagia Sophia, als auch bei den Mosaiken im Narthex, der Vorhalle, seien die Leinwände abgenommen worden.

Auch das Kloster Chora, das „vielleicht kulturgeschichtlich nicht ganz die Bedeutung der Hagia Sophia, aber mit die schönsten, prächtigsten und meisten byzantinischen Mosaike auf der Welt hat“, sollte in eine Moschee umgewandelt werden.

Ende Oktober sei die feierliche Eröffnung des Klosters als Moschee geplant gewesen. „Staatspräsident Erdogan sollte persönlich das Freitagsgebet leiten.“ Im letzten Moment, am Tag vorher, sei dann mitgeteilt worden, dass die Eröffnung verschoben wird. Die Vorbereitungen seien noch nicht abgeschlossen, hieß es. Plötzlich ist überhaupt keine Rede mehr von der Nutzung als Moschee. Eine Delegation der UNESCO war im Oktober vor Ort. Die Hagia Sophia und das Kloster Chora stehen auf der Liste des Weltkulturerbes, allerdings nur als Teile der gesamten Altstadthalbinsel Istanbuls. Gibt es Ärger mit der Hagia Sophia oder mit dem Kloster Chora könnte die komplette Altstadthalbinsel von Istanbul von dieser Liste verschwinden. Da dies aber der größte Touristenmagnet ist, den die Türkei überhaupt hat, sieht es so aus, „als sei man hier doch noch ins Grübeln gekommen, als würde hier leise und heimlich und ohne viel Aufhebens zurückgerudert“. mehr Informationen

14.8.20

Die Gebete in der Hagia Sophia lösten in der Türkei neue Coronavirus-Fälle aus, da vorbeugende Maßnahmen laut Angehörigen der Gesundheitsberufe während des Gottesdienstes  nicht strikt befolgt wurden. Rund 350.000 Menschen schwärmten am 24. Juli zur Hagia Sophia. Bei einigen der 500 Gäste in der Moschee, darunter Parlamentarier und Journalisten, wurde die Krankheit diagnostiziert. Es mangelte an sozialer Distanzierung und am Tragen von Masken. Die Zahl der neuen täglichen COVID-19-Fälle stieg unmittelbar nach den Eid Al-Adha-Feiertagen auf über 1.000. Die Entscheidung der Regierung, Zahlen über die Anzahl der Patienten auf der Intensivstation und der intubierten Patienten zurückzuhalten, hat die Besorgnis über die Realität des Coronavirus des Landes verstärkt. Von Arab News kontaktierte Angehörige der Gesundheitsberufe sagten, die Pandemie habe sich im letzten Monat verschlimmert, und die Eröffnung der Hagia Sophia für Gebete ohne angemessene und strenge Vorsichtsmaßnahmen sei ein Grund für den Anstieg. Verschiedene Gemeinden aus Anatolien organisierten Bustouren zu dieser Eröffnung. mehr Informationen

Etwa 3.000 Menschen sollen sich während der Zeremonie der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee am 24. Juli mit dem Coronavirus infiziert haben, teilte laut Ahval News ein türkischer Experte für öffentliche Gesundheit einer führenden Universität am Samstag mit. Die hohe Infektionsrate für diejenigen, die der Umwandlungszeremonie der Hagia Sophia beiwohnten, wurde bekannt, nachdem der Muezzin der Hagia Sophia, der mit der Leitung und dem Rezitieren des islamischen Gebetsrufs beauftragt war, plötzlich verstarb. Osman Aslan, der der Hagia Sophia zugeteilt war, starb an einem Herzinfarkt, wie die Greek City Times berichtete. mehr Informationen

11.8.20

Als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Ende Juli die legendäre Hagia Sophia in Istanbul wieder zur Moschee umwidmete, kam es zum Moment, in dem sich die Türkei von der Moderne verabschiedete. Ali Erbas, Chef des türkischen Religionsamtes Diyanet, schritt die Kanzel der Hagia Sophia empor. Mit einem Schwert in der Hand, dem langen Gewand und dem schleppenden Gang erinnerte er fast an den Chef der Terrormiliz Islamischer Staat, Abu Bakr al-Baghdadi, als dieser in Mossul 2014 das Kalifat ausrief. Bereits zuvor hatte Präsident Erdogan die Zeremonie zum Triumph des Islam und zum nationalen Sieg über den Westen erklärt. Im Ausland zu provozieren, sei dem Autokraten hochwillkommen, weil er sie „als Feindseligkeit gegenüber dem türkischen Volk darstellen” und damit die öffentliche Meinung hinter sich einen könne, meint der Chefredakteur des exiltürkischen Nachrichtenportals Ahvalnews, Yavuz Baydar. „Erdogan ist zurzeit klar in der Defensive, aber in äußerst aggressiver Weise. Alles dreht sich darum, seine bröckelnde Macht zu stabilisieren.”

Die Corona Pandemie traf die Türkei hart. Die Krise hatte für den Autokraten, seine seit 18 Jahren regierende AKP und deren rechtsextremen Bündnispartner MHP einen beispiellosen Verlust der Wählergunst zur Folge.

Die Hagia-Sophia-Inszenierung ist sein bisher massivster Befreiungsschlag. Er soll die religiös-nationalistische Wählerschaft der AKP mobilisieren. Aber es geht um noch mehr. Bewusst hatte Erdogan die Umwandlungsshow auf den Jahrestag des Lausanner Friedensvertrags von 1923 terminiert, mit dem Staatsgründer Atatürk die Grenzen des Landes nach dem Untergang des Osmanischen Reiches sicherte. Erdogan möchte das von den Ultranationalisten als „Zwangsjacke” bezeichnete Abkommen revidieren. Vor einer Expansion nach außen macht das türkische Regime keinen Halt mehr. In den nächsten Monaten breche eine Debatte über den Lausanner Vertrag aus, die den Nationalismus ankurbeln und die gesellschaftliche Polarisierung verschärfen werde, prognostiziert der Journalist Baydar. Erdogans Propagandamaschine läuft seit dem Hagia-Sophia-Event heiß. Regierungsnahe Kommentatoren verlangen die Wiedereinführung des islamischen Kalenders und des Scharia-Rechtssystems sowie die Verlegung der Hauptstadt zurück nach Istanbul. Vertreter ethnischer und religiöser Minderheiten wie Kurden, Armenier oder Aleviten befürchten bereits eine Welle von Gewalt.

In einer Blut-und-Boden-Rede erklärte Erdogan, die Türkei werde von der „gesamten Welt attackiert”. Die Wiedereröffnung der Hagia Sophia als Moschee sei nur der Anfang der Gefechte, „mit der Hilfe Gottes” werde die „mächtige Türkei alle Herausforderungen bewältigen”. Er versprach, „den Job zu Ende zu bringen”.   mehr Informationen

30.7.20

Der Historiker Ebubekir Sofuoglu forderte, die Mosaiken sollten von den Wänden entfernt werden. Sonst werde die Hagia Sophia die erste Moschee der Welt sein, in der Muslime unter dem Bildnis einer „Hure“ beten müssten, twitterte er. Er meinte damit ein Mosaik, das die byzantinische Kaiserin Zoe aus dem 11. Jahrhundert zeigt. Sie war mehrmals verheiratet und soll viele Liebhaber gehabt haben.

Selbst wenn sich extreme Forderungen wie die von Ebubekir Sofuoglu nicht durchsetzen, könnte die Hagia Sophia als Moschee Gefahren ausgesetzt sein, vor denen sie als Museum noch geschützt war. Tugba Tanyeri-Erdemir verwies zum Beispiel darauf, dass islamistische Eiferer versuchen könnten, die teilweise leicht erreichbaren Mosaiken zu zerstören. Bisher wachte Museumspersonal darüber, dass ihnen niemand zu nahe kam und dass niemand Graffiti an die Wände sprühen konnte. Künftig allerdings wird die Hagia Sophia vom Frühgebet bis zum späten Abend geöffnet sein – ohne Museumswächter. mehr Informationen

27.7.20

Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis erklärte in einer Videoansprache, die Türkei habe mit der Umwidmung der Hagia Sophia am Freitag universelle Werte verletzt. Die Maßnahme sei keine Manifestation der Stärke, sondern ein Beweis der Schwäche.

Die Türkei kritisierte die Haltung Griechenlands. Die Reaktion aus Athen „zeigt wieder einmal die griechische Feindseligkeit gegen den Islam und die Türkei“, erklärte ein Sprecher des türkischen Außenministeriums am Samstag. Bei dem ersten Freitagsgebet in der Hagia Sophia hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan gesagt: „Es war eine Moschee, jetzt ist es wieder eine Moschee. Es ist jetzt ein Ort und ein kulturelles Erbe für die gesamte Menschheit und ein Ort für alle Religionen, die ihn besuchen können.“

Der deutsche Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärte, der Schritt sei kein Beitrag zur Völkerverständigung.

Die Kultur- und Jugendministerin der Vereinigten Arabischen Emirate, Noura Al Kaabi, betonte, die Kulturschätze der Menschheit – wie die Hagia Sophia – müssten „in ihrem Wert und in ihrer Funktion“ bewahrt werden, sie dürften nicht „unpassend“ verwendet oder für „persönliche Zwecke instrumentalisiert“ werden.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, hat die Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee kritisiert. „Die Hagia Sophia ist Welterbe und ein Symbol friedlichen Zusammenlebens der Religionen. Dass man daraus eine Moschee macht, ist eine absolute Fehlentscheidung“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Sonntag).

Der orthodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis in Wien: Die Hagia Sophia sei nach wie vor eine Kirche, sie sei nie laisiert worden – auch wenn sie 400 Jahre als Moschee und 80 Jahre als Museum verwendet wurde, hieß es im Zuge des Gebets in der Dreifaltigkeitskathedrale. Die Hagia Sophia sei „Stein gewordener christlicher Glaube“. Die Antwort der Christen auf die türkische Politik könne aber nur im Gebet liegen, hieß es weiter.

Der orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron erklärte: Dieser staatliche Akt geschehe, unter „scheinbarer Wahrung der Rechtsstaatlichkeit“. Die Umwidmung der Hagia Sophia sei eine Enteignung, nicht im immobilienrechtlichen, sondern im geistlichen Sinn. Und sie bedeute das Ende einer säkularen, europäischen modernen Türkei, wie sie Atatürk vorschwebte, der die Hagia Sophia zum Museum machte. Die Hagia Sophia war fast 1.000 Jahre lang die größte Kirche des Christentums.  mehr Informationen

24.7.20

Die Türkei hat die Wiedereröffnung der Hagia Sophia in Istanbul am Freitag als nationalistische Siegesfeier zelebriert. „Du bist seit ewig unser, und wir sind dein“, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan in einer Videobotschaft über die Hagia Sophia und blendete dabei die tausendjährige Vorgeschichte des Baus als Kirche einfach aus.

Ein mit osmanischer Nostalgie unterlegter Nationalismus wird mehr und mehr zum tragenden Prinzip der Politik. Auch in den neuen Spannungen mit Griechenland in der Ägäis und im Libyen-Konflikt kommt die nationalistische Achsenverschiebung zum Ausdruck. Die Türkei hat keine westlichen Verbündeten mehr – und ist stolz darauf.

Mit der Umwandlung der Hagia Sophia und der Entsendung eines militärisch eskortierten seismischen Forschungsschiffes in die Gewässer um die griechische Insel Kastellorizo verpasse die Türkei dem Nachbarn Griechenland eine „doppelte Ohrfeige“, titelte die Erdogan-freundliche Zeitung „Türkiye“ am Donnerstag. Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ wird in der Ägäis von Kriegsschiffen, Kampfflugzeugen und Drohnen begleitet.

Die türkischen Behörden erklären die Umwandlung der Hagia Sophia zum Triumph des Islam und zum Sieg über den Westen. Der Istanbuler Gouverneur Ali Yerlikaya erinnerte an die Einnahme der Stadt durch die Osmanen im 15. Jahrhundert und erklärte, er gedenke in Dankbarkeit dem damaligen Sultan Mehmet II, der „Istanbul und die Hagia Sophia für unsere Zivilisation erobert“ habe. Alle Muslime seien aufgeregt vor Vorfreude.

Unter Erdogan sieht sich die Türkei in der Tradition des Osmanenreiches als regionale Führungsmacht, die ihre eigenen Interessen verfolgt und mit den Großmächten auf Augenhöhe verhandelt. mehr Informationen

21.7.20

Die Hagia Sophia wieder in eine Moschee zu verwandeln, ist nach Ansicht von Erdoğan ein türkischer Sieg und eine Quelle des Nationalstolzes in einer Zeit großer Unruhen. Für Türken, die Erdoğan nicht unterstützen, stellt die Umwandlung des Hagia-Sophia-Museums in eine Moschee eine eklatante Zurückweisung Atatürks und seines säkularistischen Erbes dar.

Der türkische Journalist Cemal Göktaş schrieb etwa, dass während des ersten offiziellen Freitagsgebets in der Hagia Sophia zuoberst die Rezitation Fatiha-Sure (die am Ende der muslimischen Beerdigungszeremonie gelesen wird) für den Säkularismus in der Türkei stehen werde.

Die Türkei braucht keine weitere Moschee. Sie hat bereits eine Vielzahl von Moscheen. Erst vor einem Jahr wurde die Çamlıca-Moschee von Erdogan auf der asiatischen Seite Istanbuls eingeweiht: ein riesiger Komplex, der mehr als 60.000 Gläubige pro Tag aufnehmen kann. Außerdem hätte die Hagia Sophia per Dekret für islamische Gläubige geöffnet werden können. Tatsächlich haben in dem Museum bereits offizielle muslimische Gebete stattgefunden.

Einige Gruppen meinen, dass „das Recht auf Besitz durch das Schwert“ zwar die Legitimität verleiht, die Hagia Sophia in eine Moschee zu verwandeln, es im Gegenzug aber auch nicht-muslimischen Staaten erlaubt, ihre Besetzung muslimischer Heiligtümer zu legitimieren: Israel zum Beispiel könnte mit dieser Argumentation die al-Aqsa-Moschee in eine Synagoge verwandeln, so die Einwände. Andere religiöse Gruppen wiederum erklären, dass die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee das Christentum unnötigerweise herausfordere. Für Erdogan und Çavuşoğlu ist die Hagia Sophia ein Beweis für die türkisch-muslimische Vorrangstellung über die muslimische Welt.  

Hagia Sophia ist für die weltweite Christenheit nicht – wie behauptet wurde – „irgendein Gebäude, um das auf einmal so viel Aufhebens gemacht wird“. Vielmehr ist sie auch jene Kirche, auf deren Hauptaltar am 16. Juli 1054 der päpstliche Legat Humbert von Silva Candida das Bannschreiben über Patriarch Michael Kerullarios niederlegte, was zur Großen Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westkirche führte. Sie ist also der symbolträchtige Ort, an dem damals das Schisma proklamiert wurde und der heute deshalb für alle, die in der Ökumene tätig sind, ein Mahnmal für die Wiederherstellung der Einheit der Kirche darstellt.
Zum anderen lässt die bewusste Wahl des 24. Juli als Datum der Umwidmung nichts Gutes erahnen, handelt es sich doch um den Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne (1923), in dem in den Artikeln 37-44 auch die Rechte der nicht-muslimischen Minderheiten bzw. die Verpflichtung der Türkei, diese und ihre religiösen Einrichtungen zu respektieren, festgeschrieben wurden. In den vergangenen Jahren stellte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan immer wieder diesen Vertrag in Frage. Seine Vorliebe für Symbolpolitik, die mal wieder durch diese Datumswahl deutlich wird, geht also offensichtlich auch zu Lasten der christlichen Minderheit in der Türkei. Die Umwidmung der Hagia Sophia bedeutet das endgültige Ende einer säkularen, laizistischen, europäischen modernen Türkei, wie sie Atatürk vorschwebte, der die Hagia Sophia zum Museum gemacht hatte.

13.7.20

Die „Orthodox Times“ in Athen schreibt: Der sonst „redselige und sensible Bischof von Rom“ schweige, während die religiöse, akademische und politische Welt protestiere. Wörtlich: „Es ist wie 1453, als trotz der Hilferufe aus Byzanz keine Armee aus dem Westen zu Hilfe gekommen ist, als Mehmet II. schließlich Konstantinopel eroberte und die Hagia Sophia in eine Moschee umwandelte. Heute, 560 Jahre später, wiederholt sich die Geschichte.“ Papst Franziskus hat am Sonntag beim Angelus in Rom zur Tragödie von Istanbul gesagt: „Ich denke an die Hagia Sophia, und es schmerzt mich sehr“. Verglichen mit den Stellungnahmen vieler orthodoxer Kirchen, mehrerer Regierungen, ja sogar der Unesco und der EU ist das viel zu wenig, meint Stephan Baier in der katholischen Zeitschrift Tagespost.

In einer TV-Ansprache kündigte Erdogan an, dass am 24. Juli das erste Freitagsgebet in der Hagia Sophia stattfinden soll. Gleichzeitig betonte er, dass das Gebäude allen Menschen egal welchen Glaubens offen stehen werde. Der Eintritt sei nun kostenlos.

Nach der Entscheidung des türkischen Verwaltungsgerichts vom Freitag schreitet Erdogans Regierung rasch zur Nutzung der Hagia Sophia als Moschee. Noch am selben Tag erklang der Muezzin-Ruf, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen. Nach einem Freitagsgebet, das dieses Mal noch vor dem Kirchenbau stattfand, hielt Erdogan eine Fernsehansprache, in der er die Botschaft, die er mit diesem Schritt verbindet, formulierte. In zwei Wochen, am 24. Juli, soll – erstmals nach mehr als 85 Jahren – ein muslimisches Gebet in der früheren Kirche stattfinden. Am Sonnabend wurde das Museum für Besucher geschlossen, um Vorbereitungen für die neue Nutzung zu treffen. Angeblich soll sogar eine religiöse Schule (Madrasa) in der Hagia Sophia errichtet werden.

Im türkischen Original sagt Erdogan selbst: »Die Wiedergeburt der Hagia Sophia [als Moschee] ist ein Vorbote für die Befreiung der Al-Aqsa-Moschee [in Jerusalem]. Wir folgen dem Willen der Muslime auf der ganzen Welt, wenn wir das Zeitalter der Unterbrechung beendenAllerdings steht die Al-Aqsa-Moschee den Muslimen schon heute als Gebetsraum zur Verfügung, während Andersgläubige sie nicht betreten dürfen. Die Verwaltung der Al-Aqsa-Moschee untersteht der Waqf-Behörde unter der Leitung von Jordanien. Im Rahmen des israelisch-jordanischen Friedensvertrages von 1994 unterzeichneten Israel und Jordanien die Washington Declaration, wonach Israel „die Rolle des haschemitischen Königreichs Jordanien in den heiligen islamischen Stätten Jerusalems respektiert“.

Erdogan stellt die Umwandlung der Hagia Sophia zur Moschee ausdrücklich in den Rahmen eines gemeinsamen »Willens« aller Muslime. Denn die Umwidmung soll eine »Neubelebung des Hoffnungsfeuers nicht nur der Muslime, sondern aller Unterdrückten, Opfer und Ausgebeuteten« sein. In der jüngeren Vergangenheit hatte Erdogan von einem Gebet in der Damaszener Umayyaden-Moschee geschwärmt – aber das blieb bis jetzt ein Traum oder eine propagandistische Inszenierung. Sie war in vorislamischer Zeit eine dem Johannes dem Täufer geweihte, frühbyzantinische Kathedrale (Johannesbasilika).

12.7.20

Die Auferstehung der Hagia Sophia läutet die Befreiung der Al-Aqsa-Moschee ein, heißt es auf der Website der türkischen Präsidentschaft. „Die Auferstehung der Hagia Sophia ist die Spur des Willens der Muslime auf der ganzen Welt. Die Auferstehung der Hagia Sophia ist die Wiederzündung des Feuers der Hoffnung der Muslime und aller Unterdrückten, Falschen, Unterdrückten und Ausgebeuteten.“ Auf Arabisch heißt es in der Rede, dass die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee Teil der „Rückkehr der Freiheit nach al-Aqsa“ ist, was im Wesentlichen bedeutet, dass Israel von der Kontrolle der Altstadt Jerusalems, in der sich al-Aqsa befindet, ausgeschlossen werden sollte. Die al-Aqsa wird von Jordanien verwaltet. Die Verknüpfung des großen Wandels in der Hagia Sophia mit Jerusalem zeigt, dass Ankaras Ambitionen weitaus größer sind, als nur die islamischen Gebete in der historischen Moschee und Kirche in Istanbul zu bekräftigen. Die Türkei versucht, Saudi-Arabien und andere Länder in der Region wie Ägypten und Jordanien als Hauptbestimmer für das, was „islamisch“ ist, zu verdrängen. Dies bedeutet, dass Ankaras Führung glaubt, dass seine Änderungen an der Hagia Sophia nur ein Schritt einer größeren religiösen militaristischen Agenda im Nahen Osten sind. mehr Informationen

10.7.20

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ordnete am 10.7.20 die Öffnung zum islamischen Gebet in der Hagia Sophia an. Mit dem Beschluss übergab er die Leitung der «Hagia Sophia Moschee» an die Religionsbehörde Diyanet.

Erdogans Anordnung kam unmittelbar nach einer Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts in Ankara, welches den Weg frei machte für eine Umwandlung des Museums in eine Moschee. Wann die Hagia Sophia zum ersten Mal als Moschee genutzt wird, ist noch unklar. Vor der Hagia Sophia in der Istanbuler Altstadt sammelte sich spontan eine Gruppe Befürworter der Entscheidung. Sie riefen „Allahu Akbar!“ („Gott ist größer“).

Ärger mit der Unesco ist programmiert. Die Hagia Sophia gehört seit 1985 als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Die UNESCO hatte die Türkei vor der eigenmächtigen Umwandlung des historischen Gebäudes in eine Moschee gewarnt. Ein Staat dürfe „keine Veränderung an dem außergewöhnlichen universellen Wert“ eines Welterbemonuments vornehmen, unterstrich die UNESCO.

Der Analyst Kadri Gürsel nannte die Hagia Sophia das „Stressbarometer“ der Regierung. Diese habe keine Themen mehr, mit denen sie werben könne, und keine Lösungen für die Probleme des Landes. Innenpolitisch habe sich niemand gegen die Umwandlung in eine Moschee gestellt, aber Erdogan würde davon profitieren, wenn sich Griechenland und die orthodoxe Welt dagegen stellten. Die Regierung schlage aus Polarisierung „politischen Profit.“

Die Entscheidung, den Status der Hagia Sophia als Museum aufzuheben, sei ein weiterer Schritt der Türkei weg von Europa, den er zutiefst bedaure und nicht nachvollziehen könne, so Östereichs Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP).  mehr Informationen

Update: Die Agentur der Päpstlichen Missionswerke, „agenzia fides“,  berichtet über das Ergebnis der Beratungen: Die Umwandlung von 1934 sei rechtmäßig gewesen und entspreche dem heutigen Rechtsrahmen, jedoch könne der aktuelle Status durch ein Präsidialdekret wieder verändert werden. Präsident Recep Tayyip Erdogan bekommt so das Recht zugesprochen, die Hagia Sophia als Museum zu erhalten oder zur Moschee zu erklären. Erdogan hat sich nicht wirklich festgelegt. Präziser formuliert: Er hat sich eindeutig widersprüchlich geäußert.  Im März 2019 sagte er in einem TV-Interview: „Die Ayasofya wird nicht länger als Museum bezeichnet werden. Ihr Status wird sich ändern. Wir werden sie als Moschee bezeichnen.“ Doch Jugendlichen, die wütend die Öffnung der Hagia Sophia für das islamische Gebet forderten, rief er zu: „Ihr seid nicht einmal in der Lage, die Sultan-Ahmet-Moschee halbwegs zu füllen, aber ihr wollt die Hagia Sophia füllen!“ Und in Anspielung auf die neu eröffnete amlica-Moschee, die im Mai 2019 auf der asiatischen Seite Istanbuls eröffnet wurde: „Sie ist vier- oder fünfmal größer als die Hagia Sophia. 60.000 Menschen können hier gleichzeitig beten.“  mehr Informationen

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei befasste sich mit der Frage, ob die Hagia Sophia in Istanbul ein Museum bleibt oder in eine Moschee umgewandelt wird.

Anhänger der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP fordern seit Langem, die Hagia Sophia für das Gebet zu öffnen. Das Bauwerk solle für Gottesdienste und weiterhin für Besuche geöffnet sein.

Griechenland tritt gegen eine Statusänderung ein, weil die Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) für die christliche Orthodoxie große Bedeutung hat. Die Umwandlung in eine Moschee könne zu einer emotionalen Kluft zwischen den Christen der Welt und der Türkei führen, sagte der griechische Regierungssprecher Petsas.

Die Hagia Sophia war fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit und Hauptkirche des Byzantinischen Reiches. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen wurde sie zur Moschee umgebaut. Republikgründer Atatürk ordnete 1934 die Umwandlung in ein Museum an. Seitdem zieht das zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Bauwerk im Herzen Istanbuls jedes Jahr Millionen von Touristen an, die dann wohl eher ausbleiben werden, wenn alle christlichen Mosaiken abgedeckt sind. mehr Informationen

Bislang hat sich Erdogan immer gegen eine Veränderung des 1’500 Jahre alten Bauwerks ausgesprochen. Jetzt hat er seine Meinung geändert. Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts „Areda Survey“ forderten 73 Prozent der türkischen Bürger (befragt wurden 2’500 Personen), die Hagia Sofia solle wieder als Moschee genutzt werden. mehr Informationen

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