Gibt es für Putins Krieg eine historische Analogie?

Es gibt auffällige Parallelen mit den postjugoslawischen Kriegen, auf die die Historikerin Marie-Janine Calic hingewiesen hat. Hier wie dort wandelt sich ein zerfallender postkommunistischer Staat nach innen zu einer nationalistischen Autokratie und nach außen zum Aggressor, sagt Historiker Ulrich Herbert.

Milosevic hat einen Bürgerkrieg entfesselt, der etwa 150.000 Opfer gefordert hat. Er hat die großserbische Doktrin verfolgt: wo Serben leben, ist Serbien, mit dem Ziel, große Teile der selbstständig gewordenen Nachbarstaaten zu annektieren. Das ist übertragen auch eine Rechtfertigung für den Angriffskrieg auf die Ukraine.

Der extreme Nationalismus des Putinschen Regimes und die Perspektive der Wiedergewinnung der 1990 durch die Auflösung der UdSSR „verlorenen“ Gebiete durch die Schaffung eines großrussischen Reiches sind die entscheidenden Kennzeichen des Regimes. Das Regime in Russland ist nationalistisch, revisionistisch und imperialistisch; es führt einen brutalen Angriffskrieg.

Der Krieg in der Ukraine hat nach Schätzungen bislang etwa 20.000 Ukrainern und mehr als 30.000 Russen das Leben gekostet. Ein Vernichtungskrieg ist er bis jetzt nicht. Die stetige Ausweitung des Begriffs Völkermord hin zu kulturellem Völkermord ist hoch problematisch. Die Auslöschung der nationalen Identität der Ukraine ist etwas völlig anderes als die physische Vernichtung.

Faschistische Regime unterscheiden sich von autoritären Diktaturen vor allem durch die Massenbewegung, die den Führer trägt und von ihm getragen wird, die ihn nach vorne peitscht und von ihm genutzt wird. Diese Dynamik ist entscheidend für faschistische Regime. Solches gibt es in Russland nicht.

Russland führt einen Eroberungskrieg, ohne Rücksicht auf zivile oder militärische Verluste, aber mit begrenzter Zielsetzung. Kennzeichnend ist hier, dass die russische Führung offenbar davon überzeugt war, die Ukraine durch einen kurzen „Sondereinsatz“ besiegen, die Ostteile annektieren, das Land aus der Verbindung zu Europa und dem Westen lösen und an Russland binden zu können.

Ähnlich wie vor zwei Jahren in Weißrussland nach der gefälschten Präsidentenwahl, als Lukaschenko mit russischer Unterstützung die prowestlich orientierte Protestbewegung brutal niederschlug und sein Regime ganz an die russische Macht anlehnte. In der Ukraine aber erwies sich dieses Kalkül wegen des massiven militärischen Widerstands als falsch, und nun setzt Putin auf die systematische Zerstörung der zu erobernden Städte durch Artillerie, ganz wie im zweiten Tschetschenienkrieg nach 1999 mit vermutlich bis zu 80.000 Toten. mehr Informationen

Die beiden «Volksrepubliken» von den ukrainischen «Faschisten» zu befreien, bleibt Russlands Minimalziel. Am Ende bleibt Putins Ziel, Kiew in die Knie zu zwingen – den Krieg also so lange weiterzuführen, bis es den russischen Bedingungen zustimmt. Diese sind eine Kapitulation und eine Demilitarisierung der Ukraine. Russland hat auch gezeigt, dass es weitere Gebiete erobern möchte. Besonders Charkiw und Odessa sind bedroht – Russland nimmt sich so viel, wie es bekommen kann, sagt Moritz Gathmann, Chefreporter des deutschen Magazin Cicero.

Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War geht davon aus, dass Russlands Kriegsziel der „Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine“ seit dem 24. Februar unverändert geblieben ist – , ungeachtet der Rhetorik nach Niederlagen, die auf eine mögliche Reduzierung der Kriegsziele hindeuten. Das Institut verweist dabei auf eine Erklärung des russischen Sicherheitsratschefs Nikolai Patruschew von Dienstag. Danach soll die „Militäroperation“ in der Ukraine fortgesetzt werden, bis Russland seine Ziele erreicht habe: die Zivilbevölkerung vor einem „Völkermord“ zu schützen, die Ukraine zuentnazifizieren“ und zu entmilitarisieren sowie die Ukraine zu einer dauerhaften Neutralität zwischen Russland und der NATO zu verpflichten.

Da Russland immer wieder von Entnazifizierung spricht, ist natürlich die Gegenreaktion ihr Handeln im Vergleich zu den Nazis zu stellen.

Der ukrainische Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, berichtet von Plünderungen und Zerstörungen durch russische Soldaten in Sjewjerodonezk und Lyssytschansk, den weitgehend zerstörten Zwillingsstädten der Region. „Sie machen Jagd auf Bewohner, die für die Ukraine eintreten. Sie machen Geschäfte mit Kollaborateuren. Sie kundschaften Wohnungen aus, in denen Soldaten lebten, brechen ein und nehmen Kleidung mit“, sagt Hajdaj im Fernsehen. „Alles wird zerstört. Ganze Sammlungen von Büchern auf Ukrainisch. Das ist ein Déjà-vu – wie 1939 bei Nazi-Deutschland.“

Der Vorsitzende des tschetschenischen Parlaments, Magomed Daudov, feiert in einem Video die russische Eroberung der ostukrainischen Region Luhansk: Das Gebiet sei nun von den Faschisten befreit, sagt der uniformierte Daudov in dem Clip, der über den Telegramkanal des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow verbreitet wurde. Die in der Ukraine eingesetzten Tschetschenen würden dort „den Islam verteidigen“. Daudov sagt in dem Video außerdem: «Wenn Putin uns nicht aufhält, werden wir – so Allah will – bis nach Berlin weiterziehen.» Daudov zeigt sich zudem siegessicher: «Wir werden gewinnen, ohne Zweifel!»

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