Fratelli tutti

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus setzt auf eine weltweit vereinten, in Religion und Kultur vielfältigen Menschheitsfamilie, dank „sozialer Freundschaft“. Der Fokus ist nicht die Rettung der Seelen für ein Himmelreich, sondern der Gesellschaft und der Welt. Das Mittel dazu ist nicht die Kirche, sondern der Dialog. Das Evangelium ist eine Liebe «die alle politischen und räumliche Grenzen übersteigt» (Nr. 1). »Nur der Mann, der es auf sich nimmt, auf andere Menschen in ihrer Bewegung zuzugehen, nicht um sie zu vereinnahmen, sondern um ihnen zu helfen, mehr sie selbst zu werden, wird tatsächlich zum Vater« zitiert er Franz von Assisi. „Fratelli tutti“ sammelt und entwickelt Themen, die im Dokument von Abu Dhabi stehen (Nr. 5).

Ein zentraler Satz ist: «Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten vom gleichen menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeder mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeder mit seiner eigenen Stimme, alles Geschwister (Nr. 8).

«Die Brüderlichkeit (Geschwisterlichkeit) ist nicht einfach die Folge aus der Achtung individueller Freiheit oder aus einer gewissen geregelten Gleichheit», schreibt der Papst, denn «Brüderlichkeit fügt der Freiheit und Gleichheit noch positiv etwas hinzu» (Nr. 103). «Der Individualismus macht uns nicht freier, gleicher oder brüderlicher. Die bloße Summe von Einzelinteressen ist nicht in der Lage, eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen», bekräftigt der Papst (Nr. 105).  »Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern« (Nr. 12). «Es ist jedoch auch wahr, dass eine Person und ein Volk nur dann fruchtbar sind, wenn sie es verstehen, die Öffnung gegenüber den anderen in sich selbst schöpferisch zu integrieren.« (Nr. 41).

Religionen sollten sich gemeinsam im Dialog für Frieden und Freundschaft engagieren. Geschwisterlich können Religionen – wie es sein Aufruf mit Imam Ahmad Al-Tayyib formuliert habe – im «Namen aller Menschen guten Willens an allen Orten der Welt (…) die Kultur des Dialogs als Weg, die allgemeine Zusammenarbeit als Verhaltensregel und das gegenseitige Verständnis als Methode und Maßstab» annehmen.

Franziskus wirbt für eine offene Gesellschaft, die alle integriert (Nr. 97-98). «Jeder Mensch hat das Recht, in Würde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land kann dieses Grundrecht verweigern» (Nr. 107). «Solange auch nur eine Person ausrangiert wird, kann man nicht feierlich von universaler Geschwisterlichkeit sprechen« (Nr. 110). Es ist «auch nicht hinnehmbar, dass der Geburts– oder Wohnort schon von sich aus mindere Voraussetzungen für ein würdiges Leben und eine menschenwürdige Entwicklung liefert» (Nr. 121). «Immer gibt es neben dem Recht auf Privatbesitz das vorrangige und vorgängige Recht der Unterordnung allen Privatbesitzes unter die allgemeine Bestimmung der Güter der Erde und daher das allgemeine Anrecht auf seinen Gebrauch» (Nr. 123). «Jedes Land ist auch ein Land des Ausländers, denn die Güter eines Territoriums dürfen einer bedürftigen Person, die von einem anderen Ort kommt, nicht vorenthalten werden(Nr. 124). «Es ist unsere Pflicht, das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er nicht nur seinen Grundbedürfnissen und denen seiner Familie nachkommen, sondern sich auch als Person voll verwirklichen kann» (Nr. 129). «Wenn man einen anderen Menschen herzlich aufnimmt, ermöglicht ihm das, weiterhin er selbst zu sein und sich zugleich weiterzuentwickeln. Die verschiedenen Kulturen, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Reichtum hervorgebracht haben, müssen bewahrt werden, damit die Welt nicht verarmt» (Nr. 134).

»Eine Familie unter Familien – das ist die Kirche« (Nr. 276). «Die Kirche schätzt das Handeln Gottes in anderen Religionen und »lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.« (Nr. 277). «Mit der Kraft des Auferstandenen will sie (Maria) eine neue Welt gebären, in der wir alle Brüder und Schwestern sind, in der es für jeden von unserer Gesellschaft verstoßenen Menschen Platz gibt, in der Gerechtigkeit und Frieden herrschen» (Nr.278). »Alle sollen eins sein (Johannes 17,21). Wenn wir seinen Aufruf hören, erkennen wir mit Schmerz, dass dem Globalisierungsprozess noch immer der prophetische und spirituelle Beitrag der Einheit aller Christen fehlt» (Nr. 280).

Erstaunlich ist, dass Franziskus den Terroristen die medizinische Versorgung einstellen will und diese als internationales Verbrechen ansieht (Nr. 283).

In einem „Gebet zum Schöpfer“ wird der Traum des Papstes zum Schluss als Anliegen vor Gott gebracht.

Der Eindruck entsteht, die Vielfalt wird zur Quelle der Inspiration. Gott offenbart sich nicht mehr nur durch die Bibel, sondern hat sich in allen Kulturen eingesät. Der Heilige Geist wird zum Geist der Geschwisterlichkeit. Der Fokus liegt nicht mehr auf der Ewigkeit, sondern im Friedensreich auf dieser Erde. Franziskus philosophiert und kritisiert die soziale Ungerechtigkeit, Politik und Wirtschaft.

Dialog ist eine gute Sache. Spannend wäre zu erfahren, wie Franziskus den Islam und das Judentum in sich selbst schöpferisch integrieren möchte (41) wenn er schreibt: «Der Westen könnte in der Kultur des Ostens Heilmittel für einige seiner geistigen und religiösen Krankheiten finden, die von der Vorherrschaft des Materialismus hervorgerufen wurden» (Nr. 136).

Gespannt kann man auch sein, wie er die folgende Aussage in seiner Kirche umsetzt: «Entsprechend sind die Gesellschaften auf der ganzen Erde noch lange nicht so organisiert, dass sie klar widerspiegeln, dass die Frauen genau die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben wie die Männer» (Nr. 23).

In Bezug auf die von Franziskus ausgelegte Geschichte vom barmherzigen Samariter ist klar, der von Christus inspirierte Mensch, hilft seinem Mitmenschen und ist ihm der Nächste.

Der sunnitische Großimam der Kairoer Al-Azhar-Universität Al-Tayyeb schrieb unter Verweis auf das Abu-Dhabi-Dokument: «Die Botschaft meines Bruders Papst Franziskus ‚Fratelli tutti‘ ist eine Erweiterung des Dokuments über die menschliche Brüderlichkeit».

Der Generalsekretär des Hohen Komitees für die menschliche Geschwisterlichkeit, der Scharia-Gelehrte Mohamed Mahmoud Mahmoud Abdel Salam, erklärte sich laut „Vatican News“ als «voll und ganz einverstanden mit dem Papst. Ich teile jedes Wort, das er in der Enzyklika zum Thema Geschwisterlichkeit schreibt.»

Michael van Laack scheibt: Als traditionelle Sozial-Enzyklika über Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft wurde „Fratelli tutti“ angekündigt. Herausgekommen ist eine lange Sozialutopie im marxistischen Gewand, die zahlreiche Themen anreißt, oft im Ungefähren bleibt und doch in vielen Kapiteln Sätze beinhaltet, die jedem Marxisten das Herz höher schlagen lassen dürften. Heute haben wir einen argentinischen Papst, der sich zwar hin und wieder leutselig – ja gar orthodox und dogmatisch – gibt, im Kern aber der marxistischen Befreiungstheologie anhängt. Deshalb hatte er in seiner Zeit als Bischof Hausverbot in mehreren Häusern des Jesuiten-Ordens, dem er bis zur Wahl auf den Stuhl Petri angehörte.

Redaktionsleiter Raphael Rauch von kath.ch schreibt: Papst Franziskus ist ein politischer Papst. Franziskus träumt eine Utopie. «Fratelli tutti» ist ein politisches Testament. Für die Kirche in der Schweiz ist die Enzyklika ein Auftrag, politisch zu sein. Für Franziskus steht fest: Die Kirche ist nicht privat, sondern politisch. Dem Flüchtlingspapst Franziskus ist Migration ein Herzensanliegen. Nicht nur Krieg, Verfolgungen und Naturkatastrophen sind ein Grund, das eigene Land zu verlassen. Sondern: Auch der Traum von einer besseren Zukunft berechtigt dazu. Die Überraschung ist, wie Franziskus Eigentum definiert: Privatbesitz ist für den Papst nur «ein sekundäres Naturrecht». mehr Informationen

Pluralismus ist nach dem Dokument von Abu Dhabi von Gott gegeben

Ein Dokument, das auch Nicht-Muslimen volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung verspricht.  Siehe: https://www.obrist-impulse.net/pluralismus-ist-nach-dem-dokument-von-abu-dhabi-von-gott-gegeben

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