Europas Juden

Seit 1970 ist die jüdische Bevölkerung Europas um 60 Prozent geschrumpft. Säkularisierung und Mischehen spielen dabei eine entscheidende Rolle, wie die NZZ berichtet.

Laut einer Studie des in London beheimateten Institute for Jewish Policy Research leben auf dem Kontinent derzeit noch rund 1,3 Millionen Menschen, die sich selbst als jüdisch bezeichnen. Das sind fast 60 Prozent weniger als 1970. Der European Jewish Congress, dessen Schätzungen als Richtwert galten, war bisher von 1,9 Millionen Juden in Europa ausgegangen.

Die neuen Zahlen bedeuten, dass nur noch 9 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung in Europa leben – und damit ein so geringer Anteil wie seit dem Mittelalter nicht mehr, genauer gesagt seit dem Jahr 1170, als der jüdische Reisende Benjamin von Tudela zum ersten Mal eine Zählung durchgeführt hatte. Damals soll es weltweit etwa eine Million Juden gegeben haben. In den folgenden Jahrhunderten, insbesondere ab Ende des 18. Jahrhunderts, wuchsen die Gemeinden dann stark. Um 1900 wurden weltweit über 10 Millionen Juden gezählt, über 80 Prozent von ihnen lebten in Europa.

1970 lebten gerade noch 26 Prozent aller Juden in Europa. Die Zahl der Juden weltweit stieg demnach zwischen 1970 und 2020 von 12,6 auf 14,8 Millionen. Gleichzeitig schrumpfte jene in Europa von 3,2 auf 1,3 Millionen. Der Hauptgrund dafür war eine starke Abwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Von dort sind in den letzten fünfzig Jahren 85 Prozent der jüdischen Bevölkerung weggezogen. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Gebiete des heutigen Russland, Polen und Rumänien das religiöse und kulturelle Zentrum des Judentums.

Heute lebt die grosse Mehrheit der europäischen Juden im Westen, insbesondere in Frankreich (449 000), Grossbritannien (295 000) und Deutschland (118 000). Doch auch in Westeuropa sind die Gemeinden seit 1970 geschrumpft; in Grossbritannien um 25 Prozent, in Frankreich um 15 Prozent und in den 27 EU-Staaten insgesamt um 16 Prozent.

Die Gründe dafür waren vielfältig. Allein zwischen 2000 und 2020 gingen aus den EU-Staaten rund 70 000 Personen nach Israel. Eine ebenso starke Rolle spielten allerdings die zunehmende Säkularisierung und Assimilierung der Juden sowie die steigende Zahl von Mischehen. Da im Judentum die Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft von der Mutter auf die Kinder übertragen wird, sind Söhne und Töchter von jüdischen Vätern, die eine Mischehe eingegangen sind, gemäss Religionsgesetz nicht jüdisch.

Frankreich zählt nach Israel und den USA heute die drittgrösste jüdische Gemeinde weltweit. Seit dem Jahr 2000 sind jedoch über 50 000 französische Juden nach Israel gezogen – deutlich mehr als aus anderen europäischen Ländern. Laut der Studie nannten die Emigranten den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich als einen der wichtigsten Auswanderungsgründe.

Deutschland hingegen ist eines von wenigen Ländern, in denen die jüdische Bevölkerung seit 1970 stark gewachsen ist. Zwischen 1990 und 2005 wurden grosszügig Aufenthaltsgenehmigungen an jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion vergeben. Die Zahl der Juden vervierfachte sich dadurch.

Die demografischen Aussichten bleiben laut der jüngsten Studie dennoch düster. Denn die meisten Neuzuzüger hatten ihre Religion als Ticket nach Deutschland genutzt, ohne sich dieser wirklich verbunden zu fühlen.

Ausnahmen vom negativen Trend in Westeuropa stellen einige Länder mit einem grossen Anteil von Ultraorthodoxen dar, wie Österreich, Belgien, Grossbritannien oder die Schweiz.

In der Schweiz, wo etwa 20 Prozent der Juden ultraorthodoxen Gemeinden angehören, war der Bevölkerungsrückgang in den letzten Jahren tatsächlich weniger dramatisch als in anderen Ländern. An Bedeutung gewinnen zudem reformjüdische Gemeinden, die einen sehr integrativen Umgang mit Mischehe-Familien pflegen. Die jüdische Bevölkerung ist seit 1970 aber auch in der Schweiz uns um 10 Prozent geschrumpft. Momentan leben noch rund 18 000 Juden in der Schweiz. Seit der Gründung Israels seien rund 6000 Schweizer Juden in den jüdischen Staat ausgewandert. Mehr Informationen

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