Die Corona-Pandemie trifft gläubige Menschen härter

Gottes Wohlwollen gegenüber den religiösen Praktizierenden wurde in den drei monotheistischen Religionen ähnlich formuliert. Viele denken, wenn man die religiösen Gebote erfüllt, wird es einem gutgehen.

Beispielhaft und repräsentativ finden wir diesen Grundgedanken im zentralen Gebet der Juden, dem «Höre, Israel» (aus 5.Mose 6, 4–9). Dort lesen wir: «Und wenn ihr meine Gebote beachtet, die ich euch auferlege . . ., dann werde ich euch den Frühregen ebenso wie den Spätregen zur rechten Zeit geben. Ihr werdet dann das Getreide einsammeln, den Most und das Öl. Ich werde das Gras auf eurem Feld für euer Vieh geben. Ihr werdet essen und satt werden. Hütet euch davor, dass euer Herz verführt werde, ihr von den Geboten abweicht, anderen Göttern dient und euch vor ihnen verneigt. Der Zorn des Ewigen wird dann gegen euch entbrennen.»

Im Christentum und im Islam werden die Gläubigen nicht unbedingt im Diesseits dafür im Jenseits belohnt.

Ein Beispiel aus dem Koran, Sure 2, 155–157: Wer Gott gehört oder zu ihm zurückkehrt, wird mit Segnungen und Barmherzigkeit belohnt.

Warum lässt Gott Corona, andere Pandemien, Epidemien, Völkermorde und andere Unglücke, individuelle ebenso wie kollektive, zu? fragt Michael Wolffsohn in der NZZ.

Er stellt fest: Weltweit sind vom Coronavirus besonders diejenigen hart betroffen, die sich strikt an die religiösen Gebote halten und sich trotz der Pandemie weiter regelmäßig zum gemeinschaftlichen Gottesdienst in die Kirche, die Synagoge oder die Moschee begeben.

40 bis 50 Prozent aller in Israel während der letzten Wochen Infizierten sind orthodoxe Juden.

Ihre Wahrnehmung: «Trotz unseren Anstrengungen haben wir Gottes Gebote eben doch nur ungenügend erfüllt. Dafür werden wir bestraft. Deshalb müssen wir Gott noch inniger dienen». Das Oberhaupt der Litauer Orthodoxie in Israel, der 92-jährige Rabbiner Chaim Kanievsky, sagt in seiner Corona-Erstbotschaft: «Die Thora schützt und rettet.»

Zwei Wochen später packte Corona auch ihn. Nun empfahl er seinen Jüngern, sie sollten weiter beten, aber nicht gemeinschaftlich in der Synagoge, sondern allein, jeder für sich. Wieder etwas später, am 17. Oktober 2020, noch nicht genesen, verfügte er, sich den staatlichen Gesetzen widersetzend, die Rückkehr zum synagogalen Beten. Ebenso die Wiederaufnahme des Lehrbetriebs in den Talmud-Thora-Schulen.

Epidemiologisch setzte der greise Rabbi damit Zehntausende dem Corona-Risiko aus. Theologisch wurde er von seinen Jüngern gefeiert. Brav wiederholten sie vor den Kameras und Mikrofonen der Weltmedien: «Die Thora schützt und rettet» oder «Wer braucht ein Beatmungsgerät, wenn es die Thora gibt?».

Einwenden kann man dies: Fester Glaube und Optimismus wirken heilungsfördernd. Doch das bezieht sich auf die Heilung, nicht auf die Infektionsgefahr.

Theologisch, jüdisch ist die Denk- und Verhaltensweise der jüdischen Fundamentalisten aus zwei Gründen Unsinn. Erstens gilt seit Rabbi Schmuel (165–257) sein im Babylonischen Talmud (Traktate Baba Kama 141 a und Nedarim 28 a) nachlesbarer Satz: «Dina de malchuta dina», auf Deutsch: Das jeweilige Staatsrecht gilt. Zweitens gilt, ebenfalls gemäß dem Babylonischen Talmud (Traktat Schabat 151 b) «Pikuach nefesch doche schabat», auf Deutsch: Das Retten von Menschenleben hebt die Sabbatgebote auf. Gemeint sind dabei eben nicht nur Sabbatgebote, sondern alle, die das Retten von Menschenleben behindern und verhindern.

Ende Mai 2020 erklärten beide Kirchen in Deutschland: «Gott straft nicht, sondern Gott rettet.» Sowohl das Alte als auch das Neue Testament belegen vielfach das Gegenteil.

Religion muss sich neu erfinden, meint Wolffsohn. Er sagt: Die Zukunft wird zeigen, wie lange die Neuschöpfung von Synagoge, Kirche, Moschee und jedermann dauert. Sein Schlussstatement, dass eine höhere Menschlichkeit Göttlichkeit bedeutet – unabhängig davon, wie man sich Gott vorstellt, ob es ihn gibt oder nicht, kann ich so nicht teilen.

Denn im Kern der christlichen Botschaft wird Gottes Liebe und Barmherzigkeit im Leid erfahrbar und bedeutet nicht unbedingt Wohlergehen. Gottes Weg aus dem Leid ist, dass wir Leid überwinden (es nicht selbst wählen), indem wir Leid aushalten und nicht verdrängen. Dadurch lernen wir Empathie (Empfindsamkeit) und Vertrauen in Gott (Glauben) und erleben Gottes Durchtragen, seine Barmherzigkeit und seine fürsorgliche Liebe. Gott sagt zu Paulus: „Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet“ (2.Korinther 12,9).

Leiden schließt Gott nicht aus, sondern im Leiden erfährt man die Hilfe Gottes. Vielleicht nicht so wie wir es erwartet haben, doch Barmherzigkeit und Liebe offenbart sich, wenn wir nichts mehr zu bieten haben.

Gott offenbart sich nach dem christlichen Glauben im geopferten Lamm: „Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus“ (Offenbarung 22,1).

Glaube ist, Gott auch zu vertrauen, wenn das Leben anders verläuft als man es sich gewünscht hat. Das sehen wir bei Abraham, den die Bibel als Vater des Glaubens nennt und bei allen drei Religionen hoch angesehen ist.

Ergänzungen: 40 bis 50 Prozent aller in Israel während der letzten Wochen Infizierten sind orthodoxe Juden. Sie machen aber den kleineren Teil der Bevölkerung aus rund 20 % . Also hat es sie härter betroffen. Schwieriger ist es auch, weil die Gläubigen erwarten, dass Gott sie beschützt. Muslime konnten die Hatsch (Pilgereise) nicht machen, obwohl das für ihr Seelenheil wichtig ist. Ebenso konnten Katholiken zu Allerheiligen und Allerseelen nicht die notwendigen Rituale vollziehen. Über lange Zeit war es schwierig Eucharistie zu empfangen, was für ein Katholik ein Muss ist. Viele Christen leiden, dass man sich nicht uneingeschränkt zum Gottesdienst treffen kann.

Kann es im Angesicht des Leidens einen guten Gott geben?

Gottes Liebe und Barmherzigkeit erfährt der Mensch im Leiden. Wir lernen Empathie und Vertrauen in Gott.

Glaube im Angesicht des Leidens

Könnte der Schlüssel nicht darin liegen, dass Gott anders gütig ist als wir es uns vorstellen?

Das Paradox des Leidens

Leiden bringt uns an die Grenze des Verstehens und führt uns in die Welt des Vertrauens.

Es ist die christliche Eigenart, dass wir aufgefordert werden Böses mit Guten zu überwinden.

Durch Leiden verbreitet sich die gute Nachricht

Nicht durch Planung und Strategie, sondern aufgrund einer Verfolgung breitet sich die Gemeinde aus (Apostelgeschichte 8,1-25).

Leiden als Schlüsselerfahrung

Paulus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Überall wird er durch den Heiligen Geist gewarnt, dass er auf eine Leidenszeit zugeht. Paulus ist sich aber sicher, dass dies der Wille Gottes ist (Apostelgeschichte 21,1-17). Diese Geschichte irritiert uns. Warum warnt der Heilige Geist und gibt Paulus zugleich die Gewissheit, dass dies Gottes Weg ist? Manches … Leiden als Schlüsselerfahrung weiterlesen →  

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