Das jüdische Verständnis der Opfer

Juden und Christen im Gespräch über die Bibel

Dienstag, 17. Mai 22, Radio Maria Schweiz

Juden und Christen opfern heute keine Tiere mehr, doch aus ganz unterschiedlichen Begründungen. Was sind die Hintergründe?

In dieser Sendung dabei ist Dr. Richard Breslauer, jüdischer Dozent an der Jüdisch – Christlichen Akademie in Basel, und Hanspeter Obrist, Erwachsenenbilder aus Schmerikon

Es besteht die Möglichkeit live Fragen zu stellen oder auch für die nächste Sendung vorher zu schicken.

Impuls von Hanspeter Obrist zum Thema

Warum opfern Christen keine Tiere mehr?

Das Erstaunliche in diesem Zusammenhang: Die ersten Jesusnachfolger, waren alle Juden und sie gingen in den Tempel.

In Apostelgeschichte 2,46 steht: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot.“

Apostelgeschichte 3,1 beschreibt: „Petrus und Johannes gingen zur Gebetszeit um die neunte Stunde in den Tempel hinauf.“

Sie vollzogen dort auch jüdische Opferritten. So steht in Apostelgeschichte 21,26 „Da nahm Paulus die Männer mit und weihte sich am nächsten Tag zusammen mit ihnen, ging dann in den Tempel und meldete das Ende der Weihetage an, damit für jeden von ihnen das Opfer dargebracht werde.“

Also Paulus ging in den Tempel, um zu beten und er wollte seine Weihezeit mit einem Opfer abschließen. Dennoch opfern heute die Nachfolger von Jesus keine Tiere mehr.

Einerseits ist der Grund, dass mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 die Opfer im Judentum aufhörten. Anderseits sind auch die Worte von Jesus, welche er beim Passahfest zu seinen Jüngern sprach, die Ursache.

Dort nahm Jesus den Kelch der Erlösung und sagte in Matthäus 26,28: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

Der Jünger Johannes fasst es in seinem ersten Brief so zusammen: 1.Johannes 1,7: „Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.“

Jesus interpretiert den Tod vom Passahlamm als das Modell seines Todes am Kreuz.

In  Jeremia. 7,22 steht:

22 Denn ich habe euren Vätern am Tag, als ich sie aus dem Land Ägypten herausführte, nichts gesagt und nichts befohlen, was Brandopfer und Schlachtopfer betrifft.

23 Vielmehr gab ich ihnen folgendes Gebot: Hört auf meine Stimme, dann will ich euch Gott sein und ihr sollt mir Volk sein! Geht in allem den Weg, den ich euch befehle, damit es euch gut geht! 24 Sie aber hörten nicht und neigten mir ihr Ohr nicht zu, sondern folgten den Eingebungen und der Verstocktheit ihres bösen Herzens. Sie zeigten mir den Rücken und nicht das Gesicht.

Damals sagte Gott zu den Israeliten in Ägypten:

2.Mose 13,13: „Jeden Erstgeborenen deiner Söhne musst du auslösen. 14 Wenn dich morgen dein Sohn fragt: Was bedeutet das?, dann sag ihm: Mit starker Hand hat uns der HERR aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt. 15 Als der Pharao hart blieb und uns nicht ziehen ließ, erschlug der HERR alle Erstgeborenen im Land Ägypten, bei Mensch und Vieh. Darum opfere ich dem HERRN alle männlichen Tiere, die den Mutterschoß durchbrechen; alle Erstgeborenen meiner Söhne aber löse ich aus.“

Das Passahlamm war ein Auslöseopfer. Es schützte vor dem Gericht und führt in ein Leben, in dem man Gott dient.

Spannend ist, dass es nicht um eine Tatschuld geht, sondern um ein Freisetzen aus der Sklaverei in ein Leben mit Gott.

Das Opfer von Jesus ist nicht ein Wiedergutmachungsopfer, sondern ein Auslöseopfer. Es geht um einen Herrschaftswechsel, um Gott zu dienen. Gott will uns aus der Sklaverei der Sünde befreien, damit wir unser Leben mit ihm gestalten können. Dabei geht es um die Frage, ob wir IHN, Gott, wollen.

Wie beim Passalamm hat das Blut von Jesus eine Schlüsselfunktion. Das Kreuz ist zum Baum des Lebens geworden. Jesus ist das Passahlamm, damit das göttliche Gericht an uns vorübergeht und wir nicht ernten, wo wir unsere göttliche Lebensbestimmung verfehlt haben.

Jesus stirbt am Passafest als Lamm Gottes und setzt das Brot des Auszuges und den Kelch der Erlösung als Zeichen für die Erneuerung des Glaubens ein.

Wir müssen uns auch die Frage stellen, kennt das Judentum ein stellvertretendes Opfer?

Im Judentum gibt es die Überzeugung, dass der Tod eines Gerechten seine Generation rettet.

Rabbi Berel Wein schreibt in „The Triumph of Survival, 1990“: „Es war eine alte jüdische Tradition aus biblischer Zeit, dass der Tod der Gerechten und Unschuldigen als Ausgleich für die Sünden der Nation oder der Welt diente.“

Dass der Tod eines Gerechten Auswirkungen auf die Lebenden hat, finden wir in 4. Mose 35,25-28. Da steht, dass diejenigen in Israel, die unbeabsichtigt schuldig geworden waren, an bestimmten Orten leben konnten und so von der Blutrache geschützt waren. Beim Tod des Hohepriesters gab es eine Generalamnestie und sie durften wieder in ihre Dörfer zurückkehren. So heißt es in Vers 28: „Nach dem Tod des Hohepriesters kann er zu seinem Land und zu seinem Grundbesitz zurückkehren.“

Auch Jesaja schreibt im Kapitel 53 vom Tod des Gerechten:

In Jesaja 53 ab Vers 5 steht: 5 „Er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der HERR ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen. 7 Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,

8 Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Vergehen meines Volkes zu Tode getroffen. 9 Bei den Frevlern gab man ihm sein Grab und bei den Reichen seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war. 10 Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen.

11 Nachdem er vieles ertrug, erblickt er das Licht. / Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.“

Weil Jesus durch den Tod am Kreuz aus der Sklaverei der Sünde erlöst und vom Gericht Gottes befreit hat, opfern Christen keine Tieropfer mehr.

Nach wie vor opfern sie von ihrem Besitz für den Unterhalt des religiösen Lebens und stellen ihr Leben Gott zur Verfügung.

So wie es in Römer 12,1 steht: „Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.“

Wie geschieht das?

Römer 12,2: „Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“

Wie bei Maimonides geht es darum, dass der Glaube eine Hingabe an Gott ist, allein um der Liebe willen.

Wie es der Jünger Johannes in 1.Johannes 4,19 schreibt: „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“         

                                           

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