Abraham – Repräsentant Gottes

Wie Abraham in seinem Umfeld wahrgenommen wurde, sehen wir im Bund von Abraham und Abimelech am Schwurbrunnen in Beerscheba. Abraham wird respektiert, weil Gott hinter ihm steht.

Sendung Spiritualität, Montag, 1. November 21, Radio Maria Schweiz

Wir lesen aus 1.Mose 21,22-34

22 Um jene Zeit sagten Abimelech und sein Feldherr Pichol zu Abraham: Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst. 23 Aber nun schwör mir hier bei Gott, dass du weder mich noch meinen Thronerben noch meine Kinder und Enkel hintergehen wirst. Das gleiche Wohlwollen, das ich dir erwiesen habe, sollst du mir erweisen und dem Land, in dem du dich als Fremder aufhältst. 24 Da sagte Abraham: Ich werde es schwören.

25 Abraham stellte aber Abimelech zur Rede wegen des Brunnens, den ihm Abimelechs Knechte mit Gewalt weggenommen hatten. 26 Abimelech antwortete: Ich weiß nicht, wer das getan hat. Du hast es mir nicht gemeldet und ich habe auch erst heute davon gehört.

27 Da nahm Abraham Schafe und Rinder und gab sie Abimelech; so schlossen beide einen Bund. 28 Abraham stellte aber sieben Lämmer der Herde beiseite. 29 Da fragte ihn Abimelech: Was sollen die sieben Lämmer da, die du beiseitegestellt hast? 30 Die sieben Lämmer, sagte er, sollst du von mir annehmen als Beweis dafür, dass ich diesen Brunnen gegraben habe. 31 Darum gab er dem Ort den Namen Beerscheba – Siebenbrunn oder Schwurbrunn -; denn dort leisteten beide einen Schwur. 32 Sie schlossen also zu Beerscheba einen Bund.

Dann machten sich Abimelech und sein Feldherr Pichol auf und kehrten ins Philisterland zurück. 33 Abraham aber pflanzte eine Tamariske in Beerscheba und rief dort den HERRN an unter dem Namen: Gott, der Ewige. 34 Darauf hielt sich Abraham längere Zeit als Fremder im Philisterland auf.

Wir sehen in Vers 22 wie Abimelech Abraham wahrnimmt: „Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst.“

Abimelech hat wahrgenommen: Gott steht hinter Abraham, und mit diesem Gott will er sich nicht anlegen. Wer sich an Abraham, dem Gesegneten, vergreift, vergreift sich an Gott selbst, so wie auch Jesus zu Saulus in Apostelgeschichte 9,4 sagte: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Wer die Kinder Gottes angreift, greift Gott selbst an.

Das Spannende ist, dass sich Abimelech nicht vor Abraham selbst fürchtet. Er erkennt: Nicht Abraham ist stark, sondern der Gott hinter ihm. Deshalb will er Abraham dazu bringen, dass er bei seinem Gott schwört und so auch Abimelech unter den Schutz dieses Gottes kommt.

Die Beschreibung von Abraham und seinem Gott trifft auch auf uns zu. Nicht wir sind wichtig, sondern Gott, der hinter uns steht. Dann können wir auch schwach sein und versagen genau wie Abraham. Doch wenn wir an Gott festhalten, dann steht Gott mit seinem Erbarmen über unserem Leben.

Unser Umfeld nimmt sehr wohl wahr, ob wir auf unsere Fähigkeiten oder auf Gott setzen. Glaubende bauen auf Gott. Sie müssen Gott nicht verteidigen, denn er wird zu seiner Zeit für ihr Recht sorgen. Sie müssen sich auch nicht selbst nehmen, was Gott ihnen versprochen hat, sondern warten auf Gott und den von ihm festgelegten Zeitpunkt.

Wer ist eigentlich dieser Abimelech?

Abimelechs Name bedeutet: „Mein Vater ist König.“ Das heißt, dass er König in zweiter Generation ist. Er hat gelernt, dass man gut beobachten muss, um zu überleben. Er wählt seine Freunde strategisch aus und schließt Verträge, die auch in den nächsten Generationen halten. Er ist auch äußerst klug. Wenn Abraham ihm „bei Gott“ schwört, dann ist Abimelech in den Schutz und Segen vom Gott Abrahams mit einbezogen. Abimelech denkt nicht nur an sich, sondern hat auch eine langfristige Perspektive.

Da ist er wie Abraham, der auch nicht nur für sich denkt, sondern darauf setzt, dass Gott eine langfristige Perspektive hat und aus seiner Familie ein großes Volk machen wird.

Abimelech hat gesehen, dass die Herden von Abraham gewachsen sind und dass Abraham Sodom befreit hat. Als Abraham in sein Gebiet kam, wollte Abimelech Sarah zur Frau nehmen. Abraham hatte ja in 1.Mose 20,2 gesagt, sie sei seine Schwester. Vielleicht müssen wir den Abimelech hier gar nicht so negativ sehen. Aus seiner Sicht waren seine Absichten redlich, wenn auch strategisch: Er wollte er sich mit dem mächtigen Abraham verwandtschaftlich verbinden. Das war damals so üblich, damit man sich nicht gegenseitig angriff. Doch Abimelechs Plan ging schief. Gott sprach im Traum zu ihm. Daraufhin gab er Sarah wieder zurück. Er hat gemerkt: Gott wacht über Abraham.

Abraham war aber auch spitzfindig. Wie also konnte Abimelech verhindern, dass Abraham ihn nicht austrickste und sie sich in die Haare gerieten? Abimelech und sein Heerführer waren der Meinung, dass man sich mit jemandem arrangieren muss, wenn er zu mächtig ist. Am besten ist es, wenn man einen Bund mit ihm schließt. So machen sich die beiden Männer auf den Weg zu Abraham.

Das Spannende dabei ist, dass sie den Bund nicht schließen wollen, weil sie Abraham selbst fürchten. Der ist schon alt. Aber sie wissen, dass sie sich mit Abraham gut stellen sollten, weil sie sehen, wie sein Gott ist.

In Sacharja 8,23 steht, dass die Nationen einmal zu den Juden sagen werden: „Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch“ (Sacharja 8,23).

Als Mose die Israeliten aus Ägypten führt, steht in 2.Mose 12,37-38 : „37 Die Israeliten brachen von Ramses nach Sukkot auf. Es waren an die sechshunderttausend Mann zu Fuß, nicht gerechnet die Kinder. 38 Auch ein großer Haufen anderer Leute zog mit.“

Mit den Israeliten zogen also auch Leute weg, die gesehen hatten, was der Gott Israels alles kann. Sie wollten mit diesem Gott unterwegs sein.

Die nichtjüdische Rut sagt später zu ihrer jüdischen Schwiegermutter Noomi im Buch Rut 1,16: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren! Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“

Gott wird wahrgenommen. Nicht nur in der Natur, wie Paulus schreibt, sondern auch darin, wie er an seinen Kindern handelt. Gott überzeugt nicht durch menschliche Logik, sondern damit, wie er ist. Er offenbart sich an fehlerhaften Menschen und benutzt dazu auch schwierige Situationen.

Was ist damit gemeint, dass Gott sich in schwierigen Zeiten offenbart?

Wenn es einem Menschen gut geht, ist es leicht, Gott zu vertrauen. Doch wenn es schwierig ist, wie beim Abraham, dann ist es noch eine ganz andere Sache, an Gott festzuhalten.

Abraham repräsentiert zwei Seiten: Einerseits lebt er im Glauben und erhält nicht, was ihm versprochen wurde. Gott hat ihm Land und ein Volk versprochen. Doch er zieht als Fremder im Land umher und hat nur eine kleine Familie. Auf der anderen Seite hält er im Glauben an Gott fest, dass dieser zu seiner Zeit seine Zusagen erfüllt.

Abraham hat auch nicht das Gefühl, er müsse für sich selbst kämpfen. Abraham nimmt sich nichts selbst, sondern lässt es sich geben.

Als Sodom erobert und Lot gefangen weggeführt wird, zeigt Abraham in 1. Mose 14,14-16, dass er sehr wohl das Potential hat, Kriege zu gewinnen. Es ist erstaunlich, dass er aber aus diesem Krieg keinen eigenen Vorteil ziehen will (1. Mose 14,23). Er nimmt von der Beute nichts für sich und ruft sich auch nicht als neuen Herrscher und Landeigentümer aus, was sein Recht gewesen wäre.

Der Glaubende wartet auf Gott. Das ist eine Herausforderung auch an uns. Wie schnell ergreifen wir die Möglichkeiten, die sich uns bieten und verhindern so, dass Gott uns zu seiner Zeit geben kann, was er versprochen hat.

In der Bibel sehen wir immer wieder, wie Gott sich verherrlicht, indem er seinen Kindern in der Not hilft, aber die Not nicht immer wegnimmt. Paulus landete im Gefängnis. Doch gerade dadurch wurde er zu einer sehr bedeutenden Person, weil er seine Erfahrungen und Erkenntnisse in Briefen niederschreiben musste, die wir auch heute noch lesen können.

Bei Abraham lernen wir, dass Schwierigkeiten und Versagen zu einem Leben im Glauben an Gott dazugehören. Doch Gott schaut nicht auf unser Versagen, sondern darauf, ob wir trotz Rückschlägen mit ihm auf dem Weg bleiben. Der Glaube ist kein Höhenflug, sondern ein Ringen um ein Weitergehen. Ein sich immer wieder neu Ausrichten auf Gott, ein Nicht-auf-sich-selbst-Blicken. Gott darf und soll sich in unserer Schwachheit offenbaren, als der gütige Vater, der sich über uns erbarmt. Paulus schreibt in 2. Korinther 12,9: „Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.“

Abraham lässt sich von Gott beschenken und erlebt damit, wie Gott für ihn sorgt, wie es auch Jesus in Matthäus 6,25-27 sagt: „25 Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern?“

Bei diesem Bund wird ein Handel abgeschlossen. Was hat es damit auf sich?

Damals schrieb man noch keine Verträge, sondern bestätigte einen Bund mit Gaben. Für den Nichtangriffspakt gibt Abraham mehrere Rinder her. Damit gibt er zum Ausdruck, dass diese Rinder seinen Vertragspartner daran erinnern sollen, dass sie eine Vereinbarung getroffen haben.

Doch auch noch offene Rechnungen müssen beglichen werden. Abraham verlangt den Brunnen zurück, der ihm genommen wurde. Dafür werden sieben Lämmer gegeben. Sie sollen Abimelech daran erinnern, dass der Brunnen Abraham gehört und dass die Rechnung ausgeglichen ist. Indem Abimelech die Lämmer annimmt, bestätigt er das Eigentum von Abraham.

Warum es sieben Lämmer sind, ist ein Rätsel. Die Zahl Sieben ist in der Bibel eine göttliche Zahl. Gott hat die Woche auf sieben Tage festgelegt. So könnte die Anzahl der Lämmer hier ein Hinweis darauf sein, dass das göttliche Opfer alle Schulden begleicht und Frieden stiftet. „Schalom“ bedeutet „ausgeglichen sein“. Die Schulden sind bezahlt. Das passiert ja hier. Abimelech und Abraham sind sich gegenseitig nichts mehr schuldig, als in Frieden miteinander zu leben. Sieben, שֶׁבַה šæbah, bedeutet zugleich „Schwur“. Es sind also auch Schwurlämmer, die den Brunnen bestätigen.

Diese Geschichte ist wie ein Symbol für unser Leben. Als Glaubende gehen auch wir mit Gott einen Bund ein, wenn wir ihm unser Leben anvertrauen. Das Schwurlamm ist Jesus. Als Zeichen dafür, dass wir seine Kinder sind, schenkt der himmlische Vater uns den göttlichen Geist, der uns im Glauben weiterführt und lehrt.

Wie wissen wir, dass wir in diesen Bund mit Gott eingetreten und nun seine Kinder sind? Indem wir Gottes Angebot, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist, angenommen haben und von Gottes Geist verändert werden, indem er uns die Augen für Gottes Wirklichkeit öffnet. Wer hier auf dieser Erde Zeit mit Gott verbringen will, der wird auch in der Ewigkeit bei ihm sein.

Thomas Merton schrieb in seinem Buch „Der Aufstieg zur Wahrheit“ auf Seite 12: „Das große Problem, vor das sich die Christenheit gestellt sieht, sind nicht die Feinde Christi. Die Verfolgung hat dem inneren Leben der Kirche als solchem nie großen Schaden zugefügt. Die eigentlichen religiösen Probleme existieren in den Seelen unter uns, die im Herzen an Gott glauben und wissen, dass sie verpflichtet sind, ihn zu lieben und ihm zu dienen – und es doch nicht tun“. Merton ist sehr nüchtern und praktisch. Der Mensch kann Gott nur lieben, wenn er ihn kennt. Er kann ihn nicht kennen, wenn er sich nicht Zeit nimmt, um zu beten und sich in seine Wahrheit zu vertiefen. Zeit und Frieden sind aber in der modernen Welt selten geworden.

In Matthäus 10,32 sagt Jesus: „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“

Wir haben also auf dieser Erde die Möglichkeit, Gott in unser Leben einzuladen. Wie ein Abraham können wir lernen, mit Gott unterwegs zu sein. Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir wie Abraham alles verlassen müssen, das wir kennen. Doch wir werden Neuland betreten und unser Leben im Gespräch mit Gott gestalten.

Abraham pflanzte einen Baum. Was steht hinter diesem Brauch?

Im alten Landrecht war es so, dass ein Stück Land dem gehörte, der es bebaute. Wenn jemand anderes darauf Anspruch hatte, musste er sein Recht geltend machen.

Dieses Landrecht gilt übrigens noch heute in den palästinensischen Gebieten. Wenn ein Sieder also irgendwo eine Brake aufstellt und den Boden bebaut und dort drei Jahre lang niemand einen eigenen Anspruch anmeldet, dann wird dieses Land zum Eigentum dessen, der den Boden bebaut. So war es im osmanischen Recht geregelt, welches das letzte angewandte Recht auf diesem Boden war.

Mit dem Setzen eines Baumes proklamiert Abraham: “Dieser Boden gehört mir.“ Zugleich erfüllt er auch sein Versprechen, dem Land Gutes zu tun.

Auch hier gibt es eine Parallele zu unserem Leben. Wir leben im Reich Gottes und bringen damit zum Ausdruck, dass Gottes Ordnungen gut sind und wir deshalb unser Leben darauf bauen.

Wer nach Gottes Ordnungen lebt, wird manchmal wie ein Fremder wahrgenommen – wie Abraham, der in keiner Stadt heimisch wurde. Paulus sagt auch in Philipper 3,20, dass unsere Heimat nicht auf dieser Erde ist. Wir sind nicht mehr von dieser Erde, aber auf dieser Erde, sagt Jesus in Johannes 17,11-14. Durch uns wird das Reich Gottes auf unserer Welt wahrnehm- und erlebbar. Und wir tun in unserem Umfeld Dinge, die aufbauen.

Wir proklamieren mit unserem Leben: Gott ist Realität. Ihm kann man vertrauen. Er hält sein Wort, auch wenn er es auf eine andere Weise tut, als wir uns das vorgestellt haben. Gottes Güte soll durch unser Leben sichtbar werden – so, wie wir es auch im Leben von Abraham sehen. Wenn wir seine Geschichte betrachten, staunen wir nicht über den cleveren Abraham, sondern über Gott und darüber, wie er seine Kinder führt. Möge Gott auch an uns sichtbar werden.

Gebet Himmlischer Vater, wir danken dir für diese Geschichte. Sie zeigt uns auf, wie Menschen dich wahrnehmen. Du sorgst für deine Kinder. Nicht immer läuft alles so, wie wir uns das vorstellen. Doch du offenbarst dich in unserer Schwachheit. Du hilfst uns, dass wir nicht bei unserem Versagen stehenbleiben, sondern den Blick wieder auf dich richten. Hilf uns, dass wir noch viel mehr entdecken, wie gut du es mit uns meinst. Dass du für uns bezahlt hast und wir deshalb mit dir sprechen und leben können. Danke für den Heiligen Geist, der uns führt. Hilf uns, dass wir uns und unsere Mitmenschen mit deinen Augen wahrnehmen und segne uns an diesem Tag.

Segne und behüte uns, lass uns verstehen, wie du bist,  sei uns durch Jesus gnädig,  sei uns nahe durch den Heiligen Geist und schenke uns deinen Frieden. Amen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.