Abraham – Leben durch ein Opfer

Der Opfergang von Abraham und Isaak in 1.Mose 22,1-19 ist eine der schwierigsten Stellen in der jüdischen Bibel. Der Text wirft viele Fragen auf, die er selbst nicht beantwortet. Das Entscheidende ist, mit welcher Brille wir den Text lesen und welche Parallelen wir hinzuziehen.

Auf den Punkt gebracht geht es darum: Gott treibt uns an einen Punkt, an dem alles zerrinnt, damit wir erfahren: Der HERR sieht und der HERR lässt sich sehen. Isaak lebt, weil jemand an seiner Stelle stirbt.

Sendung Spiritualität, Montag, 6. September

Gott offenbart sich im Tiefpunkt eines Lebens. In der oberflächlichen Betrachtung wird man diese Geschichte und damit Gott missverstehen.

Liebe ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Gold wird im Feuer geläutert. Unter Druck kommt heraus, was in uns ist. Wer einen Menschen liebt, bewahrt ihn nicht vor allem, sondern begleitet ihn durch alle Schwierigkeiten hindurch. Die Erfahrung von Paulus in Römer 8,28 ist: Alles muss uns zum Guten dienen.

Gott treibt uns an den Punkt, an dem das Kartenhaus unserer Theologie zusammenbricht. Dann erfahren wir: Der HERR sieht und der HERR lässt sich sehen. Wir leben, weil der himmlische Retter an unserer Stelle stirbt.

Wir lesen jetzt den Text aus 1. Mose 22,1-19:
1 Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich. 2 Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.
3 Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, nahm zwei seiner Jungknechte mit sich und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. 4 Als Abraham am dritten Tag seine Augen erhob, sah er den Ort von Weitem. 5 Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren.
6 Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham. Er sagte: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? 8 Abraham sagte: Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.
9 Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham dort den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. 10 Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. 11 Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.
13 Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. 14 Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.
15 Der Engel des HERRN rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu 16 und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des HERRN: Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, 17 will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde einnehmen. 18 Segnen werden sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.
19 Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.

Diese Geschichte wühlt auf. In der Theologie macht man die wildesten Kapriolen, damit der Text in unsere Denk-Box passt – doch er passt eben nicht. Es passt nicht zu unserem Bild vom lieben Gott. Und doch heißt es in der Bibel, dass Gott uns liebt. In dieser Geschichte fehlen uns offensichtlich einige Informationen.

Gab es vielleicht eine Vorgeschichte und wie sah diese aus? Es gibt in der Bibel eine Geschichte, die ähnliche Züge hat: die Geschichte von Hiob. Auch bei ihm zerbricht das ganze Leben. Und dann sieht er Gott. In Hiob 42,5 sagt Hiob: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ Gibt es hier eine Verbindung zum Vers 14, wo Abraham sagt: „Der HERR sieht und lässt sich sehen“?

Die Forderung Gottes an Abraham, seinen einzigen Sohn Isaak, den Geliebten, zu opfern, ist die größte denkbare Herausforderung Abrahams in seinem Verhältnis zu Gott. Opfert er Isaak, opfert er nicht nur seinen Sohn, sondern sich selbst, sein Leben und seine Zukunft. Er gibt schlichtweg alles auf, was Gott ihm verheißen hat.

Hat, wie beim Hiob, der Teufel Gott herausgefordert? Offensichtlich kam es immer wieder vor, dass der Teufel Menschen vor Gott verklagte. Wir lesen, dass in Offenbarung 12,10 steht: „Gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.“

Wenn ich die Lebensgeschichte von Abraham anschaue, dann ist sein ganzes Leben eine einzige Herausforderung. Abraham erhält die Verheißung von einem Land und großen Volk, das aus seinen Nachkommen entstehen soll. Doch er zieht als Nomade umher und hat nur diesen einen Sohn.

Einige Verse im Hebräerbrief öffnen uns eine neue Perspektive auf diesen Text. In Hebräer 11,17-19 steht: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“

Hier wird gesagt, dass Abraham überzeugt war, dass Gott die Macht hat, Tote zu erwecken. Also dass selbst der Tod Gott nicht daran hindert, seine Versprechen einzuhalten.

In 1.Mose 22 steht, dass Abraham darauf vertraute, dass er und sein Sohn zurückkehren werden. In Vers 5 steht: „Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen WIR zu euch zurückkehren.“

Abraham hat schon viele Wunder Gottes erlebt. Erst mit 100 Jahren erhalten er und seine neunzigjährige Frau Sarah den schon langen versprochenen Sohn. Abraham rechnet also fest mit einem Wunder. Gott lässt ihn in 1.Mose 22,8 prophetisch sprechen: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn.“

Wahrscheinlich gibt es noch eine nichterzählte Vorgeschichte. Entweder hatten Gott und Abraham eine Diskussion oder der Teufel hat Gott wie bei Hiob herausgefordert.

Einige Theologen versuchen, die Situation so zu erklären, dass am Anfang von Gott Elohim die Rede ist und erst mit dem Engel Jahwes der wahre Gott in Erscheinung tritt. Doch das geht nicht auf, denn im Vers 12 sagt der Engel Jahwes: „Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast MIR deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.“

Für uns erscheint das Handeln Gottes unverständlich. Warum leiden in der Bibel immer wieder die Gottesfürchtigen? Warum schützt Gott den einen und der andere erlebt einen Schicksalsschlag nach dem anderen?

Gottes Logik ist anders als unsere. Er fragt nicht, wer etwas verdient hat, sondern: Wem kann ich etwas zutrauen, um damit Menschen herauszufordern oder anzusprechen? Wären alle Christen gesund, dann würden alle Menschen Christen werden, weil sie gesund sein wollen, aber nicht unbedingt wegen Gott. Erleben die Menschen mit, wie jemand seine Schicksalsschläge mit Gott erträgt, sieht das anders aus. Entweder man sieht, wie Gott hilft, oder man distanziert sich von einem Gott, der nicht so handelt, wie man es sich selbst vorstellt.

Gerade die Märtyrer waren ein Zeugnis dafür, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Durch die Todesdrohungen konnte man sie nicht von Gott abbringen. Sie hielten daran fest, dass es eine Auferstehung gibt. Und damit sind wir wieder bei Hebräer 11. Abraham war davon überzeugt, dass nicht einmal der Tod Gottes Verheißungen aufhalten kann.

Wenn Gott wissen wollte, ob Abraham das nur so sagt oder es auch wirklich glaubt, dann musste er die Probe aufs Exempel machen. Gott lässt uns manchmal ins Undenkbare hineinlaufen, damit wir eine neue Sicht erhalten.

Um was für eine neue Sicht geht es bei der Opferung von Isaak?

Vers 14 nimmt diesen Gedanken auf:
„Abraham gab jenem Ort den Namen: Der HERR sieht, wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der HERR sehen.“

Also geht es hier um ein doppeltes „neues Sehen“: Gott sieht und er lässt sich sehen.

Es passiert nichts auf dieser Welt, ohne dass es der himmlische Vater sieht. Darauf hat auch Jesus in der Bergpredigt hingewiesen. Er ist der Vater, der das Verborgene sieht (Matthäus 6,4 / 6,6 / 6,18).

Doch was hat Abraham von Gott gesehen? Hier im Text wird vom Bote Jahwes, dem Engel des HERRN, gesprochen. Der Engel des HERRN erscheint in der Bibel zum ersten Mal, als die schwangere Hagar hoffnungslos in der Wüste herumirrte (1.Mose 16,7). Nun erscheint der Engel des HERRN wieder in der Not von Abraham und Isaak. Sie machen eine neue Erfahrung: Isaak lebt, weil jemand anders an seiner Stelle starb.

Gott hätte ja einfach „Stopp“ sagen können. Übung abgebrochen, ich habe gesehen, dass du glaubst. Nein, ein männliches Schaf, ein Widder, soll geopfert werden. Zuvor fragte Isaak seinen Vater Abraham in Vers 7: „Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?“ Und Abraham antwortete in Vers 8: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn.“ Johannes der Täufer nimmt in Johannes 1,29 den gleichen Ausdruck auf: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“

Als der Mensch sich von Gott loslöste und selber bestimmen wollte, was für ihn Gut und Böse ist, versteckte sich der Mensch vor Gott. Gott versprach, dass ein Nachkomme der Frau dem Bösen den Kopf zertreten und dieser ihm in die Füße stechen wird (1.Mose 3,15). Anschließend tötete Gott ein Tier (Schaf?), damit der Mensch sich bedecken konnte (1.Mose 3,21). Abel verstand, dass das Opfer ein Erstlingsschaf sein musste (1.Mose 4,4). So wurden Schafe geopfert. Nun gibt Gott ein männliches Schaf, einen Widder, damit ein Opfer gebracht werden kann. Beim Auszug aus Ägypten wird ebenfalls das Töten eines männlichen Lamms angeordnet (2.Mose 12,5). Es wird geschlachtet und das Blut wird an die Türpfosten gestrichen, damit das Gericht Gottes vorbeigeht.

Eine starke Symbolik wird in diesen Stellen aufgebaut. Isaak lebt, weil jemand anderes an seiner Stelle starb.

Und Gott zieht diesen Gedanken bis ins Neue Testament weiter. In Matthäus  26,39 betet Jesus: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Theoretisch könnte Gott auch ohne Opfer vergeben. Doch er will einen Ort haben, an dem wir unsere Verfehlungen ablegen und Vergebung empfangen können. Unsere Verfehlungen lösen sich nicht in Luft auf. Sie müssen aber auch nicht abgearbeitet werden, sondern werden von Jesus getragen.

Abraham und Isaak lernen eine neue Sichtweise: Isaak lebt, weil jemand anderes an seiner Stelle starb.

Wenn wir an unserem absoluten Tiefpunkt im Leben ankommen, dann bekommen wir einen anderen Blick für Gott. Uns wird bewusst, dass nicht wir Gott etwas zu bieten haben, sondern dass Gott uns in Jesus alles anbietet: Vergebung und ewiges Leben bei Gott.

Spannend ist auch, was in den Apokryphen im vierten Buch der Makkabäer steht: „Wer war der Vater, durch dessen Hand sich Isaak, um der Frömmigkeit willen, schlachten lassen wollte?“ (4. Makkabäer 13,12). Hier wird berichtet, dass sich Isaak freiwillig als Opfer zur Verfügung stellte.

Jesus ging seinen letzten Lebensabschnitt mit der festen Gewissheit, dass er nach drei Tagen wieder auferstehen wird. Von Jesus heißt es, dass er sein Leben freiwillig gelassen hat: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen (Johannes 10,17-18).

Der Berg Morija wird mit dem Tempelberg identifiziert (2.Chronik 3,1). Auf dessen Ausläufern Golgatha stand auch das Kreuz von Jesus. An diesem Ort hat Gott also seinen Plan der Erlösung offenbart und vollendet.

In Johannes 3,36 steht: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen.“ Und in Johannes 10,28 sagt Jesus: „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“

Wie verstehen Muslime diese Geschichte?

Der Koran erzählt diese Geschichte in Sure 37,99-113. Dabei wird die Geschichte aber etwas anders erzählt. Abraham sieht im Traum (Sure 37,102), dass er seinen verheißenen Sohn (Sure 37,101) schlachten wird und erzählt es ihm. Der Sohn antwortet: „Tu, was dir befohlen wird! Du wirst finden, dass ich einer von denen bin, die viel aushalten können.“ Der Sohn gibt sich also freiwillig als Opfer hin. Als dann Allah sieht, dass Abraham und sein Sohn den Traum umsetzen, stoppt er die beiden. Dann heißt es: „Wir lösten ihn, der geschlachtet werden sollte, mit einem gewaltigen Schlachtopfer aus (Sure 37,107). An diese Geschichte wird am höchsten islamischen Fest, dem Fest des Lichtes (‚Îd al-Adha), dem Großen Fest (‚Îd Kabir) oder eben dem Opferfest (‚Îd al-Qurban) gedacht.

Muslime glauben, dass Ismael und nicht Isaak geopfert werden sollte. Doch der Korantext sagt, dass Isaak der verheißene Sohn ist (Sure 37,112) und Isaak durch diese Geschichte gesegnet wird (Sure 37,113). Im Koran wird der verheißene Sohn (Sure 37,101) auch als das Kind der unfruchtbaren Frau von Abraham beschrieben (Sure 11,71 / Sure 51,28-29). Spannenderweise machen Muslime mit diesem Text also genau das, was sie den Juden und Christen vorwerfen (Sure 3,71.78 / Sure 4,46). Sie legen den Text anders aus, als er dasteht.

Auch das Opfer wird im Islam umgedeutet. Obwohl im Koran in Sure 37,107 steht, dass mit dem Schlachtopfer der Sohn ausgelöst wird, wird das Opfer am muslimischen Opferfest zu einem Festessen. Ein Drittel des Fleisches wird von der Familie, ein Drittel von den Verwandten und ein Drittel von den Armen gegessen. Im Fokus steht also nicht mehr das Opfer, sondern die Bereitschaft, für Allah alles hinzugeben. Damit wird die Geschichte zu einer Motivation, sich und seine Kinder für die Sache Allahs aufzuopfern.

Im Korantext ist auch unklar, wer genau das Schlachtopfer vollzog. Die Formulierung „wir“ steht an anderen Stellen eigentlich für Allah.

Da das Opfer zur Wallfahrt nach Mekka gehört, an der man von allen Sünden reingewaschen wird, ist klar, dass der ursprüngliche Sinn des Opfers ein Sühneopfer war. Doch das widerspricht der muslimischen Auffassung, dass böse Taten nicht vergeben, sondern nur durch gute Taten aufgewogen werden müssen.

Wenn man sich an das Opfer von Abraham erinnern möchte, müsste man das Tier eigentlich als Schlachtopfer verbrennen und nicht als Festessen verzehren. Auch im Korantext stirbt das Tier anstelle des Sohnes, damit dieser leben kann. Der Koran gibt auch nicht den geringsten Hinweis darauf, wo dieses Opfer stattgefunden hat. Dies hat zu verschiedenen Kontroversen unter muslimischen Gelehrten geführt.

Auf einer muslimischen Webseite steht zu dieser Geschichte: „Abraham bittet seinen Schöpfer eingehend um Nachkommenschaft und verspricht, dass er sein Kind für Allah opfern würde, sofern er eins bekommt.“ Weiter lesen wir: „Abraham war bereit für das Wohlgefallen Gottes das ihm Liebste zu opfern. … Hier soll der Mensch reflektieren, worauf er selbst am meisten Wert legt und ob er diese Dinge für Gott zu opfern bereit wäre, wenn es nötig ist. Die Erleichterung liegt darin, dass Gott eine „theoretische“ Bereitschaft genügt. … Das Tier, dass man symbolisch opfert, erinnert daran und ist gleichzeitig ein Dank, dass man eben nicht ein Opfer bringen muss, wie Abraham es zu tun bereit war.“

Es geht also darum, dass Abraham auf Gottes Geheiß hin bereit ist, alles zu opfern, was ihm im Leben am liebsten ist. Gleichzeitig betonen Muslime, dass dieses Opfer keine erlösende Funktion hat und weisen darauf hin, dass in Sure 22,37 steht, „dass weder das Fett noch das Blut von Tieren Allah erreicht.“ Entsprechend wird das Opfer mit der Speisung der Armen und damit der ethischen Zielsetzung einer guten Tat verbunden.

Wie gehen Juden mit dieser Geschichte um?

Juden sprechen bei dieser Geschichte von der Bindung Isaaks. Nach der klassischen rabbinischen Deutung war Isaak zum Zeitpunkt seiner Bindung 37 Jahre alt – ein Alter, das sich aus dem Alter Sarahs ergibt, wenn man wie die Rabbiner annimmt, dass Sarah kurz nach den Ereignissen am Berg Morija vor Schreck gestorben ist. Da Isaak schon erwachsen ist, wird er in dieser Auslegung vom passiven Opfer zum aktiven Teilhaber.

Einige Ausleger meinen, Abraham habe die Prüfung Gottes missverstanden, weil Gott unmöglich etwas befehlen kann, was den grundlegenden Gesetzen der Moral widerspricht (1.Mose 9,6). 1.Mose 22,2 wird so verstanden, dass Abraham seinen Sohn zu einem Brandopfer auf den Berg hinaufbringt, es sich aber nicht um einen Befehl zur Opferung handelt.

Andere meinen, dass diese Geschichte eine Ablösung der Menschenopfer durch Tieropfer begründen soll.

In den jüdischen Kommentaren wird immer wieder darauf verwiesen, dass es das Ziel der Prüfung sei, Abrahams „Festhalten ohne Zögern, sein Gehorsam im vollständigen Vertrauen“ zu prüfen. Schon früh fragten sich aber auch schon die jüdischen Ausleger, warum Gott eine solche Prüfung vollzieht.

Eine mögliche Antwort in der jüdischen Tradition lehnt sich an die Himmelsszene des Buches Hiob an. Gott prüft Abraham, weil er sicherstellen will, dass dieser Gott nicht nur ehrt, weil Gott ihm einen Sohn geschenkt hat.

Wie schon Maimonides ausführt, ist der Grund für seine Prüfung gerade Gottes Wissen darum, dass Abraham die Prüfung bestehen wird. Gott will, dass Abraham die Chance erhält, die Beziehung zu Gott als Selbstzweck zu erkennen. Abrahams Sohn ist ja der Träger aller Verheißungen Gottes. Ohne ihn hat Abraham aus seiner Gottesbeziehung keinerlei Vorteile mehr. Wenn er bereit ist, seinen Sohn für Gott aufzugeben, ist er bereit, alles für Gott hinzugeben. Seine Hingabe an Gott ist jetzt reiner Selbstzweck geworden; sie geschieht allein um der Liebe willen. Weltliche Vorteile kann sich Abraham von ihr nicht mehr versprechen.

So wird das Opfer Abrahams zum Sinnbild für die Verarbeitung von Erfahrungen, „in denen Gott dunkel und ganz unbegreiflich, eben als Feind seiner selbst erscheint“. Es geht um Erfahrungen, in denen die Barmherzigkeit Gottes nicht mehr erfahrbar ist und er in eine namenlose Ferne rückt. Nicht umsonst ist es im hebräischen Text von 1.Mose 22 der noch namenlose Gott Elohim, der die ungeheuerliche Forderung nach der Darbringung Isaaks ausspricht. Erst als Gott aus dieser Namenlosigkeit und Ambivalenz heraustritt, kommt es in der Geschichte zur Wende.

Für die rabbinische Deutung war es jedenfalls immer von größter Bedeutung, dass es JHWH (Adonai) ist, der auftritt, um das Opfer zu verhindern und der Abrahams Hand zurückhält.

Für das jüdische Volk stellte die Opferbindung Isaaks in Zeiten der Verfolgung und Vernichtung vom Mittelalter bis zum Holocaust und in die moderne Zeit ein Modell der Leidensbewältigung dar. Isaak wird nicht geopfert, sondern gerettet. Gott muss das Opfer fordern, damit Abraham und Isaak zu ihrem eigentlichen Leben finden.

Was wir sehen: Der Opfergang Abrahams und Isaak fordert jeden heraus, über sich und sein Gottesbild nachzudenken. Spannend ist, dass Jesus sich als das Lamm Gottes offenbart und mit seinem Reich die Not nicht eliminiert, sondern uns im Leiden zur Seite steht und uns eine neue Sicht schenkt: Der HERR sieht und der HERR lässt sich sehen.

Kurz auf den Punkt gebracht: Was sind die Unterschiede zwischen Juden, Christen und Muslimen in Bezug auf die Interpretation dieser Geschichte?
Als Christen glauben wir, dass diese Geschichte eine Vorschau auf das stellvertretende Opfer von Jesus ist. Wir leben, weil jemand anderes für uns starb.
Für Muslime geht es um die Frage, welchen Stellenwert Allah im Leben hat.
Für Juden ist wichtig, wie man in unverständlichen Situationen mit Gott umgeht. Sehen wir Adonai und halten wir an ihm fest?
Wir Christen können aus allen drei Standpunkten etwas für uns herausnehmen. Juden und Muslime lehnen aber die Sichtweise ab, dass Verfehlungen durch jemand anderen getragen und bezahlt werden.

Was könnte man jemandem sagen, der aufgrund dieses Textes sagt, dass er mit so einem Gott nichts zu tun haben möchte, der befiehlt, den eigenen Sohn zu opfern?
Grundsätzlich kann man alle Aussagen in der Bibel nehmen, um damit Gott in Frage zu stellen. Es geht dabei darum, ob Gott sich vor uns verantworten muss oder umgekehrt. Wenn Gott sein Handeln vor uns rechtfertigen muss, dann stellen wir uns über Gott. Dass Jesus am Kreuz für uns stirbt, kann entweder ein Beweis der Liebe Gottes für uns sein oder ein Argument, um über den herzlosen Gott zu richten, der seinen eigenen Sohn für uns sterben lässt. Die Herausforderung ist, Gottes Perspektive zu sehen, so wie es im Text in Vers 14 steht: Der HERR lässt sich sehen.“

Text: Hanspeter Obrist, September 2021

Sendung Spiritualität in schweizer Mundart, Montag, 6. September

Die Sendung kann auch auf dem Podcast von Radio Maria Schweiz gehört oder als CD bestellt werden: Link zu den Sendungen im Radio Maria  https://www.radiomaria.ch/de/podcasts?combine=Hanspeter+Obrist

Alle Beiträge über Abraham können als PDF-Dokument bestellt werden.

Bereits erschienene Beiträge:

Der Gott Abrahams, 27. Januar 2021, Erst wenn wir verstehen, wie Abraham Gott erlebt hat, können wir beurteilen, ob wir an den Gott von Abraham glauben oder ob wir einem eigenen Gottesbild folgen.

Abraham – erwählt zum Segen, 1. Februar 2021, Segen ist nicht Wohlstand, sondern die Gegenwart Gottes.

Abraham – mit Gott im Bund, 4. März 2021, Ein spannender Einblick, wie Gott die Dinge sieht.

Abraham – Glauben, ohne zu sehen, 29. März 2021, Glaube ist ein inneres Wissen um Dinge, die man nicht sieht, welche sich im Leben bestätigen.

Abraham – Segen durch Aufgabe, 7. Juni 2021, Kaum erwählt und reich gesegnet – schon Probleme. Das Miteinander geht auseinander.

Abraham – Leben mit Schwächen, 5. Juli 2021, Versuchung ist, selbst in die Hand zu nehmen, was Gott uns geben möchte.

Abraham – Leben durch ein Opfer, 7. September 2021, Der Opfergang von Abraham und Isaak in 1.Mose 22,1-19 ist eine der schwierigsten Stellen in der jüdischen Bibel. Der Text wirft viele Fragen auf …

Beiträge in Vorbereitung:
Abraham und Melchisedek, Montag, 4. Oktober, 14 Uhr, Radio Maria Schweiz
Abraham – Repräsentant Gottes, Montag, 1. November, 14 Uhr, Radio Maria Schweiz
Abraham – Versöhnung am Grab, Montag, 6. Dezember, 14 Uhr, Radio Maria Schweiz

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