Wir wissen nicht, ob wir überleben

Der IS hat ein Video veröffentlicht, auf dem die Schändung und Zerstörung von Heiligenfiguren und Bildern in der Kathedrale von Marawi zu sehen sind.

Die südphilippinische Stadt Marawi auf der Insel Mindanao wird seit zwei Wochen von einer Welle der Gewalt überrollt. Sie geht auf das Konto der „Maute“-Gruppe, die der Terrormiliz IS nahesteht. Örtlichen Angaben zufolge sollen über 100 Menschen getötet worden sein. Die philippinische Regierung hat das Kriegsrecht verhängt. Über 12 000 Einwohner sind geflüchtet. Hass und Zerstörung treffen gerade die Christen.

Der Generalvikar und weitere Mitarbeiter wurden entführt. Der Direktor des philippinischen Zweigs von „Kirche in Not“, Jonathan Luciano, hat mit dem örtlichen Bischof Edwin de la Peña y Angot über die Bedrohungslage gesprochen.

Jonathan Luciano: Können Sie uns einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation geben?
Edwin de la Peña y Angot: Überall gibt es Zerstörung, Feuer, Ruinen. Viele meiner Mitarbeiter und Gemeindemitglieder wurden evakuiert. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht. Die Kämpfe zwischen Regierung und Terroristen laufen in voller Härte weiter. Niemand weiß, wie lange es noch dauert, die Islamisten zu besiegen. Wir wissen nicht, ob wir überleben.

Die Regierung betont immer wieder, dass es auf den Philippinen keine Präsenz des sogenannten „Islamischen Staates“ gebe.
Sie können es so lange verleugnen, wie sie wollen. Aber wie wir hören, haben die Maute Brüder im Nahen Osten studiert, sie wurden im Ausland trainiert. Sie kommen aus sehr reichen Familien, ihre Kinder gehen in Saudi-Arabien und Jordanien auf die Schule. Insofern bin ich mir da nicht so sicher, was den Einfluss islamistischer Gruppen aus dem Ausland bei uns betrifft.

Der IS hat auch einen Videoclip verbreitet, das weltweit Entsetzen ausgelöst hat. Darin ist zu sehen, wie Terroristen in Ihrer Kathedrale Heiligenfiguren zerstören, das Kreuz umstürzen, Bilder des Papstes zerreißen. Am Ende der Sequenz sind auch Brände in der Bischofskirche zu sehen. Was ist geschehen?
Unsere Kathedrale und das Bischofshaus sind komplett zerstört. Sie wurden zuerst in Brand gesteckt, später auch von den Luftschlägen der Regierungstruppen getroffen. Denn unsere Gebäude liegen mitten im Zentrum der Kämpfe.

Wie waren die Beziehungen zu den Muslimen vor den Übergriffen?
Sie waren wunderbar. Die Muslime waren zu jeder Zeit uns gegenüber friedlich. Wir sind eine kleine christliche Gemeinde, aber wir pflegen hier einen sehr guten interreligiösen Dialog. Mein Generalvikar, der jetzt entführt wurde, hat sich dafür eingesetzt und mit vielen muslimischen Organisationen zusammengearbeitet. Viele muslimische Eltern schicken ihre Kinder auf die katholischen Schulen, weil sie selbst hier schon Schüler waren und unsere Ausbildung schätzen.

Wir haben den extremistischen Gruppen wohl unwissentlich zu wenig Beachtung geschenkt, weil wir dachten: So etwas wie im Nahen Osten kann bei uns nicht passieren. Aber die Extremisten schafften es, immer mehr junge Muslime aufzuhetzen. Die Muslime sind genauso wie wir gegen den Einfluss des IS. Denn sie wissen ganz genau, was die Folgen des Extremismus für die Gesellschaft sind. Das erleben wir jetzt.

Sie haben Ihren Generalvikar Chito Surgano erwähnt. Er wurde gleich zu Beginn der Gewaltwelle von den Islamisten entführt. Haben Sie Neuigkeiten von ihm?

Vergangene Woche haben die Terroristen ein Video von ihm veröffentlicht. Er ist am Leben! Ich hoffe, das gilt auch für seine Begleiter, etwa zwölf bis 15 Personen. Sie wurden entführt, als sie sich in unserer Kathedrale versammelt hatten, um das Fest „Maria, Hilfe der Christen“ vorzubereiten, das am 24. Mai gefeiert wird.

Noch einmal zurück zur muslimischen Bevölkerung: Wie reagieren sie auf die Gewalt von Seiten ihrer vermeintlichen Glaubensbrüder?
Viele von ihnen sind wütend auf die Terroristen. Es gibt auch viele bewegende Geschichten, wie Christen und Muslime sich gegenseitig helfen.   mehr Informationen

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