Was wir aus dem Holocaust lernen sollten

Yom HaSchoah: 2017, Montag, 24. April

Dennis Prager, ein jüdischer Autor aus Los Angeles, zeigte einen völlig neuen Ansatz auf, über den Holocaust nachzudenken, als er anlässlich der Holocaust-Konferenz 1991 in Berlin schrieb: „Im Judentum aber kann man nicht im Namen eines anderen vergeben. Nur derjenige, der verletzt wurde, kann vergeben. Wenn jemand meinem Freund etwas Böses zufügt, darf nicht etwa ich an seiner Stelle dem Übeltäter verzeihen. Deshalb kann kein Jude den Deutschen im Namen der von den Nazis Ermordeten vergeben. … Das Thema der Vergebung ist kein Thema für uns. Es ist nicht unsere Aufgabe, dafür zu sorgen. Weder Deutsche noch Juden sollten auch nur einen Gedanken daran verschwenden. Das wirkliche Thema lautet: Was haben wir aus dem Holocaust gelernt?“

Die Schwerpunkte von Pragers Ausführungen:

1. Menschliche Wesen sind im Grunde nicht gut. Das ist die offensichtlichste und vielleicht wichtigste Lehre des Holocaust. Es war nicht Gott, der Kinder auf Scheiterhaufen warf, Gaskammern baute, Todeslager einrichtete oder Erfrierungsexperimente an Männern und Frauen durchführte. Es waren Menschen. Man fragt sich, was die Menschheit noch alles tun muss, damit dieser Glaube an sie erschüttert wird. Die am häufigsten genannte Entschuldigung für Menschen, deren Taten von Boshaftigkeit gekennzeichnet sind, ist, sie seien krank. Doch Hitler und seine Anhänger waren nicht krank. Sie waren böse.

2. Bildung und Kunst, zwei der angesehensten westlichen Werte sind, moralisch gesehen, gänzlich irrelevant. Professor Peter Merkl von der University of California in Santa Barbara untersuchte den Werdegang von 581 Nazis im dritten Reich und fand heraus, dass Deutsche mit Abitur oder Universitätsabschluss antisemitischer waren als solche mit weniger Bildung. Eine Studie von 24 Einsatzgruppenführern zeigt, dass die große Mehrheit dieser Männer sehr gebildet war.

3. Das Böse, das durch säkulare Ideologien in die Welt kam und kommt, lässt religiöse Untaten geradezu zwergenhaft erscheinen. Allein in diesem Jahrhundert wurden mehr unschuldige Menschen durch säkulare Ideologien ermordet, gefoltert und versklavt, als im Namen aller Religionen im Laufe der gesamten Menschheitsgeschichte. Gott ohne Ethik und Ethik ohne Gott: Beides ist gefährlich, für die Juden und für die Welt.

4. Die christliche Welt schwieg immer zum Bösen, auch wenn andere Christen litten. Der Holocaust ist eine viel größere Herausforderung für das Christentum als für das Judentum. Der Holocaust war eine Katastrophe für die Juden, aber nicht für das Judentum. Während jedoch der Holocaust für Christen keine Katastrophe war, ist er ein Desaster für das Christentum. Der Nationalsozialismus war in seinem Wesen antichristlich, aber Millionen europäischer Christen, und auch ihre geistliche Führung, haben dies gar nicht begriffen. Die Erkenntnis des Bösen und öffentlicher Protest sind scheinbar keine christlichen Haupttugenden. Doch die Juden sollten auch die andere Seite der Christen nicht vergessen: Unter denen, die Juden retteten, war eine überproportionale Anzahl gläubiger Christen.

5. „Gewaltlosigkeit schützt nicht vor Vernichtung“, ist einer der Grundlehrsätze des Judentums. Ebenso: „Verlasse dich nicht auf ein Wunder!“

6. Der Schwächste wurde als Sündenbock angegriffen. Was war der Auslöser zur Judenvernichtung? Die Deutschen standen unter dem Druck der Niederlage des Ersten Weltkrieges. Damit hatten die Juden jedoch nichts zu tun. Vielmehr zeigt es sich, dass der Mensch einen Schwachen als Schuldigen sucht. Es ist schon fast beschämend, wie wehrlose Menschen als Verbrecher abgeführt wurden. Hier zeigt sich der entmenschlichte Mensch, der wie ein Tier über das schwächste Opfer herfällt, um sich selbst zu bereichern.

7. Nichts kann das Opfer der sechs Millionen wiedergutmachen. Aber wenn die richtigen Lehren daraus gezogen würden, wäre ihr Tod wenigstens nicht ganz ohne Sinn.

Durch Pragers Ausführungen wurde mir Folgendes wichtig:

Wir müssen dazu stehen, dass das Sinnen des menschlichen Herzens böse ist (Römer 3,10-18). Johannes sagt uns, dass wir dies bekennen sollen und Gott einladen sollen, uns zu verändern durch seine Vergebung (1. Johannes 1,9).

Wie viel könnte schon aufgefangen werden, wenn wir nicht versuchen, die Geschichte zu entschuldigen, sondern dazu stehen, wie grauenhaft wir Menschen sein können.

Wir sind herausgefordert heute aufeinander zuzugehen und nicht nur über das Weltgeschehen zu philosophieren.

Text: Hanspeter Obrist

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