Warum die arabische Welt sich schwer tut mit Demokratie

Donnerstag, 22. März 2012 / Von Uri Russak, Uris Tagebuch aus Israel

Seit sehr langem suche ich eine Erklärung zur Frage, warum die arabische Welt sich mit Demokratie so schwer tut. Es kann nicht nur die Religion, der Islam, sein, der sich grundsätzlich dagegen stellt. Wir Juden haben damit auf der religiösen Ebene ähnliche Probleme gehabt, die heute allerdings nur noch von ultraorthodoxer Seite hochgehalten werden, die jedoch zusammen mit Siedlungsfanatikern einen unverhältnismässigen politisch korrumpierenden Einfluss besitzen. Statt Scharia und Koran sagen wir Halacha und Tanach (Bibel).

Ich habe enormen Respekt für die Werke des wohl grössten heutigen Islam- und Araberwissenschafters Bernard Lewis. Man nennt ihn den Doyen unter den heutigen Orientalisten. Seriöseres gibt es meines Wissens wenig zu finden. Er trägt nicht die Altlasten jugendlicher Lektüre Karl Mays gesammelter Schriften mit sich herum, ist kein Romantiker, wie viele seiner Kollegen in Wissenschaft und Presse. Er beurteilt das arabische Volk nicht nach dem Niveau seiner Gastfreundschaft und der Qualität des Kaffees, ist nicht erpressbar wie zahlreiche Medienschaffende, die sich ihren Zugang zur arabischen Welt erkaufen müssen.

Auch Bernard Lewis ist nicht unumstritten. Kollegen wie Edward Said s.A., oder M. Shahid Alam mögen ihn nicht, anscheinend vor allem deshalb, weil er gelegentlich Stellung nimmt. Das taten oder tun sie zwar auch, aber eben eine andere. Bernard Lewis Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem arabischen Historiker Fuad Ajami (beide Princeton and ist bestimmt weit wichtiger, als politisch motivierte „Feindschaften“.

In einer kürzlich herausgekommenen Zusammenfassung (The End of Modern History in the Middle East, Hoover Inst. Press 2011) wurde ich fündig. Warum tut sich die arabische Welt so schwer mit Demokratie? Im Kapitel „Glaube und Freiheit“ fand ich eine mir verständliche Erklärung. Bevor ich den Text in selbstübersetzter deutscher Sprache wiedergebe, noch folgendes: nicht immer, wenn überhaupt, litt die arabische Welt so schwer unter dem Joch eines fanatisierenden Islamismus wie heute. Doch auch zur Zeit des arabischen Nationalismus und „Sozialismus“ eines Nasser oder der Bath Partei, die dem heute allgemein überhand nehmenden Islamismus vorangingen, galt, was Bernard Lewis schreibt. Ob säkulare Diktatoren von gestern oder reaktionäre Kleriker und theokratische Politiker von heute, grundsätzlich sind die Umstände die gleichen. Das gilt für die entkolonialisierte Nachkriegsperiode, denn der Islamismus wurde schon Ende Zwanzigerjahre stark und orientierte sich zu einem grossen Teil am Nationalsozialismus Hitlers. Doch das ist eine andere Geschichte.

Bernard Lewis schreibt:

„Heute, eine wachsende Zahl Mittelöstler [Middle Easterners], desillusioniert mit vergangenen Idealen und – in vielen Ländern – ihren heutigen Herrschern entfremdet, wenden ihre Gedanken oder ihre Loyalitäten zur liberalen Demokratie oder islamischen Fundamentalismus. Beide bieten durchdachte Diagnosen zu den Missständen der Region und ein Rezept für deren Behebung an.

In diesem Kampf besitzt der Fundamentalismus einige Vorteile. Er benützt eine Sprache, die der grossen Masse der Bevölkerung eines muslimischen Landes verständlich ist. In Zeiten wirtschaftlicher Entbehrungen, sozialer Beeinträchtigungen und politischer Unterdrückung, sind viele bereit zu glauben diese Übel seien das Resultat fremder Machenschaften Ungläubiger und dass das Heilmittel dazu die Rückkehr zu den echten und authentischen Wegen des Islam seien. Fundamentalisten haben auch einen riesigen Vorteil über andere oppositionelle Gruppen, denn die Moscheen und deren Personal versorgen sie mit einem Netzwerk für Versammlungen und Kommunikation, das sogar die tyrannischste Regierung nicht gänzlich kontrollieren kann. Man kann sogar sagen, dass tyrannische Regime ihren fundamentalistischen Opponenten helfen, indem sie konkurrierende Oppositionen eliminieren.

Im Gegensatz dazu offerieren die Befürworter der Demokratie ein Programm und eine Sprache, die vielen unfamiliär und unverständlich ist. Dazu haben sie den weiteren Nachteil, dass das Wort Demokratie und jene Politiker, die sich als Demokraten ausgeben, durch ihre Stellung in korrupten und unfähigen Regimen in den Augen muslimischer Bürger getrübt worden ist.

Im Kontrast dazu reizt der Aufruf die Gesellschaft im Namen Gottes und des Propheten durch Wiedereinführung seiner heiligen Gesetze zu säubern. Dieser Aufruf vermittelt eine Unmittelbarkeit und eine Stärke, die den Argumenten, Beispielen und sogar dem Wortschatz der Demokraten nicht entsprechen, denn diese klingen ausgesprochen fremdartig. Das arabische Fremdwort „dimuqratiyya“ besitzt nicht die Resonanz des [arabischen] Wortes „Shari’a“.

Weiter schreibt Bernard Lewis, Muslime hätten inzwischen gelernt, zwischen dem Islam als ethische Religion und Lebensart und dem Fundamentalismus als unbarmherzige politische Ideologie zu unterscheiden. Dazu habe ich Zweifel, denn das einzige Land, in dem ein solches Phänomen zu erkennen ist, ist der Iran. Dort gab es Aufstände, wie beispielsweise nach den gefälschten Wahlresultaten von 2012, die äusserst blutig im Namen Allahs niedergeschlagen wurden. Die bisherigen Aufstände waren Aufstände gegen säkulare Diktatoren und (ausser im Iran) nicht gegen theokratische Unterdrücker.

Da der Islamismus die arabische Welt in eine längst tote Vergangenheit führt, auch wenn er moderne Technologie vor allem für gekauftes Kriegsmaterial benutzt, sieht die nähere Zukunft für den Durchschnittsaraber nicht gut aus. Und für die vom Jihadismus bedrohte Welt ebenso.

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