Von sieben Zimmern auf zwei Rucksäcke

Leseprobe Kapitel 2 aus dem Buch: Zu Fuß als Ehepaar nach Jerusalem (Hanspeter und Annemarie Obrist)

Ein Jahr zuvor: Wir bereiten uns in der Schweiz auf unsere Abreise vor. Die umwerfende Nachricht von Renée und Walter versetzt uns in Hochstimmung, denn soeben wurde uns nicht nur ein Lagerplatz für unser Hab und Gut auf ihrem Dachboden zugesagt, sondern zugleich auch eine möblierte Wohnung in Rapperswil für die erste Zeit nach unserer Rückkehr. Noch ahnen wir nicht, dass wir nach unserer Wanderung zwei weitere Wohnungswunder erleben werden. Vorerst gilt es, Tausende von Entscheidungen zu treffen.

„Sollen wir diesen Tisch verschenken oder unterstellen? Was machen wir mit den Schränken? Welche Bücher sollen wir weggeben und welche brauchen wir noch?“ Fragen über Fragen. Die Verkleinerung unseres Besitzstandes von sieben Zimmern auf zwei Rucksäcke ist eine neue, bereichernde, aber auch herausfordernde Erfahrung. Es ist viel einfacher in ein Haus einzuziehen, als ein Haus zu verlassen. Hinzu kommt, dass Hanspeter als gelernter Elektromonteur eine Vorliebe für Kabel und Elektrogeräte aller Art besitzt, während Annemarie als Kindergärtnerin in allen erdenklichen Dingen eine kreative Bastelmöglichkeit sieht. Dass wir beide gerne lesen, macht die Sache auch nicht einfacher. Anderen beim Umzug oder beim Aussortieren zu helfen ist nicht schwer, es selbst zu tun dagegen sehr.

Im Sommer 2009 war uns auf einer Autofahrt plötzlich die Idee gekommen, zu Fuß von Basel nach Jerusalem zu wandern. Wir wissen gar nicht mehr, wer zuerst davon sprach. Erst im Nachhinein stellen wir fest, dass der Gedanke an eine solche Reise nicht von ungefähr kam, sondern in unserer bisherigen Lebensgeschichte wurzelt.

Hanspeter hatte als 16-Jähriger eine zweiwöchige Wanderung von Basel nach Genf unternommen. Nach 19 Ehejahren schlug er vor: „Komm, wir packen das Zelt ein und absolvieren dieselbe Strecke in unserem Sommerurlaub.“ „Wie bitte? Freiwillig einen schweren Rucksack schleppen und das noch im einzigen Urlaub, der dieses Jahr möglich ist? Nein, auf keinen Fall!“, wehrte sich Annemarie. Fahrradtouren hatten wir allerdings schon einige hinter uns. Einmal waren wir von der Rheinquelle bis zur Nordsee gefahren, ein anderes Mal von der Donauquelle nach Wien oder quer durch die Schweiz. Dabei transportierten wir das Gepäck jedoch immer auf dem Fahrrad, nicht auf den Schultern. Hanspeter gab nicht so schnell auf. Am Ende lenkte Annemarie ein. „Aber nur, wenn ich das Zelt nicht tragen muss. Und wenn es nicht geht, steigen wir in den Zug und fahren wieder nach Hause.“ Hanspeter war damit einverstanden und die Wanderung wurde für beide zu einer positiven Erfahrung.

Ein Jahr später fragte uns John Pex in Israel, ob wir bei der deutschen Herausgabe des Buches Walk the Land (Der Israel Trail[1]) behilflich sein könnten. Wir sagten zu und beschäftigten uns während dieses Projektes über einen längeren Zeitraum hinweg mit einem 960 Kilometer langen Wanderpfad, der sich durch ganz Israel zieht.

Beim Räumen unseres Mietshauses in Arlesheim, nicht weit von Basel, fällt uns im Frühsommer 2010 auch dieses Buch wieder in die Hände. Wie bei jedem anderen Gegenstand müssen wir festlegen, was damit geschehen soll. Da wir schon seit Monaten in diesem Entscheidungsprozess stehen, machen sich langsam Ermüdungserscheinungen breit. Wir können jetzt ein wenig erahnen, was es für ältere Menschen bedeuten muss, sich von vielen lieb gewordenen Dingen zu trennen, wenn sie ihr Zuhause verlassen müssen. Jemand hat einmal gesagt, viele gesammelte Gegenstände seien emotionaler Schrott. So drastisch würden wir es nicht formulieren, doch wir verstehen nun besser, weshalb schon Salomo in der Bibel darauf aufmerksam macht, dass Sammeln und Wegwerfen seine Zeit hat.[2]

Jedes Mal, wenn wir zu Freunden aufbrechen, nehmen wir Rucksäcke voller ausgemusterter Gegenstände mit. Und wenn Leute bei uns zu Besuch sind, führen wir sie ins Gästezimmer, wo sich laufend Neues ansammelt. „Nehmt einfach, was ihr brauchen könnt!“, laden wir sie ein. Auf diese Weise verkleinert sich unser Haushalt in kleinen Schritten. Größere Auswirkungen hat der Besuch unserer Nachmieter bei uns.

„Habt ihr Verwendung für den Schrank im Wohnzimmer? Wenn ihr wollt, dürft ihr auch den Küchentisch, Bücher und anderes für mindestens ein Jahr oder länger benutzen.“ Claudia und Ferdinand sagen freudig zu. „Die Vorhänge könnt ihr hängen lassen. Auch die Teppiche können wir gut gebrauchen.“ „Wie steht es mit den Pflanzen?“, fragen wir. „Kein Problem. Die stören uns nicht.“ Wunderbar! Alles, was wir ihnen schenken oder auf unbestimmte Zeit leihen, wird im Computer notiert. Eine solch optimale Lösung wäre uns nicht im Traum eingefallen. Trotzdem sollten wir vor unserer Abreise noch in Zeitnot geraten.

Die Tage unmittelbar vor der Hausübergabe sind bis auf die letzte Minute gefüllt. Was für ein Vorrecht, wenn man in solchen Zeiten treue Helfer zur Seite hat! Katja, Hanspeters Patenkind, putzt fachkundig die beiden Nasszellen. Ihre Mutter Christine und ihre Schwester Rahel helfen uns einen Tag lang in der Küche und beim Fensterputzen. Peter, ein Cousin von Annemarie, stellt uns großzügig einen Wagen seines Malergeschäfts zur Verfügung. Fredi transportiert am Freitagabend unser Bett durch den nervenaufreibenden Berufsverkehr nach Riehen. Viele weitere Handreichungen in dieser Zeit werden uns unvergesslich bleiben.

Dennoch kommen wir am Abgabetag restlos an unsere Grenzen. „Ich muss nur noch schnell die Türen und die Türrahmen putzen“, erklärt Annemarie am Morgen und macht sich an die Arbeit. Sie hat bald den Eindruck, als ob sich die Türen fortlaufend vermehrten. Siebzehn Stück mit Balkon- und Kellertüren zählt Annemarie am Ende. Auch Hanspeter findet ständig eine neue Arbeit, die noch erledigt werden muss. Einen Besuch, den wir auf dem Weg ins Zürcher Oberland noch gerne gemacht hätten, sagen wir schließlich ab. Die Zeit läuft uns davon. Wie gut, dass unsere Vermieter flexibel sind: „Kein Problem, wir können auch erst am Abend zur Schlüsselübergabe kommen.“

Da Hanspeters Familie schon länger mit einem Essen auf uns wartet, verabschieden wir uns nicht mehr von allen Nachbarn. Aus diesem Grund entscheiden wir uns, bereits am ersten Reisetag eine Routenänderung vorzunehmen.     Fortsetzung Kapitel 3

Kapitel 1 Die mysteriöse Wasserflasche

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[1]  Der Israel Trail: Mit dem Rucksack durchs Heilige Land, Judith Galblum Pex
[2]  Prediger 3,6

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