Rosch HaSchana – Jüdisches Neujahr – Tag des Schofarblasens

Mittwoch 20. September 2017 beginnt nach Sonnenuntergang der Erew Rosch HaSchana vom jüdischen Jahr 5778.  

Nach rabbinischer Tradition ist Rosch HaSchana der Tag, an dem Gott den Menschen erschaffen hat. Nach Rabbi Elieser wurden die Stammväter in diesem Monat geboren, da sie Anfang für eine neue Ära waren. Auch soll an Rosch HaSchana Josef aus dem Gefängnis entlassen worden sein, in dem er zwölf Jahre lang unschuldig eingesperrt war. Von diesem Tag an begann sein Licht zu leuchten. Ebenso soll die Sklaverei in Ägypten an diesem Tag ein Ende gesetzt worden sein und so wurde Rosch HaSchana zum Tag des Beginns der Erlösung.

Mit dem Ende des jüdischen Jahres erinnert sich der rabbinisch orientierte Jude an die Vergänglichkeit seines Lebens. Im letzten Monat (Elul) ertönt beim täglichen Gottesdienst eindringlich und mahnend das Schofar (Widderhorn). Sein Klang soll eine Art Weckruf für den Zuhörer sein sowie eine Ermahnung, an sein Ende und an den Richter des Lebens zu denken, der auf ihn wartet. Das Schofar wird am Tag vor Rosch HaSchana nicht geblasen, um das Schofar-Blasen des Monats Elul und das Blasen zu Rosch HaSchana voneinander zu trennen.

Baal Schem Tow etablierte den Brauch vom 1. Elul bis Jom Kippur jeden Tag drei zusätzliche Psalmen zu rezitieren. Am Jom Kippur werden die verbleibenden 36 Psalmen rezitiert, womit das ganze Buch der Psalmen komplettiert wird.

Der letzte Monat im Jahr (Elul) ist traditionell eine Zeit für Einkehr und der persönlichen Überprüfung – eine Zeit um die Taten und die spirituellen Fortschritte des vergangenen Jahres noch einmal Revue passieren zu lassen und sich auf Rosch Haschana und Jom Kippur vorzubereiten. Als Monat der göttlichen Gnade und Vergebung ist es eine sehr gute Zeit für „Tschuwa“ (Umkehr zu Gott), Gebet, Zedaka (Spenden), und dem Anwachsen der Liebe Israels, verbunden mit dem Streben nach Selbstverbesserung und der Annäherung an Gott. Jeden Tag werden abends die Slichot, die Gebete um Vergebung, gesprochen. Juden, die ihre Wurzeln in der islamischen Welt haben sagen sie bereits einen Monat lang vor Rosh Hashanah, während Juden aus der christlichen Welt erst am Sonntag vor Rosh Hashanah damit anfangen. Am letzten Tag im Elul ist es Brauch an  an den Gräbern von den Gerechten (Zaddikim) zu beten.

An Rosch HaSchana, dem Neujahrstag am 1.Tischri, zieht man dann Bilanz über das vergangene Jahr. Dabei steht die Sehnsucht nach Vergebung von Schuld besonders im Vordergrund. Nach 3. Mose 23,24 soll Israel am 1. Tag des siebten Monats (= Tischri) den Tag des Schofarblasens als Tag des Gedenkens feiern. Durch das babylonische Exil wurde dieser Tag zum Neujahrstag. Er wird auch als Geburtstag der Welt verstanden und erinnert an die Schöpfung von Adam und Eva. Nach der Babylonischen Gefangenschaft fanden vom 1.-10.Tischri die Versammlungen des Esra (Neh. 8,2) statt. So beginnen mit Rosch HaSchana zehn Bußtage, die am Abend des Jom Kippur (Versöhnungstag) enden. In der Zeit vor dem Versöhnungstag, Jom Kippur, essen religiöse Juden kein Fleisch und feiern keine Feste, um sich selbst zu prüfen und allfällige Schuld in Ordnung zu bringen.

Tag der Rechenschaft
Nach jüdischer Überlieferung wird an Rosch HaSchana das Buch des Lebens aufgeschlagen, und Gott sieht auf alles Fehlverhalten und alle Schuldhaftigkeit während des vergangenen Jahres. Der Mensch wird dadurch genötigt, Rechenschaft über sein sittliches und religiöses Verhalten abzulegen. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich aus Gottes Gericht zu retten und seine Gnade zu erfahren, indem alles Schuldhafte bereinigt. Deshalb bittet man in diesen zehn Tagen um Verzeihung. Das geschieht selbst Verstorbenen gegenüber, indem man an deren Grab unter Zeugen bekennt und bereut. Nach rabbinischer Vorstellung wenden Umkehr, Gebet und Liebeswerke Gottes Gericht ab. So hofft der rabbinisch orientierte Jude, dass Reue und Wiedergutmachung Gott dazu bewegt, ihn wiederum für ein Jahr in das Buch des Lebens einzuschreiben. Heute kann die Schuld vor Gott wegen des fehlenden Tempels nicht mehr, wie in 3. Mose 17,11 gefordert, durch Blut gesühnt werden. (Bei den Christen betrifft das Buch des Lebens, das die ewige Gemeinschaft mit Gott (Offenbarung 20.15) und nicht das irdische Leben.)

Gottesdienste
In der Synagoge herrscht die Farbe Weiß vor. Sowohl der Chasan (Vorbeter) als auch der Schofarbläser tragen ihr weißes Sterbekleid. Anstelle des von Israel geforderten Opfers im Tempel werden die in 4. Mose 28 und 29 geforderten zusätzlichen Opfer für Festtage durch zusätzliche Mussaf-Gebete ersetzt. Im Mittelpunkt der Bußgebete steht der Satz: «Vater, wir haben gesündigt, sei uns gnädig.» Der Gottesdienst dauert ca. fünf Stunden. In ihm wird die Geburt und Opferung Isaaks gelesen – ein biblischer Abschnitt, der aufzeigen sollte, dass Opfer Stellvertretung bedeutet. Wir können vor Gott nur leben, wenn jemand anders sein Blut für uns gibt. Dabei knien unüblicherweise Vorbeter und Gemeinde nieder und berühren mit der Stirn den Boden und zeigen auf diese Weise, wer sie sind vor dem «einen, Heiligen, gelobt sei er». Während der Mussaf- Gebete ertönt das Schofar dreimal. Der erste Teil ist ein Weckruf. Dann folgt der trillernde Siegesruf und im letzten Teil ertönt der Jubelruf, der schrill und laut die Ohren der Hörer füllen soll.

Taschlich
An Rosch Haschana ist es üblich, die Sünden symbolisch in ein Gewässer zu werfen. Das hebräische Wort Taschlich bedeutet »(du sollst) werfen« und meint damit das symbolische Wegwerfen der Sünden in ein Gewässer an Rosch Haschana. Es ist auch das erste Wort, das bei dieser Zeremonie gelesen wird. Es steht in Micha 7,19: »Du wirst all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.«

Am Nachmittag des ersten Neujahrstages (wenn Rosch Haschana auf einen Schabbat fällt, ist es der zweite Tag), geht man nach dem Minchagebet an einen Fluss, ans Meer, an einen See, Teich oder an eine Quelle oder – wenn gar kein anderes Gewässer erreichbar ist – zu einem Behälter mit Wasser.

Dort spricht man verschiedene Buß- und Bittgebete (je nach Tradition können diese unterschiedlich sein) und die Verse 18 und 19 von Micha 7. Danach stülpt man seine Hosentaschen, in die man vorher kleine Brotkrumen gelegt hat, nach außen und entleert sie vollständig, möglichst direkt ins Wasser.

Der Kabbalist Jeschajahu HaLevi Horowitz (16./17. Jahrhundert) erklärt, dass im Gewässer möglichst Fische sein sollten. Denn der Mensch kann sich, wie Fische im Netz, in seinen Sünden verfangen. Doch durch die Teschuwa (Umkehr) hilft Gott, sich davon zu befreien. Fische haben zudem keine Augenlider, ihre Augen sind also zu jeder Zeit weit geöffnet, was bewusst machen soll, dass Gott die Menschen immer überwacht und gnädig auf sie schaut.

Das Taschlich-Ritual wird von allen Strömungen und Gruppierungen begangen, von Reform bis charedisch, von aschkenasisch bis sefardisch.  In Jerusalem gehen einige zum Taschlich zum Maajan Haschiloach, dem Silwan Pool, südlich des Tempelbergs. Diesen Ort beschreibt schon der Prophet Nehemja (3,15). Er wird als eine der Quellen von Taschlich zitiert: »Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor dem Wassertor … am ersten Tag des siebten Monats« (8, 1–2).

Wo genau der Ursprung von Taschlich liegt, ist allerdings unbekannt. Im Talmud wird es nicht erwähnt. Bei den Aschkenasim ist es der Maharil, der den Brauch Ende des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal beschreibt. Das Wasser ist auch Symbol der Reinigung. Im Talmud (Joma 85b) heißt es: »So wie die Mikwe den Unreinen reinigt, so reinigt Gott Israel.«  (mehr Informationen)

Neujahrstradition

Nach dem Abendgebet wünscht man sich einander LESCHANA TOWA TEKATEW VITECHATEM, „Mögest du für ein gutes Jahr eingeschrieben und versiegelt werden.“

Beim Abendessen werden Äpfel in Honig getaucht, und diese, wie auch der Kopf eines Fisches, Granatäpfel, süße Möhren und andere besondere Speisen gegessen, die für ein süßes und erfolgreiches Jahr stehen. In manchen Familien wird beim Eintauchen eins süßen Apfels in Honig der Wunsch ausgesprochen: «Es möge Gott gefallen uns ein gutes und süßes Jahr zu schenken.» Mit dem Jahreswechsel soll ein neuer Anfang stattfinden.

An der Klagemauer in Jerusalem sind vor Rosch HaSchana die geschriebene Botschaften von Gläubigen entfernt worden. Vor den Feierlichkeiten werden jedes Jahr die auf Papier geschriebenen Botschaften von der heiligen Stätte entfernt, sie werden dann begraben, um das alte Jahr zu beenden und dessen Lasten unter die Erde zu bringen.

Es ist auch Brauch, einander an Rosch HaSchana Grußkarten mit guten Wünschen zum neuen Jahr zu senden. Hier ein Beispiel eines Neujahrgrusses:

Hier noch eine orthodoxe Version:

Schofar und seine Bedeutung
Nach Maimonides (1135-1204) will das Schofar eindringlich ermahnen: «Wacht auf, ihr Schläfer und denkt nach über eure Taten und gedenkt an euren Schöpfer, und kehrt um zu ihm in Buße. Gehört nicht zu denen, welche die Wirklichkeit verfehlen, indem sie Schatten nachjagen, die ihre Jahre damit vertun, dass sie nichtigen Dingen nachjagen, welche weder Nutzen noch Heil bringen. Habt wohl Acht auf eure Seelen, und bessert euren Charakter. Jeder von euch soll seine bösen Wege und Gedanken verlassen und zu Gott umkehren, dass er euch gnädig sein möge.» Wenn an Rosch HaSchana der letzte Ton des Schofars verklungen ist, dann bleibt das Schofar an den folgenden Bußtagen stumm. Es ertönt erst wieder am Ende des Jom Kippur.

Beispiel von Schofar

Text von Hanspeter Obrist

Vergleiche auch Artikel: Jüdisches Neujahrfest in Uman Ukraine

Jüdisches Neujahrfest in Uman Ukraine

Was für Moslems Mekka ist, ist für chassidische Juden die Stadt Uman in der ukrainischen Provinz. Jedes Jahr pilgern zu Rosch HaSchana 50.000 Orthodoxe dorthin. Zwischen den Wohnblöcken tanzen sie sich in Ekstase und warten auf den Messias. Zwischen Plattenbauten liegt Rabbi Nachman von Brazlaw begraben, den Chassiden als Heiligen verehren. Die Stadt gerät dann … weiterlesen

Jüdische Feste:
Rosch HaSchana – Jüdisches Neujahr
Fasten des Gedalja
Jom Kippur – Der Versöhnungstag
Sukkot – Das Laubhüttenfest
Chanukka – Das jüdische Lichterfest
Tu BiSchwat – Das Neujahrsfest der Bäume
Purim – Ende des Antisemitismus – Überwindung vom Fremdartigen
Pessach / Passah – Die Befreiung
Tischa BeAw – Tröstet mein Volk
Unzählbare Feste doch nur drei gesetzliche Feiertage in Israel

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