Paulus setzte einen Gegenpool zum gängigen sexuellen Missbrauch

Die Vorstellung von der züchtigen Antike ist eine Legende. Der Althistoriker Kyle Harper, der an der University of Oklahoma lehrt, analysierte die römische Gesellschaft.

Das heidnische Rom war eine Stadt voller öffentlicher Badehäuser und Gymnasien, in denen nackt geturnt wurde. Erst das Christentum machte dieser überwältigenden heidnischen Sinnlichkeit den Garaus. Christen waren keineswegs asexuelle. Doch der Mensch als Ware, war im römischen Reich hoch im Kurs.

Knabenschändung
Von dem römischen Dichter Vergil hieß es, er habe Knaben den Frauen im Bett vorgezogen. Das Alter, in dem sie vergewaltigt werden durften, reichte ungefähr von 16 bis 18 Jahren, mit offenen Altersgrenzen nach beiden Seiten hin. Als schändlich galt es, sich an einem Jungen zu vergehen, dem schon der Bart wuchs, denn dann bestand die Gefahr, dass er beim Geschlechtsverkehr zum stärkeren Part wurde. Unverletzbar galt einzig und allein der Körper des freien Römers. Die Unfreien, und hier besonders die Knaben, waren weder durch Gesetz noch durch Sitte geschützt.

Bordelle
Freudenhäuser gab es im heidnischen Rom wahrscheinlich an jeder Straßenecke. Allerdings führt das Wort „Freudenhaus“ in die Irre, wir müssen uns eher Höllen vorstellen. „Der nachklingende Gestank, die Atmosphäre der Gewalt, die engen Lager aus Beton, der systematische Missbrauch – dies waren die Realitäten des Handels mit Menschenfleisch„, schreibt Kyle Harper. Die Bordelle waren extrem billig: Ein Geschlechtsverkehr kostete zwei Asse. Zwei Asse kostete auch ein Laib Brot. Mit anderen Worten: Eine Prostituierte musste viele Männer über sich ergehen lassen, ehe sie ihren Tagesverdienst zusammen hatte. In den Bordellen arbeiteten sowohl Männer als auch Frauen, Knaben wie Mädchen.

Das offizielle Heiratsalter für freie römische Mädchen war zwölf Jahre – unter höheren Ständen dürfte es in der Praxis ein wenig höher gewesen sein. Als Verheiratete waren Frauen vor sexuellen Übergriffen geschützt und hatten gewisse Rechte, vorausgesetzt, sie blieben außerhalb des Ehebettes keusch. (Ehebruch galt im römischen Recht als Sonderfall des Diebstahls: Ein Mann vergriff sich am Eigentum eines anderen.) Bevor Männer mit Fackeln und schlüpfrigen „Hymen-Hymenaios“-Gesängen zum Ehebett geführt wurden, war es normal, dass sie ins Bordell gingen. Es galt sogar als tugendhaft, weil das bedeutete, dass sie nicht verheirateten Frauen nachstellten. Grundsätzlich galt Sex, der nicht mit romantischen Gefühlen verbunden war, als gesund: eine Art befreiendes Niesen mit dem Unterleib. Kein Wunder, dass käuflicher Sex zu den florierenden Wirtschaftszweigen des römischen Kapitalismus gehörte.

Sklaven
Die wohlhabenden Römer brauchten keine Bordelle; sie hatten ja ihre Sklavinnen und Sklaven, die ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Diensten sein mussten. Von den rund 70 Millionen Einwohne im Imperium Romanum, waren sieben bis zehn Millionen Sklaven. Sie galten als res animae, als atmende Sachen, jede ihrer Körperöffnungen stand den Herrschaften zur Verfügung.

Kyle Harper ist aufgefallen, dass im antiken Schrifttum Masturbation keine Rolle spielt. Es wird noch nicht einmal vor ihr gewarnt. Das liegt daran, dass sie unnötig war: Für den kleinen sexuellen Hunger zwischendurch gab es immer einen warmen, atmenden, zuckenden Leib, der nicht das Recht besaß, sich zu verbergen oder Widerstand zu leisten.

Die Christen bewegten sich in dieser Kultur als winzige jüdische Sekte, die von einem fremden Stern gefallen zu sein schien. Ihre Sexualmoral ragte in den römischen Kosmos aus erotischer Sinnlichkeit und Gewalt wie ein Keil, der alles zerspaltete, was in seinem Weg lag. Die christliche Auffassung von Ehebruch war revolutionär; die christliche Definition dessen, was künftig nicht mehr erlaubt sein sollte, radikal. Außerhalb dieser Ehe durfte ein Mann keinen Sex haben, nicht einmal mit Prostituierten oder Sklaven! Im Zuge ihrer sexuellen Revolution betonnten die Christen ein neues philosophisches Konzept, den freien Willen. Für die Heiden der Antike waren alles vom Schicksal vorherbestimmt.

Die Christen dagegen predigten, dass der Mensch der Herr seiner Triebe sei: Er konnte selbst entscheiden, ob er in Sünde leben oder des Heils teilhaftig werden wollte. Wir leben noch immer mit dem Nachklang dessen, was die Christen damals installiert haben. Doch will unsere Gesellschaft wirklich ins alte Rom zurück?

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