Paralympics – Die Idee, behinderte Sportler gegeneinander antreten zu lassen, hatte der deutsch-jüdische Arzt Ludwig Guttmann in England

Der Neurologe Ludwig Guttmann (1899-1980) erfand im Krankenhaus im englischen Stoke Mandeville die ersten Sportwettkämpfe für Rollstuhlfahrer. Genau an dem Tag, als in London 1948 die Olympischen Spiele eröffnet wurden, veranstaltete der Mediziner in seinem Krankenhaus einen Wettkampf für Rollstuhlfahrer im Bogenschiessen.

Guttmann war während des Krieges wegen seines jüdischen Glaubens aus Deutschland nach England geflohen. Zuvor war er Leiter eines jüdischen Krankenhauses in Breslau, wo er in der Pogromnacht von 1938 60 Juden das Leben rettete. Er nahm sie als Patienten auf und erdachte für sie Krankheiten, als die Nationalsozialisten sie zum Abtransport in ein Konzentrationslager abholen wollten.

Wenig später nahm er eine Stelle in England an. 1944 wurde er Leiter einer neuen Abteilung für Rückenmarksverletzte im Stoke-Mandeville-Krankenhaus. «Die Patienten kamen nicht auf Bahren an, sondern in Särgen», erinnert sich die Tochter Guttmanns, Eva Loeffler, in einem BBC-Interview. Man sei damals davon ausgegangen, dass die meisten Querschnittgelähmten sowieso innerhalb weniger Wochen sterben würden, und legte sie bereits in Särge.

Die meisten waren Soldaten, die während des Krieges von einem Schuss im Rücken getroffen wurden. «Sie waren von Kopf bis Fuss in Gips, was bei vielen furchtbare Druckstellen verursachte», erzählt Loeffler. Ihr Vater habe den Gips nach seiner Ankunft sofort abgeschafft. «Er war davon überzeugt, dass seine Patienten wieder ein normales Mitglied der Gesellschaft werden sollten.»

Dabei spielte nicht zuletzt sein Glaube eine grosse Rolle. «Als Jude konnte er sich in andere Minderheiten hinein versetzen. Und Behinderte gehören zu einer Minderheit», sagt seine Tochter heute. «Das spornte ihn an, ihnen zu helfen, und veränderte ihr Leben.»

Guttmann wollte nicht akzeptieren, dass selbst die fittesten Soldaten innerhalb weniger Wochen an einer Querschnittlähmung starben, weil sie schlecht versorgt wurden. Er nutzte den Sport als Rehabilitation. «Er erkannte, dass sich mit Sport die Muskeln einsetzen lassen, die die Patienten noch hatten», sagt seine Tochter.

Bereits 1952 wurden die Stoke-Mandeville-Spiele international: Ehemalige niederländische Soldaten traten gegen Rollstuhlfahrer aus England an. 1960 wurden die Spiele dann in Rom ausgetragen, dem gleichen Ort, an dem im selben Jahr auch die Olympischen Spiele stattfanden.

1966 wurde Guttmann von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. 1980 starb Guttmann im Alter von 80 Jahren.

In diesem Jahr erinnert sich Grossbritannien wieder an den Begründer der Paralympics: Das jüdische Museum in London widmet dem Arzt derzeit eine Ausstellung.

Die BBC würdigte den Arzt mit einem Film zur besten Sendezeit. «The Best of Men» über das Leben Ludwig Guttmanns hatte hohe Einschaltquoten. Drehbuchautorin Lucy Gannon ist davon überzeugt, dass Guttmann wollte, dass auch behinderte Sportler bei den Olympischen Spielen antreten können. «Ich hoffe, dass mein Film zeigt, dass das, was vor 40 Jahren nicht möglich war, vielleicht in Zukunft möglich sein wird. Es wäre wunderbar, wenn in 20 Jahren die Paralympics in die Olympischen Spiele integriert würden», sagte sie der BBC. Guttmanns Erbe sei für sie erst erfüllt, wenn es die Paralympics nicht mehr gebe. «Je früher desto besser.»

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