Ohne Ende

Wenn Du ein spannendes Buch bekommst, wo beginnst Du dann mit Lesen? Liest Du zuerst den Buchdeckel, das Inhaltsverzeichnis oder beginnst Du auf der ersten Seite? Einige Leute haben die Eigenart, immer zuerst den Schluss eines Buches zu lesen. Erst wenn sie wissen, wie die ganze Geschichte ausgeht, lesen sie, wie es zu diesem Ausgang gekommen ist. Wenn wir die Geschichte vom barmherzigen Vater und seinen beiden Söhnen betrachten, stellen wir fest, dass bei dieser Geschichte ein eigentlicher Schluss fehlt. Wir lesen nichts von einem Happy-End. Wie denkst Du, dass diese Geschichte ausgehen müsste?

Das offene Ende der Geschichte
Warum hat Jesus diese Geschichte nicht zu Ende erzählt? Was bedeutet der fehlende Schluss? Wir wollen uns nochmals erinnern, wie es zu dieser Geschichte kam. Die Pharisäer meckerten, weil Jesus sich der verrufenen Leute angenommen hatte. Sie sagten: „Seht nur, mit welchem Gesindel sich Jesus abgibt. Und nicht genug, dass er mit ihnen redet: Er setzt sich sogar mit ihnen an einen Tisch“ (Lukas 15,2). Darauf erzählte Jesus ihnen drei Geschichten. Die letzte handelte vom barmherzigen Vater und seinen zwei Söhnen. Als Jesus vom jüngeren Sohn erzählte, war für alle klar, dass Jesus damit die gottlosen Menschen meinte.

Beim älteren Sohn wussten die Pharisäer: Jetzt spricht er von uns Frommen. Indem Jesus den Schluss der Geschichte offen ließ, wurde ihnen klar: Wir selbst müssen jetzt den Schluss der Geschichte schreiben. Unsere eigene Reaktion ist gefragt. Wollen wir uns über die Heimkehr der gottlosen Menschen zum himmlischen Vater freuen oder stehen wir wie der ältere Sohn entrüstet daneben? Wie die Pharisäer anschließend reagierten, wissen wir nicht.

Meine Reaktion auf das offene Ende
Viele Maler haben versucht, diese Geschichte darzustellen. Meines Wissens steht immer der heimkehrende Sohn im Zentrum. Sogar wir reden oft vom Gleichnis des verlorenen Sohnes und nicht vom barmherzigen Vater oder dem Sohn, der nicht wie der Vater werden wollte. Doch als Jesus die Geschichte erzählte, ging es nicht in erster Linie um den jüngeren Sohn, sondern darum, wie der ältere auf die Barmherzigkeit seines Vaters reagierte.

Die Geschichte ist eine Anfrage an die religiösen Menschen. Wollen wir so werden wie der himmlische Vater? Lieben wir unsere Mitmenschen in der gleichen Art wie der himmlische Vater? Haben wir offene Arme füreinander? Der himmlische Vater steht vor mir und wirbt um mich. Er bittet mich voll Liebe, seine Art zu übernehmen. Können wir uns herzlich aneinander freuen? Gott möchte, dass wir unsere Mitmenschen mit seinen Augen sehen.

Mit dem offenen Schluss fragt Jesus Dich und mich: Wo stehst Du in dieser Geschichte? Ob Du nun wie der jüngere Sohn oder wie der ältere bist – Du sollst so werden wie der Vater. Du sollst nicht nur Vergebung empfangen, sondern auch vergeben. Du sollst nicht nur Erbarmen erfahren, sondern auch anderen Erbarmen schenken. Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36). Ich bin dazu bestimmt, an der Stelle meines Vaters den anderen dasselbe Erbarmen zu erweisen, das ich bei ihm erfahren habe.

Das reale Ende
Durch das Verhalten der Pharisäer bekam die Geschichte dann doch noch einen Schluss. Jesus vergleicht sein Verhalten mit dem des Vaters und das der selbstgerechten frommen Menschen mit dem des älteren Sohnes. Und die Pharisäer schrien: „Kreuzige ihn“ (Lukas 23,23). „Weg mit ihn“. „Davon wollen wir nichts wissen“ Das ist der reale Schluss der Geschichte. Im übertragenen Sinn schlug der ältere Sohn den Vater tot. Das ist erschütternd. Doch Jesus ist wieder auferstanden. Er lebt. Er hat die Macht über den Tod und kann ewiges Leben geben. Immer noch mit der gleichen Liebe wirbt er hingebungsvoll um uns. Jesus hat seine Nachfolger hinausgesandt in die ganze Welt, um alle Menschen einzuladen. Im Bild gesprochen sandte er den jüngeren Bruder hinaus, damit er den älteren Sohn zum Fest hereinbittet. Dieser erzählt von der Liebe und dem neuen Leben, das sein Vater allen schenkt, die zu ihm kommen.

Durch Jesus wirbt Gott um uns und sucht alle Menschen. Diese Liebe gilt uns und unseren Mitmenschen. Diese Tatsache lässt uns immer wieder begeistert sein von und für Gott. Wo Du auch stehst: Gott wirbt um Dich. Und er möchte, dass Du seine Liebe annimmst und auch beginnst, mit Gottes Augen deine Mitmenschen zu sehen und zu lieben.

Welchen Schluss schreibst Du mit Deinem Leben?

Text: Hanspeter Obrist

Auszug aus dem Buch

Der barmherzige Vater
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