Neuer Islam in der Türkei

Jahrelang sehnte die westliche Welt einen „reformierten Islam“ herbei. In der Türkei meinte man, den Reformansatz gefunden zu haben. Die Türkei fühlte sich berufen, die Welt in eine neue, gerechtere Ordnung zu führen, die islamischen Länder zu vereinen und gottgefällig zu sein.

Erdogan sagte laut, er wolle eine neue, islamischere Generation schaffen, bei all dem boomte die Wirtschaft, und alles in allem fühlte es sich so an, als sei der türkische Islam tatsächlich eine Erfolgsgeschichte, der Schlüssel zu Fortschritt, Wohlstand und Ansehen in der Welt. Tatsächlich war seit den 70er-Jahren an der Schnittfläche zwischen Orient und Moderne ein neuer Islam entstanden. Ein wesentlicher Einfluss kam aus Deutschland. Necmettin Erbakan hatte in den 60er-Jahren in Deutschland gearbeitet und war fasziniert. Dem Land, so meinte er, fehlte eigentlich nur der Islam zur Perfektion.

Und das war sein Projekt: aus der Türkei ein islamisches Deutschland zu machen, und zwar mittels wirtschaftlicher Entwicklung. Erdogan und der jetzige Staatspräsident Abdullah Gül waren Erbakans Gefolgsleute.

Ein anderer Reformer war der Prediger Fethullah Gülen. Er setzte ganz auf Bildung: Wenn die Frommen gut studierten, würden sie die Elite sein und die Macht haben, vorausgesetzt, sie hielten zusammen. Gülen kam dabei ohne Scharia aus und ohne islamischen Staat. Überhaupt nimmt der in Amerika Lebende das Wort „Islam“ kaum je in den Mund.

Nachdem die AKP freie Hand bekam, geschah etwas Eigenartiges: Der Islam wurde entkernt. Das ist die These des einstigen Gülenisten und heutigen US-Forschers Hakan Yavuz. „Es gibt keine Theologie mehr“, sagt er. „Man braucht nur noch drei Dinge, um fromm zu sein: Die Frau trägt Kopftuch, der Mann trinkt keinen Alkohol, und man ist wirtschaftlich erfolgreich.“ Hinter dieser Fassade sei letztlich alles erlaubt und geschehe auch: Betrug, Lüge, Untreue. Der ganze Islam sei nur noch Fassade. Paradoxerweise läute also gerade der türkische Reformislam die „Atheisierung des Glaubens ein“, so Yavuz schon vor vier Jahren.

Abgehörte Telefongespräche künden von Geldverliebtheit, Korruption und Vorteilsuche der „Reformmuslime“. Genau das, was Yavuz damals skizzierte, wird offensichtlich. Die angeblich so Frommen sind gierig wie alle Autokraten. Der politische Islam delegitimiert sich selbst.

Derweil wächst eine neue, urbane Generation heran, die überhaupt nicht „islamisch“ ist, wie Erdogan es sich wünschte. Es ist eine säkulare Generation, die nicht versteht, wovon er spricht, und dafür niedergeknüppelt oder wie nun gewarnt wird, dass man ihre Vernetzung mit der Welt durch Facebook kappen will.

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