Kein “Frühling” für Christen in Ägypten

Ägypten ist die Heimat von ungefähr zehn Millionen Christen – das sind etwa drei Viertel aller Christen des Nahen Ostens. Die Revolution 2011 vereinte Muslime und Christen im Widerstand. Gemeinsam forderten sie ein Ende der Korruption sowie ein Lösungskonzept für die strukturelle Armut und die hohe Arbeitslosigkeit. Mit den Umsturzbewegungen haben insbesondere auch Christen auf mehr Freiheit gehofft. Doch sie scheinen die Verlierer des “arabischen Frühling” zu sein. Denn gerade nach dem Umsturz haben die Angriffe auf koptische Kirchen zugenommen.

In Ägypten ist der Islam Staatsreligion. Ägyptische Christen genießen offiziell zwar Religionsfreiheit, jedoch keine Missionsfreiheit. Ägyptische Muslime dürfen ihren Glauben nach offizieller islamischer Rechtsauffassung nicht wechseln. In Ägypten kann ein Christ zwar zum Islam konvertieren. Muslime jedoch, die Christen geworden sind, haben keine rechtliche Möglichkeit, den Religionseintrag in ihren Ausweisen von “Muslim” zu “Christ” ändern zu lassen. Neugeborene von ehemaligen Muslimen erhalten häufig überhaupt keine Ausweisdokumente, wenn die Eltern sich weigern, ihr Kind als “Muslim” eintragen zu lassen. Ein Grund für die Schwierigkeiten ist die Scharia (das islamische Recht). Viele muslimische Gelehrte leiten daraus ab, dass das Verlassen des Islam ein todeswürdiges Verbrechen ist. Nach Artikel 2 der ägyptischen Verfassung ist die Scharia Grundlage aller Gesetze. Zwar ist der Religionswechsel für Muslime in Ägypten nicht ausdrücklich verboten, doch Muslime, die zum Christentum konvertierten, sind oft zu einem Doppelleben gezwungen. Um Verfolgung durch ihre Verwandtschaft und die Polizei zu vermeiden, verbergen sie ihren Glauben. Muslime, die zum Christentum übertreten, gelten als Abtrünnige und leiden unter andauernder Verfolgung, von allgemeiner gesellschaftlicher Diskriminierung über Verhaftung bis hin zu Folter. Es gibt auch nach wie vor Berichte über Zwangsbekehrungen christlicher Mädchen durch Entführung, Vergewaltigung und Zwangsheirat.

Bereits vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert n. Chr. war der christliche Glaube in der Region die dominierende Religion. Doch mit der Islamisierung ging die Zahl der Christen erheblich zurück. Das islamische Rechtssystem gewährte Juden und Christen, als Anhänger einer “Buchreligion”, den Dhimmi-Status. “Dhimmis” waren nicht gleichrangig mit Muslimen, sondern lediglich Schutzbefohlene, die für ihren Status eine Art Schutzsteuer zu zahlen hatten und sich selbstverständlich loyal gegenüber der muslimischen Mehrheit verhalten mussten. Offiziell gibt es den “Dhimmi-Status” für Christen in Ägypten nicht mehr, jedoch hat sich über die Jahrhunderte hinweg – sowohl bei Christen als auch in Teilen der muslimischen Gesellschaft – diese Klassen-Gesellschaft in das Denken und Handeln der Menschen eingeprägt. Zwar wird Christen innerhalb ihrer Glaubensgruppe ein gewisses Maß an Freiheit zugestanden, doch im öffentlichen Leben wie auch im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt werden sie benachteiligt. Christen gelten als Bürger 2. Klasse, als geduldete Minderheit und sehen sich häufig selbst auch so.

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