Katastrophe mit Ansage – Hintergründe zu Idlib

Idlib ist die letzte Rebellenhochburg Syriens. Mit aller Macht will Staatschef Assad die Stadt nun zu Fall bringen. Die dort ansässigen drei Millionen Zivilisten bereiten sich auf das Schlimmste vor.

(Video 10.09.18)

Russland kann das verhindern. Wenn Russland als Kriegspartner Assads ausfällt, dann wird alles nicht stattfinden. Aber es gibt bislang kein Anzeichen, dass Russland davon absieht.

Der Westen sieht ohnmächtig zu. Das hat damit begonnen als Obama  bei dem Giftgas-Einsatz Assads seine angekündigte militärische Aktion unterlassen hat und damit  das Signal gegeben, dass Russland, Iran und Assad militärisch freies Feld haben. Dort wo der Westen sich zurückzieht, werden andere das Vakuum füllen.

Die UN, die ebenfalls einmal mehr zuschauen und mahnen, warnen, dass bis zu 800.000 Menschen zu Flüchtlingen und Vertriebenen werden könnten. Nur wenn Giftgas eingesetzt würde, hatte die amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley gesagt, würden die USA eingreifen – Giftgas, das Assad gemäß einem Abkommen aus dem Jahr 2013 eigentlich gar nicht mehr besitzen dürfte. Das Personal von 16 Krankenhäuser in Idlib und den umliegenden Gebieten von der Weltgesundheitsorganisation in der Türkei darin ausgebildet, wie Menschen nach Giftgasangriffen am besten geholfen werden kann.

In der Türkei sind  bereits 3,5 Millionen syrischen Flüchtlinge.

Dem Sondergesandten der UNO für Syrien Staffan de Mistura zufolge kontrolliert die Hay’at Tahrir al-Scham-Miliz (HTS), die von der mit al-Qaida affiliierten Nusra-Front angeführt wird, gut 60 Prozent der Provinz und verfügt über schätzungsweise 10.000 Kämpfer. Die wiederholten Verweise auf Idlib als ‚Terrorhochburg‘ stützen die Darstellungsweise des Regimes, der zufolge die gesamte Opposition aus Terroristen bestehe. Zudem wird so die internationale Gemeinschaft aus der Pflicht entlassen, die dortigen Zivilisten beschützen zu müssen. Doch ist diese Charakterisierung der Provinz inkorrekt. Die Menschen in Idlib spielen im Kampf gegen die HTS eine führende Rolle. Viele von ihnen haben die ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten abgehalten. Die seit langem unterdrückte Zivilgesellschaft ist wiedergeboren worden. Unabhängige Medien wie der beliebte Sender Radio Fresh sind eingerichtet worden, um das Informationsmonopol des Regimes zu brechen. Frauenzentren sind gegründet worden und haben Frauen eine Möglichkeit zur politischen und wirtschaftlichen Teilhabe geboten. Die HTS hat diese hart erkämpften Errungenschaften massiv bedroht. Die Miliz hat versucht, sich unter die örtliche Bevölkerung zu mischen. Seit dem Verlust Aleppos im Jahr 2016 hat sie ihre Bemühungen intensiviert, ihre Ideologie durchzusetzen, örtliche Institutionen unterwandert und Sharia-Gerichte eingerichtet. Ihren (vermeintlichen) Gegnern gegenüber verhält sie sich gnadenlos. mehr Informationen

HTS wird von der UNO als Terrorgruppe eingestuft und hat schätzungsweise 10.000 Kämpfer in Idlib. Die Provinz wird nicht von einer einzigen Gruppe kontrolliert, sondern von einer Reihe von rivalisierenden Fraktionen, darunter eine dschihadistische Allianz mit Al-Qaida und eine rivalisierende Nationale Befreiungsfront, die von der Türkei unterstützt wird.

Aber die große Mehrheit seiner Bewohner sind Zivilisten. Nach Angaben der UNO leben in der Region rund 2,9 Millionen Menschen, darunter eine Million Kinder. Mehr als die Hälfte der Zivilisten sind bereits mindestens einmal von einem anderen Ort in Syrien vertrieben worden und haben nirgends mehr zu gehen.

Die Türkei ist die Schutzmacht hinter den Rebellen in Iblib. Es ist ein Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten unter Assad.

Erdogan sagte: „Wenn die Welt die Tötung von Zehntausenden von unschuldigen Menschen ignoriert, um die Interessen des Regimes zu fördern, werden wir weder von der Seitenlinie aus zusehen noch an einem solchen Spiel teilnehmen“.

Russland, der Iran und die Türkei stehen unter einem wirtschaftlichen Druck.  Der russische Rubel hat gegenüber dem Dollar rund  14% nachgegeben. Putin steht zwischen den Sunniten und Schiiten – beide mögen ihn nicht wirklich. Auch der Westen hat mit ihm seine Probleme. Russland ist in keiner guten Situation weder Politisch noch Finanziell.

Jeder gegen jeden – und alle gegen Assad 

So sehen die Machtverhältnisse aus.

Die „Nationale Befreiungsfront“ (NFL) ist mit rund 40.000 Kämpfern das zahlenmäßig größte Militärbündnis in der Provinz Idlib. Unter dem Banner der NFL kämpfen zum einen die islamistischen Gruppen Ahrar al-Scham, Failaq al-Scham und die Nureddin-Zengi-Brigade und zum anderen eher nationalistisch eingestellte Gruppen, die einst unter dem Dach der „Freien Syrischen Armee“ gekämpft hatten. Die Türkei rüstet die NFL aus und trainiert ihre Kämpfer, finanziert wird das Bündnis vor allem aus Katar. Bei allen ideologischen Differenzen zwischen den verschiedenen Milizen unter dem NFL-Dach eint sie ihre Feindschaft gegenüber dem Assad-Regime und gegenüber den Dschihadisten der Terrororganisation Hayat Tahrir al-Scham (HTS).

Die Hayat Tahrir al-Scham (HTS) zählt nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 10.000 Kämpfer in Idlib. Die Miliz ging 2016 aus der Nusra-Front hervor, dem syrischen Zweig des Terrornetzwerks al-Qaida. Auch die Türkei stuft die HTS offiziell als Terrororganisation ein, gleichwohl unterhält der Geheimdienst in Ankara noch immer rege Kontakte zu der Dschihadistengruppe. Sie kontrolliert unter anderem die Provinzhauptstadt Idlib und den syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa.

Die formale Lossagung der HTS von al-Qaida hat bei einem Teil ihrer Kämpfer für großen Ärger gesorgt. Sie haben Anfang des Jahres die Miliz Hurras al-Din, „Bewahrer der Religion“, gegründet. Die Gruppe zählt mehrere Tausend Kämpfer und will sich al-Qaida als offizielle neue Syrien-Filiale andienen. Bis dato hat Qaida-Chef Aiman al-Zawahiri Hurras al-Din aber noch nicht förmlich als Teil seines Netzwerks anerkannt.

Daneben gibt es in Idlib mehrere Dschihadistenmilizen, die sich hauptsächlich aus ausländischen Kämpfern rekrutieren. Zu ihnen gehören die Gruppen Junud al-Scham und Ajnad al-Kavkas, in denen Hunderte Islamisten aus Tschetschenien und anderen Kaukasusrepubliken kämpfen. Es gehört zu den vorrangigsten Zielen Russlands bei der Militäroperation in Idlib, möglichst viele der Kämpfer aus den früheren Sowjetstaaten zu töten.

Noch kampfstärker ist die Islamische Turkestan Partei (TIP). In ihren Reihen kämpfen mehrere Tausend Uiguren aus China, sowie Angehörige anderer zentralasiatischer Turkvölker. Die TIP ist besonders im Westteil von Idlib, rund um die Kleinstadt Dschisr al-Schughur, aktiv.

Hinzu kommen noch zahlreiche kleinere Milizen, die ihre Heimatdörfer und -städte verteidigen wollen und die sich weder der NFL noch der HTS angeschlossen haben. Zu ihnen gehört unter anderem die Jaish al-Izza, die ganz im Süden der Rebellenprovinz aktiv ist und wegen ihrer Nähe zum Frontverlauf derzeit besonders im Fokus der Luftangriffe des syrischen und russischen Militärs steht.

Aufseiten des syrischen Regimes kämpfen in Idlib nicht nur Regierungstruppen, russische Luftwaffe und iranische Milizen, sondern auch kurdische Kämpfer. Sie gehören eigentlich den „Syrischen Demokratischen Kräften“ an, die von den USA und ihren Verbündeten trainiert und ausgerüstet wurden, im die Terrororganisation „Islamischer Staat“ aus dem Nordosten Syriens zu vertreiben.

Dieses Ziel haben die Kurden erreicht, nun wollen sie Vergeltung für Afrin. Anfang des Jahres hatte die türkische Armee zusammen mit syrisch-arabischen Milizen die kurdischen Kämpfer aus dem Gebiet vertrieben, das an Idlib grenzt. Das Kalkül der Kurden ist nun: Wenn sie Assad helfen, Idlib zurückzuerobern, könnte er ihnen helfen, Afrin zurückzugewinnen.  mehr Informationen

Die Türkei hat im Norden von Idlib Zehntausende von Söldnern zusammengezogen. Nach einem Bericht der regierungsnahen türkischen Zeitung Yeni Şafak hat der türkische Generalstab im Norden von Idlib unter der Führung türkischer Offiziere etwa 50.000 Söldner der Freien Syrischen Armee (FSA) zusammengezogen. Hinzu kommen etwa 30.000 türkische Soldaten, die sich hinter der Linie der FSA befinden. Unter dem Söldner-Dachverband National Liberation front (NLF), der von der Türkei kontrolliert wird, befinden sich 30.000 Söldner, von denen in der ersten Phase 20.000 direkt in Idlib eingreifen sollen.

Der syrische Präsident Baschar al-Assad hatte zuvor gesagt, dass jeder „Zoll“ Syriens zurückerobert werden soll, was die Gebiete im Nordwesten Syriens einschließt, berichtet der englischsprachige Dienst von Reuters. Allerdings gibt es zwei Punkte, die wichtiger sind: Die Angst vor einem Verlust unserer militärischen Präsenz in Afrin. Die Angst davor, dass es den USA doch noch gelingen könnte, einen Korridor durch Syrien zu ziehen, um ans Mittelmeer zu gelangen. mehr Informationen

Irgendwie ist alles ein wenig verwirrend:

Gepostet von Christian Von Mannheim am Montag, 10. September 2018

 

 

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