Jesus war Jude

In der jüdischen Onlineplattform HaOlam und in der jüdischen Rundschau erschien ein Artikel aus der NZZ mit dem Titel: Jesus war Jude – eine gern vergessene Tatsache. Es geht darin um die Beschneidung von Jesus, die von der Katholischen Kirche nach dem alten Festkalender als Fest „die Beschneidung des Herrn“ gefeiert wurde. Durch das II. Vatikanischen Konzil wurde dieses Fest abgeschafft. Nach dem Autor Jan-Heiner Tück,  Professor am Institut für Systematische Theologie der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, hat dieses Fest gerade für das Verhältnis zum Judentum eine zentrale Bedeutung.

Jesus von Nazareth war nicht Christ, sondern Jude. Er ist als Sohn einer jüdischen Mutter geboren und nach den Vorschriften des Gesetzes am achten Tag beschnitten worden.

Die Wiedereinführung vom Fest wäre ein Zeichen des Respekts und der Erinnerung an die jüdische Identität Jesu, die nicht geschichtsvergessen überspielt werden darf. Schließlich wäre es ein demonstrativer Akt der Solidarität mit den Juden heute, denen in Zeiten eines erstarkenden Antisemitismus auch und gerade durch Christen der Rücken zu stärken ist.

Bei seinem Besuch der Synagoge von Rom im Jahr 2016 wurde Papst Franziskus von einem älteren Rabbiner gefragt, ob er das Fest der Beschneidung des Herrn nicht wieder einführen wolle. „Eine gute Idee“, erwiderte der Pontifex.

Aufgrund dieses Artikels entstand ein Austausch im Internet der viele interessante Aspekte aufzeigt:

F: Jesus kommt im Judentum definitiv nicht vor, weder explizit noch als Andeutung. Noch einmal, wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie bitte einen Rabbiner. Wo steht in der Tora etwas von Jesus (explizit, nicht aus christlicher Sicht hineininterpretiert?).
Der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen war nach dem jüdischen Glauben Moses, der als einziger direkt mit Gott sprach. Die Propheten sprachen nur durch Träume und Visionen mit Ihm. HaMaschiach ben David war nach jüdischem Glauben noch nicht da. Also hat sich doch das, was Christen glauben, vom Judentum abgesetzt.

Hallo F

Du willst eine Stelle in der Torah die von Jesus spricht:

5.Mose 18: 18 Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde. 19 Und es wird geschehen, der Mann, der nicht auf meine Worte hört, die er in meinem Namen reden wird, von dem werde ich Rechenschaft fordern.

Das Besondere an Mose war, dass er eine einzigartige Beziehung zu Gott hatte. Mose hörte Gottes Stimme (2.Mose 33,11) und nahm seine Gegenwart wahr, auch wenn er Gott in seiner Herrlichkeit nie zu sehen bekam – dieser Wunsch blieb ihm verwehrt (2. Mose 33,18-20). Durch die innige Gemeinschaft mit Gott konnte er verschiedene Wunder vollbringen: Er heilte Aussatz (4.Mose 12,10.13), den hungernden Israeliten gab er übernatürliches Brot (2. Mose 16,4) und die Natur gehorchte ihm (2. Mose 14,21-22). Die Ehre Gottes war Mose wichtiger als sein eigenes Leben (2. Mose 32,11-12; 31-33). Die Herrlichkeit Gottes strahlte von seinem Gesicht (2. Mose 34,29) und man konnte an ihm Gottes Realität sehen. Trotz seiner hohen Position war Mose ein Mann von tiefer Demut (4. Mose 12,3.7).

In der jüdischen Bibel (Tanach / Altes Testament) gibt es viele Propheten, doch  keiner wurde zu so einer Schlüsselperson wie Mose.

Jesus sagt von sich selbst, dass er eine Beziehung zum himmlischen Vater hat, wie sonst niemand (Johannes 10,30) und dass er Gottes Stimme hört (Johannes 8,28). Durch seine enge Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater kann er Wunder vollbringen. Er ist der Erste, der seit Mose, einen Aussätzigen Israeli heilt (Markus 1,42). Er gibt Tausenden Brot und Fisch (Markus 6 und 8). Er stillt den Sturm (Markus 4). Ihm sind die Ehre und der Wille Gottes wichtiger als sein eigenes Leben (Matthäus 26,39). Er sagt, wer ihn sieht, sieht den Vater (Johannes 14,9). Er ist ein tief demütiger Mensch. (Philipper 2). Er ist Elia und Mose begegnet (Matthäus 17,2-3).

Er ist wie Mose, sogar noch mehr. Er hat auch seinen Jüngern die Zusammenhänge der Schriften erklärt. Seine Botschaft ist richtungsweisend.

Die Geschichte im Talmud mit Rabbi Akiba und Mose (B. T. Menachot 29b) kommt in keiner Weise an die Analogie von Jesus und Mose heran.

So muss Jesus mit seiner tiefen Beziehung zum Himmlischen Vater und seinen Wundern der Prophet wie Mose, der in 5. Mose 18,18 sein.

Oder hast du eine Person, die mehr überzeugen würde?

In Bezug auf die Aussage, dass das Judentum Jesus nicht erwähnt, hier einige Stellen im jüdischen Talmud und Toledoth Yeshu.

Sotah 47a:13-14 Jesus der Nazarener verrichtete Zauberei
Sanhedrin 43a:20 Jesus der Nazarener wird gesteinigt, weil er Zauberei praktiziert
Shabbat 104b:5 Hat der berüchtigte Ben Stada nicht Zaubersprüche aus Ägypten mit einem Kratzer an seinem Fleisch geholt? war nicht seine Mutter Miriam und Stada nur ein Spitzname
Toledoth Yeshu Anklage: „Dieser Mann ist ein Zauberer und lockt alle.“ Yeshu antwortete: „Die Propheten haben vor langer Zeit mein Kommen prophezeit

F: Hanspeter Obrist, dass der Talmud Jesus als einen Zauberer bezeichnet, bedeutet, dass die Gelehrten ihn für einen Götzendiener und Schwindler hielten. Und Götzendienst ist gemäss der Tora streng verboten und wird hart bestraft. Der Prophet, von dem in der Tora die Rede ist, ist NICHT Jesus. Aber das habe ich oben schon geschrieben; ebenso, dass, wer mir das nicht glauben will, einen Rabbiner dazu befragen möge. Er wird im Prinzip dasselbe antworten, nämlich, dass in der gesamten jüdischen Lehre dieser Jesus nicht vorkommt, weder als Andeutung noch explizit. (aber auch das habe ich schon geschrieben). Diese Tatsache verändert sich auch dadurch nicht, dass man statt „Jesus“ „Jeshua“ sagt. Es gab laut Tora nur den einen Menschen, Moshe, der je mit G’tt selbst von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat. Alles andere, die Zitate aus dem NT wie auch die Figur des Jesus, die in selbigem kreiert worden ist, sind vom Judentum so weit entfernt wie der Mond von der Erde. … Und zur letzten Frage: jemand, der sich selbst zum Gottessohn erklärt, ist aus meiner persönlichen Sicht das genaue Gegenteil von überzeugend.

Hallo F

Danke für deinen Beitrag. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du meinen Beitrag nicht richtig gelesen hast. Die vielen Talmudzitate bestätigen, dass sich das Judentum mit Jesus auseinandergesetzt hat. Er kommt also vor. Kein Gelehrter streitet die Existenz von Jesus ab, aber sie sind zu einem anderen Urteil über seine Wunder- und Lehrtätigkeit gekommen, als der Kreis um Jesus.

Zu welchem Rabbiner sollen wir gehen? Es ist ja sprichwörtlich, dass es mehr Meinungen als anwesende Juden gibt. Das Judentum ist sehr vielfältig, wie auch alle anderen Religionen.

Es gab zu allen Zeiten Rabbiner, die Jesus als den jüdischen Messias anerkannten. Manche standen offen dazu, andere sprachen im vertrauten Kreis darüber. Hier findest du eine Sammlung von Berichten: http://www.lulu.com/de/de/shop/harald-f%C3%B6lsch/die-weisheit-ruft-zeugnisse-von-rabbinern/ebook/product-3095120.html

Das Jesus nicht der Prophet wie Mose ist, ist deine Ansicht. Manche Rabbiner kommen heute zu einem anderen Schluss. Sie bezeichnen sich oft als messianische Juden.

Spannend ist auch, dass das allgemeine Judentum heute positiver von Jesus spricht, auch wenn der Talmud ihn unter die Verfluchten zählt (Gittin 57a:4). Heute wird Jesus von einigen Rabbinern als „Rabbi für die Nichtjuden“ wahrgenommen. Siehe: http://cjcuc.org/2015/12/03/orthodox-rabbinic-statement-on-christianity.

Roger Alpher, ein Journalist in Israel schreibt in HaAretz: „Jesus war ein klassischer Jude… der größte Jude aller Zeiten… Das Mindeste, was er in Israel verdient, ist ein nach ihm benannter Stadtplatz“

Auch dass dieser Artikel in HaOlam und der jüdischen Rundschau erscheint, lässt hoffen, dass man wieder differenzierter über das Thema sprechen kann. Man darf heute in einer jüdischen Zeitung schon wieder sagen: Jesus war ein Jude. Wenn ich dich richtig verstanden haben, bestreitest du das („in der gesamten jüdischen Lehre dieser Jesus nicht vorkommt, weder als Andeutung noch explizit“  „Zitate aus dem NT wie auch die Figur des Jesus, die in selbigem kreiert worden ist, sind vom Judentum so weit entfernt wie der Mond von der Erde.“). Ich habe dir mit verschiedenen Talmudzitaten (= explizite jüdische Lehre) aufzeigte, dass man im Judentum über Jesus sprach. Auch das Toledoth Yeshu ist jüdisch, wenn auch nicht Teil vom Talmud.

Ich würde vorschlagen, dass du nicht plakativ im Namen des ganzen Judentums sprichst, sondern von deiner Überzeugung, die du haben darfst. Dasselbe gilt für Christen, die auch von ihrer Erkenntnis sprechen sollten und nicht im Namen einer Religion, die ebenso vielfältig geworden ist, wie das Judentum.

Dass es laut der Torah „nur“ Mose gab, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat, liegt in der Tatsache begründet, dass die Torah mit dem Tod von Mose abgeschlossen worden ist. Natürlich sprachen auch Adam und Eva mit Gott (und Henoch? Noah? Abraham?).

In der Torah steht, dass nach Mose noch ein solcher Prophet kommen wird (5.Mose 18,18-19). In 5.Mose 34,10-12 werden die Begegnung von Angesicht zu Angesicht und die Wunder und Zeichen vor den Augen von Israel als Merkmale Moses aufgezählt: „Und es stand in Israel kein Prophet mehr auf wie Mose, den der HERR gekannt hätte von Angesicht zu Angesicht, mit all den Zeichen und Wundern, mit denen der HERR ihn gesandt hatte, sie im Land Ägypten, am Pharao und an all seinen Knechten und an seinem ganzen Land zu tun, und mit all der starken Macht und mit all dem Großen und Furchtbaren, das Mose vor den Augen von ganz Israel getan hat.“ Also der Prophet wirkt unter dem jüdischen Volk, hat eine enge Beziehung zu Gott und vollbringt Zeichen und Wunder wie Mose.

Im anderen Beitrag habe ich schon die Analogie vom Wirken von Jesus und Mose dargelegt, die sonst von keinem jüdischen Menschen nur annähernd erreicht wurde.

Außer der Torah und im Talmud, gibt es auch noch im Tanach etliche Hinweise auf den Propheten. Da sich das Judentum heute im Wesentlichen nur noch auf die Torah und den Talmud beschränkt, bin ich dabei geblieben. In der Torah gibt es auch noch andere Stellen, die vom erwarteten Messias prophetisch sprechen.

Der Begriff „Sohn Gottes“ wurde im Umfeld von Jesus als Synonym für Messias verwendet.  Spannend ist, was der jüdische Denker Michael Wolffsohn in einem Interview im Januar 2017 im Deutschlandfunk meinte: „Die Vorstellung von Gott als Vater und wir als Kinder ist eins zu eins im Judentum“  „Insofern ist das jesuanische Verständnis, der jesuanische Anspruch, Sohn Gottes zu sein, durchaus deckungsgleich mit jüdischen Vorstellungen ….“

Einen schönen Tag wünscht dir Hanspeter

F: Die Gelehrten des Talmud beschäftigten sich mit Jesus (wenn auch eher peripher), da sie mit dieser Figur und den Ansprüchen, die er für sich reklamierte, konfrontiert wurden.
Es wird davon ausgegangen, dass Jesus eine historische Figur war- einer von vielen jüdischen Wanderpredigern, die behaupteten, der Messias zu sein, wie zum Beispiel auch Zwi Shabtai, dem ebenfalls viele Leute diese Behauptung glaubten. Alle darüber hinausgehenden Geschichten von Jesus‘ „Wundern“ etc. fallen in die Kategorie dessen, was das Christentum ersonnen hat. Wenn man diese Geschichten nur lange genug dreht und biegt, lassen sie sich leider auch der jüdischen Lehre „rein leiern„. Und leider gibt es genug Dumme, die diese „Taschenspielertricks“ abkaufen und glauben.
Der Rabbiner, der befragt werden sollte, sollte orthodox sein. Denn diese Denomination erhebt den grössten Anspruch auf Tora-Treue. Wie das liberale Judentum zu Jesus steht, weiss ich nicht, das hängt wohl auch von den einzelnen Strömungen ab.
Fest steht, dass Juden, die an Jesus glauben, vielleicht halachisch Juden sind, aber keine jüdische Lehre vertreten, sondern christliche. Die sogenannten Messianischen Juden sind aus religiöser Sicht also keine solchen.
Natürlich spreche ich von meiner persönlichen Überzeugung; selbst wenn ich es könnte, würde es mir selbstverständlich nicht zustehen, im Namen des ganzen Judentums zu sprechen. Aber mich persönlich macht es ungehalten, dass ihr Christen die Hände auch nach dem Judentum ausstreckt und Dinge für euch beansprucht, die euch meiner Meinung nach nicht zustehen. Bleibt doch einfach bei eurer eigenen Lehre, behaltet euren Jesus für euch und räumt ein, dass eure Interpretation der Tora, also eures AT, von eurer christlichen Lehre geprägt ist und sich vom Judentum entfernt hat. Vor allem aber finde ich persönlich die Judenmission zutiefst unmoralisch. Jeder hat das Recht, zu glauben, was er möchte. Dass ihr aber allen anderen eure Figur Jesus „auf Auge drücken wollt“ und diesen sogar ins Judentum hineindrängen wollt, empfinde ich als direkt verwerflich.

Hallo F

Menschen als Dumme zu bezeichnen, die die Worte der Torah ernst nehmen, ist ein starkes Stück. Jesus hat seine Auslegung der Torah gelehrt, wie es viele Rabbiner tun. Darum gibt es ja auch so viele jüdischen Schulen, die sich auch widersprechen. Man sagt in den Gelehrtenkreisen, dass es zu jeder Stelle 70 jüdische Auslegungen gibt.

Die Gelehrten des Talmuds widersprechen den Wundern von Jesus nicht, sie deuten sie nur anders, was auch schon die Gelehrten um Jesus herum getan haben. Also ist die Jesusbewegung eine der vielen jüdischen Schulen, die sich aber aus irgendeinem Grund nicht im Sande verlaufen hat.

Die Jesusleute sagen das sei so, weil sie dem auferstanden Jesus begegnet sind. Immerhin gibt es ja kein Grab, wie bei den anderen Rabbinern. Dass Juden auf den Gräbern der Rabbiner beten ist eigentlich auch eine verrückte Sache. Erstens ist der Friedhof ein unreiner Ort und zweitens sollte nach der Torah nur zu Gott gebetet werden und nicht die toten Rabbiner um Fürsprache gebeten werden. Das Anrufen der Toten wird in der Torah verurteilt.

Ich kann auch nicht ganz nachvollziehen, warum liberalen Juden von den orthodoxen laufend ihr Jude sein abgesprochen wird. Ständig die Frage, bist du ein „echter“ Jude. Wehe deine Mutter war nicht in einer anerkannten orthodoxen Synagoge eingeschrieben, schon bist du kein Jude mehr. Tragisch wie Menschen um ihre Identität beraubt werden und wenn sie dann das messianische Judentum entdecken, regt man sich darüber auf, dass sie dort eine Heimat finden.

Übrigens konvertieren mehr Christen zum Judentum als umgekehrt. Daher kann ich deine Aufregung nicht ganz nachvollziehen. Martin Kloke hat einmal darüber geschrieben. „In einer pluralistischen Gesellschaft ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut. Jüdische wie nichtjüdische Menschen haben das Recht, ihre jeweiligen Gemeinschaften zu verlassen und ggf. eine andere zu wählen. Das Recht auf freie Konversion für jedermann (und jede Frau) ist ein Menschenrecht.“ „Ich kenne zwar keine Statistik darüber, wie viele christliche Deutsche seit 1945 zum Judentum übergetreten sind; aber ihre Zahl ist deutlich höher als die Zahl der Juden, die seither zum christlichen Glauben konvertiert sind. So weit mir bekannt, sind in den Konversionskursen des israelischen Oberrabbinats die Deutschen, gleich nach den Amerikanern, die zweitgrößte Gruppe.“

Ich kann auch nicht nachvollziehen, was vom Judentum du nicht teilen möchtest. Die Lubwabischer sind da viele offener. Sie missionieren mit ihrer 7für70 Bewegung munter mit ihren sieben Gesetzen Noahs die Nichtjuden. Niemand regt sich darüber auf, dass Juden Nichtjuden mit ihrer Botschaft erreichen wollen.

Rein sachlich, strecken die Christen nicht die Hände nach dem Judentum aus, sondern sind als jüdische Schule entstanden und haben die gleichen Schriften als Grundlage. Da ist es logisch, dass die moderne jüdische Auslegung und die christliche Auslegung nicht immer zum gleichen Schluss kommen. Das Judentum in der heutigen Form ist auch später entstanden und in Reaktion auf die Jesusbewegung.

Ich bin mit dir einig, dass man Menschen nichts aufdrücken soll. Doch Standpunkte zu vergleichen ist Kultur. Jeder darf sein Lebenskonzept vertreten und selbst auswählen. Das war übrigens typisch Jesus, er überredete niemanden, sondern fragte einmal seine Leute: Wollt ihr auch weggehen? Er war offen dafür, weil er wusste, dass nur eine freie Entscheidung hält. Dass einige Kirche geschichtlich nicht nach den Worten Jesus gehandelt hat, liegt nicht an ihm und seiner Lehre.

Dir wünsche ich Gottes Segen Hanspeter

F: Hanspeter Obrist , mit „dumm“ meinte ich nicht toratreue Juden (selbstverständlich nicht), sondern diejenigen, die sich weismachen lassen, Jesus vertrete die jüdische Lehre. Dem ist mitnichten so. Gegen die Kashrut, einen der integralsten und wichtigsten Bestandteile der jüdischen Lehre, hat er sich übrigens auch gewandt; das allein ist schon Beweis genug. Nochmal langer Rede kurzer Sinn, das mehr als offensive Missionieren des Christentums macht mich höchst ärgerlich. Diese Intensität ist mit der von Chabad überhaupt nicht zu vergleichen. Abgesehen davon, bildet Chabad diesbezüglich auch eine Ausnahme im Judentum, denn normalerweise missioniert das Judentum nicht, was äusserst angenehm ist. Gepflogenheiten wie die, alle Menschen, die sich nicht missionieren lassen wollen, als „verlorene Schafe“ zu apostrophieren, finde ich noch ärgerlicher. Aber Jesus-Leute, Jesus People, trifft es wohl genau. Ihr lebt völlig in eurer eigenen Welt, die nahezu nur von dieser einen Person bestimmt wird. Wer das nicht will, bleibt besser auf Distanz.

Hallo F

Dein Ansatz: Jesus vertrete nicht jüdische Lehre und Christen möchten etwas in den Tanach (erster Bund / erster Teil der Bibel) hineininterpretieren ist interessant.

Denn die neutestamentliche Jesusbewegung ist eine ältere jüdische Auslegungsschule, als das talmudische Judentum.

Die neutestamentliche Jesusbewegung beruft sich auf den Tanach und das Neue Testament (Neuer Bund / Brit HaChadascha). Das Neue Testament besteht aus verschiedenen Schriften, die bis 100 entstanden sind.

Das heutige Judentum beruft sich auf die Torah (fünf Bücher Mose) und den Talmud. Meir Seidler (Bar Ilan) bezeichnet den Talmud als das Herz der jüdischen Eigenart und meint, das Wesen des jüdischen Volkes liege in diesem Werk verborgen. Der Talmud besteht aus Kommentaren, die bis ins 15. Jahrhundert hinein entstanden und ihren Abschluss mit dem Druck um 1520 fanden.

Der Talmud setzt sich zusammen aus der Mischnah, der Gemarah, sowie weiteren Diskussionen und Kommentaren.

Gesammelt und zusammengestellt wurde die Mischnah im 2. Jahrhundert vom in Tiberias lebenden Patriarchen Rabbi Jehuda. Er sammelte die mündlichen Überlieferungen. Nach ihrer Abfassung spielte die Mischna in den Talmudschulen dieselbe Rolle wie früher die Torah.

An die Stelle der Mischna trat die Gemarah, die satzweise Erklärung der Mischnah. Im vierten nachchristlichen Jahrhundert wurden in Palästina alle Gemarot gesammelt und erhielten zusammen mit der Mischna die Bezeichnung „Palästinensischer Talmud“ oder „Talmud Iruschalmi„.

Hundert Jahre später, gegen Ende des fünften nachchristlichen Jahrhunderts, wurde in Babylonien, wohin inzwischen der größte Teil der Juden ausgewandert war, eine neue Ausgabe dieses Werkes veranstaltet, die in der Folgezeit die palästinensische nahezu verdrängte. Das älteste handschriftliche Exemplar, das sich vom „Babylonischen Talmud“ oder „Talmud Bawli“ erhalten hat, befindet sich in der Münchner Staatsbibliothek und stammt schätzungsweise aus dem elften Jahrhundert.

Der erste vollständige Druck entstand in Venedig in den Jahren 1520-23. Rechts und links des Textes laufen zwei Kommentare. Der eine ist vom aus Troyes in Nordfrankreich stammenden und 1105 in Mainz verstorbenen Raw Schelomoh Jizhaki, in der Abkürzung RaSchJ (oder Raschi) genannt, wovon der Kommentar den Namen erhalten hat. Der andere stammt von einer Schule, die im zwölften und dreizehnten Jahrhundert in Frankreich und Deutschland bestanden hat, und deren Lehrer Tosafisten (also Glossatoren, wörtlich die Hinzufügenden) hießen. Man spricht deshalb auch von den Tosafoth. Rings um diese beiden Kommentare befinden sich noch mehrere kleine Anmerkungen, die von späteren Erklärern herrühren. Also genau genommen fand der Talmud seinen Abschluss durch den Druck um 1520.

So wie das Herz der Juden im Talmud und der Torah verwurzelt ist, ist das Herz der Jesusbewegung im Tanach und dem neuen Bund (Neues Testament) verwurzelt. Natürlich gibt es in beiden Richtungen auch spätere Auslegetradition. Die Frage ist nur, auf welche Schriften man für die Auslegung zurückgreifen muss. Im Judentum dreht sich alles um den Talmud. In der Jesusbewegung enthält das Neue Testament die Interpretation vom Tanach. Kein Vers im Neuen Testament hat nicht eine Vorgeschichte im Tanach und kann nur anhand des Tanachs richtig eingeordnet werden.

Sachlich müssen wir feststellen, beide berufen sich auf den Tanach, kommen aber zu einem unterschiedlichen Ergebnis. Wobei wir feststellen, dass sich das Judentum von den gemeinsamen Schriften auf die Torah konzentriert.

So wie du von hineininterpretieren sprichst, können die Jesusleute davon sprechen, dass das moderne Judentum Teile der Schrift ignoriert. Das ist eine persönliche Entscheidung.

Doch wir könnten wieder mehr voneinander lernen. Denn jede Richtung entdeckt in den gemeinsamen Schriften neue Aspekte. Ob wir diese übernehmen ist wieder eine persönliche Frage.

Das mit dem Kashrut musst du mir erklären. Jesus hat nie die Gebote von Mose gebrochen. Er war manchmal nur nicht eins mit der damals üblichen Auslegetradition. Auch heute noch gibt es verschiedene Kosher-Zertifikate. Je nachdem was dein Rabbi sagt, wirst du auch gewisse Produkte nicht essen, weil er das Kosher-Zertifikat von einem anderen Rabbis nicht akzeptiert.

Herzliche Grüße Hanspeter

Jesus in der Torah (5 Bücher Mose) – Jesus sagt, er sei Abraham begegnet. Montag, 4. März 2019, 13.30 Uhr Radio Maria

Jesus sagt, er sei Abraham begegnet. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Wo und wie war Jesus schon in den ersten fünf Büchern von Mose sichtbar? Wenn er da schon da war, hat das Auswirkungen, wie wir diese Texte lesen. Jemand hat es mal so formuliert: Wir lesen die Torah und sehen darin Jesus. Das verändert auch den Dialog zwischen den Religionen. Jesus hat nicht eine neue Religion erfunden, sondern seine Aussagen wurzeln in der Urgeschichte und können nicht losgelöst von ihr betrachtet werden.

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