IS und muslimische Kritik

Kriege ziehen Polarisierungen der Meinungen mit sich. Die eigenen Reihen werden geschlossen, und man nimmt die Konflikte nur aus der eigenen (z.B. ethnischen oder konfessionellen) Perspektive wahr. Wie nehmen unterschiedliche Muslime die IS wahr?

In den letzten Wochen haben sich zahlreiche führende muslimische Gelehrte, Organisationen und Bewegungen weltweit mit klaren, scharfen Verurteilungen der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zu Wort gemeldet.

In einer öffentlichen Erklärung vom 21. Juli verurteilte Iyad Ameen Madani, Generalsekretär der „Organisation for Islamic Cooperation“ (OIC), die 57 Länder repräsentiert, die „erzwungene Deportation unter der Drohung der Exekution“ von Christen in Mosul und Niniveh durch die „terroristische Organisation“ ISIS. Es handle sich um ein „Verbrechen, das nicht toleriert werden kann.“ Das OIC erklärte weiters, „dass die Praktiken von ISIS nichts zu tun haben mit dem Islam und seinen Prinzipien, die Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Fairness, Religionsfreiheit und Koexistenz fordern.“[1]

Die pakistanische Zeitung „Dawn“ zitierte am 5. Juli den Vizerektor der al-Azhar-Universität in Kairo, der höchsten Autorität im sunnitischen Islam, Scheich Abbas Abdullah Shuman, der die Gruppierung „Islamischer Staat“ explizit verurteilte: „Das islamische Kalifat kann nicht mit Gewalt wiederhergestellt werden. Die Besetzung eines Landes und die Tötung der halben Bevölkerung – das ist kein islamischer Staat, das ist Terrorismus.“[2]

In Indonesien bezeichneten führende Vertreter der beiden größten muslimischen Organisationen – „Nahdlatul Ulama“ (NU) und „Muhammadiyah“, die zusammen rund 60 Millionen Muslime vertreten – die Gruppierung „IS“ als im Gegensatz zum Islam. Der Vorsitzende des Exekutivrats der NU, Slamet Effendy Yusuf, rief die Muslime auf, die gewalttätige Bewegung auf keinen Fall zu unterstützen: „Es geht nicht um ein Kalifat, sondern um (eine Gruppe), die für ihre eigene Sache arbeitet.“[3] Der Vorsitzende der NU Said Aqil Siroj rief am 8. August die indonesische Regierung auf, entschlossene Maßnahmen gegen „IS“ zu setzen.[4]

In Großbritannien haben mehrere führende muslimische Organisationen – darunter „Muslim Council of Great Britain“, „British Muslim Forum“ und „Mosque and Imam National Advisory Board“ – eine gemeinsame Stellungnahme gegen den IS unterzeichnet und Anfang Juli vor dem Westminster-Palast in London veröffentlicht. Darin verurteilen sie die „barbarische Gewalt und Zerstörung“ durch den IS.[5] Gleichzeitung wurde ein offener Brief von mehr als 100 britischen Imamen aller theologischen Richtungen unterzeichnet, in dem sie gemeinsam an die britischen Muslime appellieren, sich den Bemühungen der Extremisten, junge Muslime in die Kampfgebiete zu locken, zu widersetzen, und nicht sektarischen Trennungen zum Opfer zu fallen. Ebenso wurde ein Online-Video mit einer Botschaft von vier britischen Imamen erstellt, um der Online-Propaganda des „IS“ etwas entgegenzusetzen.[6]

Führende sunnitische Rechtsgelehrte betrachten die Ausrufung des Kalifats durch den „IS“ als illegitim und gegenstandslos. So hat beispielsweise die „International Union of Muslim Scholars“ unter ihrem Vorsitzenden Yusuf al-Qaradawi, einem der einflussreichsten sunnitischen Theologen, am 4. Juli eine Erklärung verabschiedet, in der die Ausrufung des Kalifats durch den IS als „null und nichtig“ charakterisiert wird. Die entsprechende Deklaration des IS „vermisse jede realistischen oder legitimen Standards“. Das Dokument setzt fort: „Die bloße Ankündigung reicht nicht, um ein Kalifat einzurichten.“ Vielmehr bedürfe die Einsetzung eines Kalifen als Repräsentanten der Ummah einer vorhergehenden Konsultation und könne nicht auf Zwang basieren. Die Verbindung des Konzepts des Kalifats mit einer als extremistisch bekannten Organisation diene nicht dem Islam.[7] Der Präsident des Diyanet, des Amts für religiöse Angelegenheiten des türkischen Staats, Professor Mehmet Görmez, stellte bei einer internationalen Konferenz der World Islamic Scholars Initiative zum Thema „Peace, Moderation and Common Sense“ in Istanbul am 19. Juli zur Ausrufung des Kalifats durch den „IS“ fest: „Solche Deklarationen haben keinerlei Legitimität.“

Die Morddrohungen gegen Christen stellten eine Gefahr für die Zivilisation dar. „Eine Entität, der jede rechtliche Begründung fehlt, besitzt keine Autorität, einer politischen Versammlung, irgendeinem Land oder einer Gemeinschaft den Krieg zu erklären.“[8]

Die beiden großen islamischen Dachverbände der Schweiz verurteilen jegliche Aggression im Namen des Islams. In ihren Stellungnahmen bedauern Hisham Maizar, Präsident der Föderation der islamischen Dachorganisationen Schweiz (Fids), und Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), dass Berichte über islamistische Terrorgruppen wie Islamischer Staat (IS) im Irak und Boko Haram in Nigeria die leiseren muslimischen Stimmen in der Schweiz übertönen. Diese rufen zu Besonnenheit und friedlichem Zusammenleben in der Schweiz auf.  „Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit gerettet“, zitiert Afshar aus dem Koran. Aus diesem Grund verurteilten die beiden islamischen Dachverbände jegliche Aggression im Namen des Islams aufs Schärfste.  [9]     Abdel Azziz Qaasim Illi, der Sprecher des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) schreibt dageben ein Loblied auf den «islamischen Widerstandskämpfer», dessen Einsatz «mit dem Sieg oder seinem Martyrium» ende. Für ihn gehört das Mätyrertum zu Prophetentradition (vgl. Artkel: http://obrist-impulse.net/der-islamische-zentralrat-schweiz-provoziert-mit-einer-lobeshymne-auf-den-heiligen-krieg/).

Globale Konflikte prägen heute unmittelbar die lokalen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen, Konfessionen und Religionsgemeinschaften.

Wie die weltweiten Stellungnahmen zeigen, gibt es die Sorge von muslimischer Seite, dass die Propaganda des „IS“, vor allem über die sozialen Medien, weitere junge Muslime anziehen könnte. Das mörderische Vorgehen des „IS“ gegen Schiiten und Jesiden vertieft die innermuslimischen Spaltungen auch in anderen Weltgegenden und gefärdet das Zusammenleben. Wichtig ist dabei, innermuslimische Stömungen zu erkennen und zu benennen und zu differenzieren. Der Islam wird vertreten durch unterschiedliche Stömungen, die sich seit dem Tod von Mohammed gegenseitig bekämpfen.

[1] http://www.oic-oci.org/oicv2/topic/?t_id=9241&t_ref=3695&lan=en (Zugriff 9.8.2014)

[2] http://www.dawn.com/news/1117272/sunni-cleric-says-iraq-caliphate-violates-sharia (Zugriff 9.8.2014)

[3] http://www.thejakartapost.com/news/2014/08/02/muslim-leaders-condemn-support-isil.html (Zugriff 9.8.2014)

[4] http://www.nu.or.id/a,public-m,dinamic-s,detail-ids,54-id,53723-lang,en-c,national-t,NU+urges+govt+to+crack+down+on+ISIS+in+Indonesia-.phpx (Zugriff 10.8.2014)

[5] http://en.islamtoday.net/artshow-229-4878.htm (Zugriff 9.8.2014)

[6] http://www.bbc.com/news/uk-28270296 (Zugriff 9.8.2014)

[7] https://www.middleeastmonitor.com/news/middle-east/12567-prominent-scholars-declare-isis-caliphate-null-and-void (Zugriff 9.8.2014)

[8] http://en.radiovaticana.va/news/2014/07/25/worlds_muslim_leaders_condemn_attacks_on_iraqi_christians/1103410 (Zugriff 9.8.2014)

[9] http://de.radiovaticana.va/news/2014/08/08/schweiz:_muslime_verurteilen_gewalt_im_namen_des_islams/ted-818193 (Zugriff 13.8.2014)

Vergleiche auch Artikel: Jerusalem im Wandel der Zeit

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