Indonesische Muslime empört über Toleranzaufruf

Konservative islamische Kleriker und Politiker in Indonesien sind empört über den Appell von Religionsminister Lukman Hakim Saifuddin an Muslime zur Toleranz während des Fastenmonats Ramadan.

Der Minister habe mit seinem Appell die „religiösen Gefühle der Muslime verletzt“, sagte eine Abgeordnete der islamischen Vereinigten Entwicklungspartei. Der Religionsminister hatte in den Tagen vor dem am 17. Juni begonnenen Ramadan auf Twitter an die Muslime appelliert, trotz des Ramadans tagsüber geöffnete Warungs (Straßenrestaurants) nicht zur Schließung zu zwingen. Man müsse die Rechte derjenigen respektieren, die nicht fasten wollten oder auf Grund ihrer Religion nicht fasten müssten, hatte der Politiker gesagt. mehr Informationen

In Indonesien scheint der Islam zunehmend an Einfluss zu gewinnen. Knapp neunzig Prozent des 250-Millionen-Volks sind Muslime.

Ende 2014 wurde ein neues Halal-Gesetz verabschiedet, welches im Jahr 2017 in Kraft treten soll. Halal ist das arabische Wort für „erlaubt“ oder „zulässig“, es bezeichnet die Muslimen gestatteten Speisen und Getränke. Wenn das Gesetz tatsächlich wie verabschiedet umgesetzt werden sollte, wird Indonesien, das sich lange Zeit zu Recht als Vorbild für einen toleranten Islam verstanden hat, schärfere Halal-Gesetze haben als viele arabische Länder. Unter anderem sollen Transportcontainer, in denen jemals in der Vergangenheit Fleisch oder Alkohol bewegt wurden, für immer als nicht mehr halal gelten.

Das Halal-Gesetz passt außerdem in eine Reihe ähnlicher Entwicklungen der letzten Zeit. So wurde im April dieses Jahres den an fast jeder Ecke des Landes vorhandenen Mini-Supermärkten der Verkauf von Bier und Mixgetränken verboten. Er ist jetzt auf größere Supermärkte beschränkt. Von zuständiger Ministerseite wird das Verbot nicht religiös, sondern gesundheitspolitisch begründet. Das allerdings erscheint in einem Land, in dem grob geschätzt neunzig Prozent der männlichen Bevölkerung im Alter über fünfzehn Jahren rauchen, ohne dass es nennenswerte staatliche Anstrengungen gäbe, den Zigarettenkonsum einzuschränken, wenig überzeugend. Muslimische Parteien haben bereits angekündigt, die Beschränkung des Bierverkaufs sei nur der erste Schritt zu einem umfassenden Alkoholverbot in Indonesien.

Das äußerlich sichtbarste Kennzeichen einer wachsenden Islamisierung der indonesischen Gesellschaft ist das Kopftuch, das sich in den letzten Jahren stark verbreitet hat.

Von anderem Kaliber ist ein Skandal, der im März an die indonesische Öffentlichkeit kam: In Westjava wurden von der Provinzregierung Bücher für den schulischen Religionsunterricht verteilt, in denen stand, Nichtmuslime seien Ungläubige, die getötet werden müssten. Sie waren offiziell vom indonesischen Kultur- und Bildungsministerium unter dem alten Minister produziert und bereits seit August 2014 an Schulen ausgegeben worden. Dass kurz vor dem Skandal Internetvideos auftauchten, die Indonesisch sprechende Kinder beim Training für den „Islamischen Staat“ zu zeigen scheinen, erscheint da beinahe nachrangig. Rund 200 Indonesier sollen für den IS kämpfen.

Was passiert in Indonesien, einem Land, das über Jahrhunderte hinweg religiösen Pluralismus gelebt hat und für eine Verbindung von Islam und Gleichberechtigung, Islam und Demokratie, Islam und humanistischen, liberalen Werten plädiert hat?

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