Immer mehr Muslime wenden sich vom Glauben ab

Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat beobachtet, dass sich offenbar immer mehr Muslime von ihrem Glauben abwenden, und ein Buch darüber geschrieben: „Islam in der Krise: Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“. Der Glaube befinde sich ihm zufolge in einer weltweiten Krise. Laut Blume reagiert darauf ein Teil mit Radikalisierung und ein anderer mit der Aufgabe des Glaubens.

„Die Säkularisierung hat den Islam voll erfasst, die meisten Muslime machen ihre Glaubenszweifel aber bislang mit sich alleine aus und reden oft nur mit engsten Vertrauten darüber“, erklärte er dem Evangelischen Pressedienst. Blume führt seine Schlussfolgerungen auf seine Beobachtung zurück, dass nur noch die wenigsten Muslime täglich beten. Weiter führt er an, dass es viele Konvertiten gäbe – etwa zum Christentum oder zum Buddhismus. mehr Informationen

Die Zahl der Muslime sei aufgebläht. Also, wir erfassen als Muslime alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen. Während wir bei Christen nur diejenigen als Christen erfassen, die getauft wurden und einer Kirche angehören. Und schaut man sich das dann näher an, dann sehen wir tatsächlich, dass bei den Muslimen ein schnell wachsender Anteil Glaubenszweifel hat, mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun hat, sich von den Moscheeverbänden überhaupt nicht vertreten fühlt. Wir arbeiten da einfach mit unsauberem Zahlenmaterial, aber eigentlich ist der Islam in einer Krise – auch zahlenmäßig.

Das Gleiche übrigens im Blick auf das Judentum. Wir zählen als Juden selbstverständlich nur die Mitglieder der jüdischen Gemeinden, obwohl wir wissen, dass es auch zigtausende Menschen gibt, die von einer jüdischen Mutter abstammen, die halachisch jüdisch sind, aber die sich eben nie einer Gemeinde angeschlossen haben. Bei Muslimen machen wir das nicht.

Als Muslim gilt jeder und jede, wo die Vorfahren muslimisch sind. Und ich habe sogar im Freundeskreis Menschen, die davon genervt sind und die sagen: ‚Ich stamme vielleicht aus einer muslimischen Familie, aber ich habe mit Religion gar nichts mehr am Hut; und mich nervt das, dass ihr mich auf etwas festlegt, was ich nicht mehr bin.‘

Der Islam ist noch nicht tot, doch er gleicht einem Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt.‚ ‚Ich kann das nicht mehr glauben. Ich sehe, wie im Namen unserer Religion da schlimme Dinge geschehen.‘

Es brodelt. Um nur ein Beispiel zu nehmen: In Erbil, in Kurdistan ist wieder ein zoroastrischer Tempel eröffnet worden. Die Leute kehren zu den alten Religionen zurück. Viele treten zum Christentum über, zu anderen Religionen, fragen, ob sie wieder Jesiden werden können. Aber die Allermeisten belassen es eben dabei, ihre Glaubenszweifel für sich zu behalten.

‚Was ist falschgelaufen? Wie konnte es dazu kommen, dass unsere Hochkultur, die doch mal so hochstehend war, heute in so eine fatale Lage gekommen ist?‘ Da reichen Verschwörungsmythen nicht mehr aus.

Sultan Bayezid II. verbietet den Buchdruck im Osmanischen Reich, und zwar für arabische Buchstaben, was auch bedeutet für Persisch und Osmanisch. Und das Ergebnis davon ist eben, dass tatsächlich das Osmanische Reich stabil bleibt.

Und das ist, glaube ich, einer der ganz großen Punkte, die noch kaum im Bewusstsein sind – weder bei Muslimen wie bei Nichtmuslimen. Sondern überwiegend ist so das Bild: Ja, der Islam war doch mal so hoch entwickelt und hatte so eine tolle Kultur. Und zu Zeiten der Kreuzzüge waren eher die Europäer die Peinlichen. Und ganz plötzlich ist da irgendwas passiert und plötzlich rücken die Europäer vor. Und hier sehe ich den Buchdruck als den entscheidenden Faktor. Und diese Bildungskrise, diesen riesigen Bildungsabstand, den hat die islamische Welt bis heute nicht eingeholt.

In Deutschland übersetzt Martin Luther die Bibel. In Großbritannien haben wir die King-James-Bibel, die dann ins Englische übersetzt wird. Es entstehen also Bibelversionen in der jeweiligen Landessprache, was dazu führt, dass viel mehr Menschen lesen und schreiben lernen. In den evangelischen Gebieten vor allem auch Frauen. Es wird jetzt gesagt, auch eine Mutter soll lesen und schreiben können, um die Bibel auszulegen, mit den Kindern zu üben.

Es setzt eine unglaubliche Bildungsexplosion ein. Und die Sprachen vereinheitlichen sich. Es entsteht ein Deutsch, das über die Dialekte hinweg verstanden werden kann. In der islamischen Welt passiert das Gegenteil. Das Arabische triftet weiter auseinander. Sie sprechen heute in Marokko ein ganz anderes Arabisch als im Irak. Und das koranische Hocharabisch, das können immer noch nur ganz wenige hochgebildete Leute, mit dem Ergebnis, dass sie heute … also, quasi Bibelwissen recht allgemein ist oder zumindest jedem zugänglich ist, aber koranisches Wissen sozusagen verborgen ist.

Und sie haben heute noch Koranschulen, in denen die Kinder lernen, die Worte nachzusprechen, aber überhaupt nichts über den Sinn oder die Auslegung. Und das ist natürlich eine Katastrophe. Das ist einfach keine Art, wie man Religion im 20./21. Jahrhundert noch lehren kann.

Und, dass zu wenig gelesen wird, das sage nicht nur ich, das sagen inzwischen islamische Prediger. ‚Wie wollt ihr eigentlich mit der Welt Kontakt halten, wenn es in eurem eigenen Haus kaum Bücher gibt und wenn eure Frauen und eure Kinder überhaupt nicht lesen?‘

Wie stark ausgeprägt ist das Denken in Verschwörungskategorien im heutigen Islam?

Die monotheistischen Religionen sagen eigentlich: Ich glaube an eine absolute, gute Gottheit. Im Verschwörungsglauben wird das umgedreht. Da heißt es also: Diese Welt wird eigentlich von bösen Mächten beherrscht. Und das Gute, das sei schwach und verborgen.

Und was wir jetzt eben in der islamischen Welt erlebt haben, war ab dem 19. Jahrhundert … weil sich die Muslime auch nicht erklären können, was eigentlich schiefgelaufen ist, warum ganz plötzlich die Europäer alles überrennen und immer weiter davonstürmen, wird der Verschwörungsglaube übernommen.

Sie haben die Verschwörungsmythen aus dem Westen übernommen. Also, selbst Leute, die dem sogenannten Islamischen Staat zugehören, faseln dann plötzlich von Illuminaten oder der vermeintlichen ‚Weltverschwörung der Juden‘. Das heißt, sie übernehmen diese negativen Erzählungen, diese negative Art von Glauben. Und dann sind sie natürlich überhaupt nicht in der Lage, sich auf einen Dialog oder auf Demokratie oder auf Wissenschaften einzulassen.

Ich glaube, dass zum einen die muslimischen Gelehrten und Theologen einsehen müssen, dass die Geschichte nicht linear läuft, nach dem Motto: ‚Unsere Religion setzt sich durch – und der Rest, der ist irgendwie minderentwickelt.‘ Sondern, dass sie einsehen müssen, der Islam ist eine Religion wie andere Religionen auch. Er blüht auf, er hat Erfolge, er gerät aber auch in Krisen und er kann auch untergehen.

Und was wir haben mit dem Verschwörungsglauben, ist eine Krise der Theologie.  mehr Informationen

 

 

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