Ich habe in meinem ganzen Leben keinen bösartigeren Menschen kennengelernt als mich selbst!

20. Juni 1992. Zwei Limousinen nähern sich einem Waldstück nahe der lettischen Hauptstadt Riga. Auf einer Lichtung halten sie. Drei Männer steigen aus. Einer bleibt bei den Autos, die beiden anderen gehen ein Stück. Dann zieht einer von ihnen eine Pistole, zielt auf den Kopf seines Gegenübers und drückt ab. Ein dumpfer Knall hallt durch den Wald. Torsten Hartung steckt die Waffe wieder ein. Den Exekutierten lässt er liegen, nimmt ihm nur die Papiere ab. Der Tote hieß Dieter und war ein Komplize und krimineller Weggefährte Hartungs. Doch dann versuchte er, Hartung seine Führungsposition innerhalb des damals größten europäischen Autoschieberrings streitig zu machen und wollte Geschäfte hinter dessen Rücken abwickeln. Ein todeswürdiges Vergehen!

20 Jahre später. Torsten Hartung – ein hochgewachsener Mann mit markanten Gesichtszügen – sitzt im Wohnzimmer einer kleinen Wohnung im thüringischen Altenburg. Mit ruhiger Stimme erzählt der 52-Jährige seine Lebensgeschichte. Die Ausstrahlung des Mannes, der mir gegenüber sitzt, und die Geschichte, die er erzählt, wollen so gar nicht zusammenpassen. Als könnte er Gedanken lesen, sagt er: „Vor Ihnen sitzt ein verurteilter Mörder. Und glauben Sie mir: Ich habe in meinem ganzen Leben keinen bösartigeren Menschen kennengelernt als mich selbst!“

In diesem Moment bekomme ich eine Ahnung von der kriminellen Energie, die Torsten Hartung einst getrieben haben mag.Die Gründe dafür reichen zurück bis in Hartungs Kindheit. In seinem Elternhaus im mecklenburgischen Schwerin war Gewalt an der Tagesordnung. Es verging fast kein Tag, an dem er und seine drei Geschwister nicht zwischen die Fronten der streitenden Eltern gerieten oder dass sie wegen Lappalien bestraft wurden. So etwa, als Torsten mit sieben Jahren eines Tages von der Schule nach Hause kam und der Mutter traurig den abgerissenen Riemen seiner Brottasche zeigte. Anstatt den Sohn zu trösten und den Riemen wieder anzunähen, schlug sie ihn, bis er blutete.

Aber noch schlimmer als die körperlichen Schmerzen waren die seelischen, wenn sie ihm Sätze an den Kopf warf wie „Wir haben dich nie gewollt“ oder „Du bist an allem schuld“. Er war in der Grundschule lange Zeit der Klassenclown gewesen, um zumindest auf diese Weise etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit der Zeit entwickelte er sich zunehmend zum Schläger, je mehr Gewalt er zu Hause erlebte. „Die besten Kämpfer sind die, die das Leben hassen“, sagt er. Mit 18 Jahren wurde Torsten Hartung das erste Mal zu einer Haftstrafe verurteilt; damals noch zu zehn Monaten wegen Diebstahls. Beim zweiten Mal waren es schon ein Jahr und zehn Monate wegen Körperverletzung, beim dritten Mal fast drei Jahre.

1983 schien es für kurze Zeit so, als würde sein Leben eine Wendung zum Guten nehmen. Er lernte eine junge Frau kennen, die viel Geduld und Verständnis für ihn aufbrachte. Mit ihr zog er nach Chemnitz, machte dort eine Lehre zum Dachdecker. Er verdiente nicht schlecht. „Doch was sollte ich mit dem Geld machen? Wir durften ja nicht raus“, erzählt er. Als dann auch noch eine beantragte Urlaubsreise ins sozialistische Bruderland Bulgarien abgelehnt wird, will Torsten nicht länger in der DDR leben. An der sächsisch-bayerischen Grenze täuscht er einen Fluchtversuch vor und lässt sich bewusst dabei erwischen. Sein Plan: Nach einigen Jahren Haft wegen versuchter Republikflucht würde ihn der Westen freikaufen. Und so kommt es. Hartung wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Cottbus verbringt. Anschließend schiebt ihn die DDR nach West-Berlin ab.

„Zwar lebte ich nun in Freiheit. Aber meine Geschichte hatte ich ja mitgenommen“, erzählt er. Immer häufiger streitet er sich mit seiner Freundin, der er – nachdem er von der Bundesregierung in Bonn freigekauft worden war – zur Flucht in den Westen verholfen hatte. Als sie sich schließlich von ihm trennt, bricht für Hartung eine Welt zusammen. So sitzt er eines Abends Ende 1990 allein in seiner Berliner Wohnung. „Ich sah überhaupt keinen Sinn in meinem Leben.“ Da kommen ihm plötzlich Goethes Faust und sein Pakt mit Mephisto in den Sinn. Und obwohl er zu dieser Zeit weder an Gott noch an den Teufel glaubt, spricht er in diese unsichtbare Wirklichkeit hinein: „Du kannst meine Seele haben, ich brauche sie nicht mehr. Aber im Gegenzug möchte ich eineinhalb Jahre leben wie ein König in dieser Welt.“

Wenige Wochen darauf ist Hartung gerade mit einem Freund bei einem russischen Künstler, als zwei zwielichtige Gestalten den Raum betreten – Igor, auch genannt „der Pate von Riga“, und sein Leibwächter Iwan, wie sich herausstellt. Fast nebenbei fragen sie, wer ihnen deutsche Luxusautos besorgen könne. Hartung sagt zu. Zwei Bekannte von ihm studieren an einer Fernuniversität Feinmechanik. Und zwar nur aus einem Grund: Um die Schließmechanismen von Oberklassewagen der Marken Mercedes und BMW zu überwinden. „20 Sekunden brauchten sie durchschnittlich, um einen Wagen zu knacken“, erzählt Hartung. Er selbst kümmert sich um die gesamte Logistik, besorgt gefälschte Zulassungs- und Versicherungspapiere und bringt die Fahrzeuge an ihren Bestimmungsort. Auf diese Weise verdient er schon bald bis zu 90.000 US-Dollar pro Woche, umgerechnet damals 150.000 D-Mark. Es scheint, als sollte sich sein in die Dunkelheit gesprochener Wunsch erfüllen. Schon bald liefert er gestohlene deutsche Luxuskarossen nicht mehr nur nach Russland, sondern in den gesamten Ostblock sowie in die arabische Welt.

Dabei gehen er und seine Komplizen, von denen er einige noch aus Zeiten der politischen Haft in der DDR kennt, so strukturiert und geschickt vor, dass ihnen lange niemand auf die Schliche kommt. Meistens sind es dunkle Autos, die von den Auftraggebern bestellt werden. Da Hartung Kontakte zu Polizei und Zulassungsstellen hat, die er besticht, tarnt er die Autos einfach als zivile Polizei- oder als Regierungsfahrzeuge. „Sie bekamen entsprechende Nummernschilder und wir setzten uns Blaulicht aufs Dach“, erzählt er. „Damit wurden wir meist nicht einmal an den Grenzen gestoppt. Wer wollte schon eine vermeintlich deutsche Regierungsdelegation anhalten“, fragt er und lächelt schelmisch. „Mit visueller Täuschung kann man fast alles erreichen“, sagt er. „Die Menschen beurteilen dich zunächst danach, wie du auftrittst.“ Als er und einige seiner Mitstreiter beispielsweise 1991 vor dem Hotel „Stadt Sofia“ – dem damals vornehmsten Hotel in der bulgarischen Hauptstadt – mit mehreren schwarzen Limousinen halten und für eine Nacht absteigen, gibt Hartung vor, von Interpol zu sein. Im Hotel und bei der Polizei fühlt man sich geschmeichelt, dass solch wichtige Leute hier haltmachen. Hotel-Pagen parken die gestohlenen Fahrzeuge, und führende Polizeivertreter laden die Hochstapler abends sogar ins Konzert ein. Im Hotel wird man selbst dann nicht stutzig, als die Gruppe die Rechnung am nächsten Morgen bar und mit Dollar-Noten bezahlt.

Insgesamt 120 Luxusautos stehlen und verkaufen Hartung und seine 54 „Räuber“ in knapp eineinhalb Jahren. Die Höhe des Versicherungsschadens beläuft sich auf 15,8 Millionen DM, wird später in den Akten zu lesen sein. Torsten Hartung hat so viel Geld verdient, dass er kaum weiß, wohin damit. Und nachdem er Dieter in dem Waldstück bei Riga „ausgeschaltet“ hat, ist er auch im Unternehmen und bei den Kunden wieder die unangefochtene Autorität. Trotzdem spürt er eine große innere Leere. Kurz bevor Hartungs Autoschieberring ziemlich genau 18 Monate nach jener Nacht, in der er seine Seele verkaufte, auffliegt, besucht er während eines Urlaubs auf Mallorca eine kleine Kirche. Darin steht eine Wand, an die Besucher Gebetsanliegen heften können. Hartung schreibt auf einen Zettel: „Ich wünsche mir ein Leben in Glück!“

Als er im Oktober 1992 gerade eine neue Transportroute auskundschaften möchte, wird Hartung in Stockholm von Interpol verhaftet. Als Kopf der inzwischen europaweit gesuchten Bande kommt er sofort in Einzelhaft – zunächst in Schweden, dann in Deutschland. Er beginnt ein Fernstudium in Psychologie. Hartung erkennt, dass die Ursachen für sein Gewalt- und Aggressionspotenzial in seiner Kindheit liegen. Ihm wird aber auch deutlich, wie vielen Menschen er selbst Unrecht getan hat. „Ich war ja nicht nur Opfer, sondern vor allem Täter. Doch wohin ich mit meiner Schuld sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.“ Die einzige Möglichkeit, seine Gedanken loszuwerden, ist ein Tagebuch.

Ostern 1998 wird im Gefängnis in Berlin-Moabit ein Jesus-Film gezeigt. Hartung – der inzwischen nicht mehr in Einzelhaft ist – schaut ihn sich an. Anschließend notiert er in sein Tagebuch: „Jesus, Du hattest Deine Auferstehung. Gib auch mir eine zweite Chance! Schenk mir ein neues Leben!“ Einige Wochen später liegt er auf seinem Gefängnisbett und sieht, wie sich das weiße Laken, das er wegen der Hitze vors Fenster gespannt hat, aufgrund eines Luftzugs ans Fensterkreuz legt. Beim Anblick dieses Kreuzes kommt ihm wieder Jesus in den Sinn und er beginnt in den Raum zu sprechen: „Wenn es dich gibt, schenk mir ein neues Leben! Schau nur, was ich getan habe. Ich habe mich über dich gestellt, indem ich über Leben und Tod entschieden habe. So will ich nicht länger leben.“ Ohne es zu wollen, fängt er an zu weinen. „In diesem Moment hörte ich eine Stimme, die ganz liebevoll und barmherzig sagte: Ich weiß“, erinnert sich Hartung. Für ihn ist dieser Moment eine Art Damaskuserlebnis: „Da wusste ich, dass es Gott wirklich gibt.“

Als Hartung am nächsten Morgen mit einem Lächeln auf den Lippen aus seiner Zelle tritt, halten ihn viele seiner Mithäftlinge für durchgedreht. Beim Freigang auf dem Hof pflückt er ein Gänseblümchen und bewundert dessen Farbe und Struktur. „Erstmals überhaupt nahm ich die gesamte Schönheit der Schöpfung wahr, weil Gott mir den Schleier der Sünde von den Augen genommen hatte.“ Hartung beginnt die Bibel zu lesen und besorgt sich andere christliche Literatur. Im Gefängnis gibt es zwei Bibelgruppen – eine evangelische und eine katholische. Hartung besucht beide. „Allerdings wurde ich in der evangelischen schräg angesehen, als ich mit der Heiligen Schrift unterm Arm ankam. Was ich denn damit wolle“, erinnert sich Hartung. „Dort waren Kaffeetrinken und Kuchenessen wichtiger als das gemeinsame Bibelstudium“. Fortan geht er nur noch zu katholischen Bibelstunden und Gottesdiensten.

Am 20. Juni 2000 lässt er sich in der Kapelle der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel taufen. Erst später wird ihm bewusst, dass das auf den Tag acht Jahre nach dem Mord an Dieter war: „Für mein Leben ist der 20. Juni ein symbolisches Datum. Es zeigt, wie böse der Mensch von sich aus ist, wie Gott aber selbst aus dem Schlechtesten Gutes erwachsen lassen kann.“ 2006 wird Hartung nach knapp 15 Jahren Haft entlassen. Heute lebt er mit seiner aus Südkorea stammenden Frau Claudia in der Stadt Altenburg (südlich von Leipzig) in Thüringen. Arbeit hat er nicht: „Mit insgesamt 20 Jahren Gefängnis im Lebenslauf stellt einen niemand an.“ Sehnsucht nach seinem alten Leben hat er trotzdem nicht: „Geld macht nicht glücklich, eine persönliche Beziehung zu unserem Schöpfer und Erlöser schon.“ Und genau das möchte Hartung auch straffälligen Jugendlichen vermitteln, die er ehrenamtlich betreut. Schließlich ist Torsten Hartung ein lebendiges Beispiel dafür, dass es die sprichwörtliche Wandlung vom Saulus zum Paulus wirklich gibt.  mehr Informationen

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