Hamas hat sich zur Armee gemausert

Sie sind wie eine Armee organisiert. Ihre rund 16.000 Kämpfer sind in sechs Brigaden mit klarer Befehlsstruktur unterteilt, denen Einsatzgebiete zugewiesen waren.

Sie sind sehr gut ausgebildet, und verfügen zum Teil über modernstes Kriegsgerät. Die Hamas bewies in den 50 Tagen Krieg mit Israel, dass sie eine disziplinierte Kampftruppe ist und dank andauernder Hilfe aus dem Iran und Syrien beeindruckende Fähigkeiten besitzt.

Skizzen, die auf dem Schlachtfeld in Gaza erbeutet wurden, zeigen, wie Hamas-Kämpfer militärische Symbole nutzen, um ausgeklügelte Hinterhalte zu planen. Dabei setzen sie zum Teil modernstes russisches Kriegsgerät ein, Panzerabwehrraketen vom Typ Kornet oder Konkurs: „Die einzigen, die so etwas von den Russen erhalten haben, waren die Syrer. Sie müssen von dort stammen“, so der Offizier.

Aber man fand auch nordkoreanische Phoenix- und Toophan-Raketen, iranische Kopien der amerikanischen TOW. Den Großteil ihrer Waffen stellen die Islamisten jedoch selbst her. Zum Beispiel Tandem-Panzerfäuste, die dicke Panzerung durchdringen können, indem sie zwei PG-7 aneinanderbauen: „Das ist zwar primitiv, aber sehr effektiv“, so ein Militär.

Doch es ist vor allem die Raketenindustrie der Hamas, die Jerusalem Sorge bereitet: Die meisten der insgesamt 4525 Raketen, die die Islamisten während des Krieges abfeuerten, wurden in Gaza selbst zusammengebaut – „mit iranischem und syrischem Know-How und Bauteilen“. Knapp 300 von ihnen hatten eine Reichweite von mehr als 45 Kilometern, können also einen Großteil der israelischen Bevölkerung treffen.

Heute verfüge die Hamas nur noch über rund 2500 bis 3000 Raketen, ein Drittel ihres Vorkriegsarsenals. Nicht nur Israel soll sich im Fadenkreuz der Hamas befunden haben: Insgesamt gingen während des Krieges 875 palästinensische Raketen und eine unbekannte Anzahl von Mörsergranaten in Gaza selbst nieder.

Ein großer Teil „wurde meiner Meinung nach absichtlich von der Hamas auf dicht bewohnte Gebiete in Gaza abgeschossen“, so ein israelischer Offizier. Anders könne er sich ihre Flugbahn nicht erklären.

„Sie haben gelernt, dass wir fast alles sehen können, und haben ihre Aktivitäten deswegen fast vollständig unter die Erde verlagert„, sagt ein Militär. Auch unter das Schifa-Krankenhaus, das größte in Gaza, von wo aus „zahlreiche Tunnel in alle Richtungen führen“.

Hamas-Kämpfer und Kommandanten harrten tagelang in kilometerlangen Tunneln unter dem gesamten Landstrich aus, lebten dort nur von Datteln und Wasser. Man kann viele Orte in Gaza inzwischen unterirdisch erreichen, ohne auch nur einmal auf die Straße zu gehen.

Auch die meisten Raketenabschussrampen der Hamas befänden sich inzwischen unter der Erde, oft in der Nähe von besonders geschützten zivilen Zielen wie Friedhöfen, Schulen, Krankenhäusern und Moscheen: „Ich kenne viele solche Ziele, die wir bis heute nicht angegriffen haben, weil wir es moralisch nicht vertreten können“, beteuert ein Offizier.

Von den insgesamt 2127 palästinensischen Todesopfern habe sein Dienst bislang 1322 eindeutig identifiziert: Rund 45 Prozent von ihnen waren Kämpfer der Hamas, des Palästinensischen Islamischen Jihad oder anderer Organisationen.

Rund 1000 Kämpfer seien folglich ums Leben gekommen – also fünf Prozent der Streitkräfte aller Organisationen in Gaza. Das, so meinen viele in Israel, sei ein denkbar schlechtes Ergebnis nach 50 Tagen Krieg zwischen rund 20.000 Terroristen und der stärksten Militärmacht im Nahen Osten. Ein israelischer Offizier sieht das anders: „Die Hamas hat riesigen Schaden genommen. Sie hat wichtige Kommandeure verloren und hunderte Kämpfer, Tausende ihrer Aktivisten wurden verletzt, keine ihrer „Überraschungen“, in die sie so viel investierte, ist ihr geglückt.

Das Verhalten des Hamas selber demonstriere die tiefe Krise, in der sie sich jetzt befinde: Es wird ihnen schwer fallen, ihr Arsenal wieder aufzubauen, weil Ägypten Waffenlieferungen jetzt blockiert. Warum haben sie 20 vermeintliche Kollaborateure auf offener Straße erschossen? Weil die Menschen sich zu diesem Zeitpunkt wieder auf die Straßen trauten, den Schaden sahen und begannen, miteinander zu reden.

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