Erfahrungen eines Pilgers

Christian Seebauer merkt beim Gehen, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig ist – „mein Glaube, meine Frau und meine Kinder“ – und was nicht – „Karriere machen, sich jagen lassen, diese durchgetaktete materielle Welt“.

Als der Diplom-Ingenieur zum ersten Mal auf den Jakobsweg geht, ist er Anfang 40 und hat sich gerade selbstständig gemacht. Zuvor war er Verwaltungsdirektor einer großen deutschen Bank, finanziell sehr erfolgreich, aber „total unglücklich“. Ständig musste er seinen eigenen Werten zuwiderhandeln, erzählt der aus Prien am Chiemsee stammende Katholik. Es sei eigentlich nur um den Profit gegangen, darum, „abzuzocken, Menschen kaputtzumachen, Firmen auszuschlachten“. Noch heute bekommt der inzwischen 51-Jährige Herzrasen, wenn er daran denkt.

Immer wieder hat er versucht, aus diesem System auszubrechen und kleinere Pilgerwanderungen unternommen – in den Alpen oder von Kapelle zu Kapelle am Inn oder an der Amper entlang. Dennoch ist er, den immer wieder Depressionen plagen, am Ende im Burnout gelandet – einer Phase, in der er sich selbst und Gott nicht mehr gespürt hat. „Ich habe da meinen Glauben verloren. Ich bin zwar trotzdem ins Bett gegangen und habe gebetet, aber umsonst – ich habe nichts umgesetzt“, erinnert sich der gläubige Christ an diese schwierige Zeit.

Der große Zusammenbruch erfolgt aber erst nach dem Jakobsweg. Ein halbes Jahr später sucht Christian Seebauer Hilfe in der Psychiatrie. Der große, sportlich wirkende Mann, der normalerweise fünf Sprachen beherrscht, kann nicht mehr lesen und schreiben. Auch andere Menschen erkennt er nicht mehr. In diesem Moment wird ihm klar: „Du brauchst Hilfe. Du musst dein Leben komplett ändern.“

Da fällt ihm Manuel ein. Den 33-jährigen Spanier hat er auf dem Jakobsweg getroffen. Einen todunglücklichen Milliardär, der den Küstenweg ohne Geld gegangen ist und alles, was er erbettelt hat, mit seinem deutschen Weggefährten geteilt hat. Seither hegt Christian Seebauer den Wunsch, auch einmal etwas ohne Geld zu versuchen.

Eines Nachts recherchiert Christian Seebauer im Internet nach Fernwanderwegen. Als er die ersten Bilder der Wüste Negev sieht, ist ihm klar: „Du musst den Israel Trail gehen“ – einen immerhin gut tausend Kilometer langen Weg quer durch das Heilige Land. Nach rund zweieinhalbmonatiger Vorbereitung bricht Christian Seebauer auf. Ohne Geld. Nicht weil er keines hat oder sich auf Kosten anderer durchschnorren will, erklärt er, sondern weil er „Nächstenliebe erleben“ und „echte Gefühle spüren“ möchte.

Während seiner 50-tägigen Tour stößt der Deutsche ständig auf Menschen, die ihn nicht nur mit Wasser und Brot sowie einem Schlafplatz versorgen, sondern ihn begleiten und ihm die Angst vor dem Alleinsein nehmen.

Besonders lebhaft erinnert er sich an eine Begegnung in der Wüste. Er ist „körperlich total am Ende“, als er drei junge Israelinnen trifft. Eine von ihnen, Laisa, reicht ihm eine angeknabberte Paprika und umarmt ihn. Ihn, den Bettler, der schwitzt, stinkt und sich schämt. Die Erinnerung an dieses Glücksgefühl, einfach als Mensch angenommen zu werden, bringt den sonnengebräunten Mann mit den Lachfalten um die Augen fast zum Weinen. „Das sind alles Dinge, die man sich für Geld nicht kaufen kann“, stößt er mit tränenerstickter Stimme hervor.

Aber nicht nur sein Verhältnis zu den Mitmenschen wandelt sich in Israel, auch seine Beziehung zu Gott verändert sich. Er beginnt, seine Gedanken mit ihm zu teilen, anstatt auswendig gelernte Gebete aufzusagen, sich bei ihm zu bedanken, wenn ihm etwas geschenkt wird, und ihm seine Ängste anzuvertrauen.

Und heute, vier Jahre später? Wirkt der Israel Trail noch nach? Ja, antwortet Christian Seebauer. Zwar sei er kein besserer Mensch geworden, aber ein dankbarerer. Sein Abendgebet falle ehrlicher aus, mehr wie ein richtiges Gespräch. Und er habe nach wie vor den Wunsch, zu pilgern und das Gelernte nie mehr ganz loszulassen.  mehr Informationen

 

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