Entwicklungshilfe untergräbt die Selbstverantwortung

Für den Afrika-Experten Stephen Smith ist Afrika-Hilfe «easy money», außer der Nothilfe bei Katastrophen. Auszüge aus einem Interview in der BAZ.

In Afrika geschieht dasselbe wie einst in Europa, als zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg 60 Millionen Menschen – ein Fünftel der Bevölkerung – auswanderten.

Aktuell wollen laut einer Gallup-Umfrage (ein US-Meinungsforschungsinstitut) 42 Prozent der Afrikaner im Alter zwischen 15 und 25 Jahren auswandern. Das sind Menschen, denen es jetzt besser als vorher, aber noch nicht gut geht – sie haben immer noch gute Gründe und jetzt auch die Mittel, um auszuwandern. Entwicklungszusammenarbeit und wirtschaftliches Wachstum reduzieren die Emigration daher nicht.

Länder wie China und Indien, die keine oder fast keine Entwicklungshilfe erhielten, haben schneller Fortschritte gemacht. Entwicklungshilfe ist easy money, das die Selbstverantwortung untergräbt. Zudem hat sie in vielen afrikanischen Ländern die Reichen reicher gemacht.

Wir müssen damit aufhören, die Afrikaner ständig als Opfer zu sehen und ihnen endlich auf Augenhöhe begegnen. Kolonialismus muss man im Kontext seiner Zeit sehen. Es ging nicht nur darum, die afrikanischen Bodenschätze auszurauben, sondern auch unsere Kultur weiterzugeben. Zudem ist es unverständlich, wie man 60 Jahre nach der Unabhängigkeit Afrikas so tun kann, als sei der Kontinent immer noch ferngesteuert.

Jede Gesellschaft muss solidarischer mit ihren Verlierern sein. Das gilt für uns – Europäer oder Amerikaner –, aber auch für reiche Afrikaner. Bislang geschieht da nicht viel.

Was wir Afrika heute wirklich wegnehmen, ist seine Elite. Ein Beispiel: Mehr als ein Drittel der in Afrika ausgebildeten Ärzte und Krankenschwestern arbeiten heute in den höchstentwickelten Ländern.

Die Mehrheit der afrikanischen Asylanten ist auf der Suche nach einem besseren Leben. Fast 80 Prozent der Migranten kommen aus Ländern, wo es Hoffnung gibt – Elfenbeinküste, Senegal, Nigeria, Ghana oder Kenia –, und gehören dort zum Mittelstand. Die Mehrheit der Wirtschaftsmigranten sind dynamische Leute. Sie haben sich emporgearbeitet und den Wunsch nach Veränderung und Abenteuer, ähnlich wie die europäischen Pioniere, die einst nach Amerika gingen, um dort etwas aufzubauen.

Durch die Rettungsaktionen ist die Reise über das Mittelmeer zu einem kalkulierbaren Risiko geworden und damit nicht gefährlicher, als in ein afrikanisches Buschtaxi zu steigen. 2015 lag das statistische Risiko, bei der Überfahrt zu sterben, bei 0,37 Prozent – viermal geringer als das Risiko für eine Frau, im Süd-Sudan bei einer Geburt ums Leben zu kommen. Viel riskanter als das Überqueren des Mittelmeers ist der Weg durch die Sahara. Aber weil dort selten Journalisten sind, ist sich Europa dessen weniger bewusst.

Die Migranten kalkulieren das Risiko und entscheiden dann, in ein Schlepperboot zu steigen. Sie erinnern sich sicher an das Bild des dreijährigen, ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi. Das Foto war erschütternd, aber es hat uns nicht darüber informiert, dass Aylans Vater eine feste Arbeitsstelle in der Türkei hatte, dort nicht gefährdet war, aber mit seiner Familie nach Kanada auswandern wollte, um dort besser zu leben. Als sein Visum abgelehnt wurde, entschloss er sich zur Fahrt mit dem Schlepperboot, was seinen Jungen das Leben kostete.

Vermutlich haben wir es so verinnerlicht, die Dritte Welt zu verarmseligen und uns selbst als Schuldige zu sehen, dass wir gar nicht mehr anders können.

Wir drücken beide Augen zu, um Armen zu helfen, die noch Ärmere – ihre afrikanischen Mitbürger – im Stich lassen. Unsere Haltung höhlt das Asylrecht aus. Das ist fatal für jene Menschen, die wirklich verfolgt sind und Schutz brauchen.

Die Migranten wollen an der modernen Welt teilhaben, die sie im Satellitenfernsehen und via Internet verfolgen. Zudem wünschen sie sich eine gute Ausbildung für ihre Kinder. In Afrika fehlt es an Schulen, die die Kinder auf neue Herausforderungen wie die Digitalisierung vorbereiten. Was Europa zudem attraktiv macht, ist, dass es sich die umfassendsten Sozialleistungen leistet. 50 Prozent der Summen, die weltweit für Sozialversicherungen ausgegeben werden, werden in Europa ausgegeben, wo nur 7 Prozent der Weltbevölkerung leben.

Natürlich sind afrikanische Pioniere – unternehmungsfreudige Menschen – für jedes Land eine potenzielle Bereicherung. Aber sie werden vor allem in ihren Heimatländern gebraucht.

Das Geld, das Migranten schicken, ist vergleichbar mit einer Rente, die Afrika in zwei Lager trennt: die Empfänger und die anderen, die kein Familienmitglied im reichen Ausland haben. Die Hilfeempfänger geben oft leichtfertig Geld aus, das sie nicht verdient haben – das sind keine Investitionen.

Die Auswanderer gehören oft zu den dynamischsten, jene, die die herrschenden Verhältnisse im eigenen Land kritisieren und die politisch etwas verändern könnten. Manche Regierungen sagen sich, wenn diese Kritiker und Querulanten gehen, dann werden wir sie nicht vermissen.

Problematisch ist, wenn Afrikaner massiv nach Europa einwandern, um dort wie Europäer, aber nicht als Europäer zu leben. Wenn sie in einer Parallelgesellschaft leben wollen, als «afrikanische Diaspora», das kann katastrophal werden.

Wir denken oft, es sei «solidarisch», afrikanischen Migranten als Erstes zu erklären, wie sie am besten vom Sozialsystem Nutzen ziehen. Ich finde das verantwortungslos. Migranten langfristig zu subventionieren, schadet allen, auch den Migranten selbst, die dann nie auf ihren eigenen Beinen stehen. Nothilfe ist gut, Dauerhilfe führt zu Unselbstständigkeit und – überraschenderweise – zu Undankbarkeit.  mehr Informationen  

Nach fast vier Jahren auf Afrika-Tour sagen Thomas Lehn (58) und Constanze Kühnel (45): „Es frustriert uns, zu sehen, wie dieser Kontinent sich selbst vernichten wird.“  Komischerweise sind afrikanische Präsidenten die reichsten der Welt, ihre Völker aber bitterarm. Wir haben darüber auch mit studierten Afrikanern diskutiert. Einer sagte uns: ,Hört endlich auf mit der Entwicklungshilfe – wir müssen selbst durchs Tal der Tränen gehen, um auf eigenen Beinen zu stehen‘. Schule ist reines Auswendiglernen mit der Folge, dass die meisten Afrikaner kein Gespür für logisches Denken entwickeln. Deshalb gibt es in Afrika keinen unternehmerischen Mittelstand und somit nie genügend Jobs.

Was Afrika wirklich braucht, muss aus Afrika selbst kommen: Regierungen, die sich als Anwälte ihrer Bürger verstehen und Bürger, die auf Institutionen und Recht vertrauen können. Der Zustand vieler afrikanischer Länder hat tausend Facetten, aber er hat die immer gleiche Kausalkette. Wenn Regierungen weder Möglichkeiten noch Anreize für ihre Bürger schaffen, innovativ zu sein, zu investieren und Mehrwert zu schaffen, wenn sie sich statt des republikanischen Gedankens nur den Interessen eines Stammes verschreiben, wird es ihnen nie gelingen, den Afrikanern das pluralistische Spielfeld offener Chancen zu bieten, das so viele Auswanderer in Europa suchen.

In der „Chimurenga Chronic“ erschien ein Artikel mit der Überschrift: „Seien wir ehrlich: Wir schaffen es nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass die Weißen zurückkommen.“

Matthew Parris schrieb in The Times (UK Newspaper)am 27. Dezember 2008: Die Leute denken kollektiv; zuerst in Begriffen der Gemeinschaft, der Großfamilie und des Stammes. Diese ländlich-traditionelle Denkweise ist der Nährboden für die Politik des „großen Mannes“ und der Gangster in den afrikanischen Städten: der übertriebene Respekt für einen aufgeblasenen Führer, und die (buchstäbliche) Unfähigkeit, die Idee einer loyalen Opposition überhaupt zu verstehen. Eine große Last unterdrückt den individuellen Geist und hemmt die Neugier. Die Leute werden keine Initiative ergreifen, werden die Dinge nicht in ihre eigenen Hände oder auf ihre eigenen Schultern nehmen. Ein ganzes Glaubenssystem muss zuerst ersetzt werden.

 

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Nach fast vier Jahren auf Afrika-Tour sagen Thomas Lehn (58) und Constanze Kühnel (45): „Es frustriert uns, zu sehen, wie dieser Kontinent sich selbst vernichten wird.“ Der naive Umgang europäischer Medien mit dem Thema der Entwicklungshilfe wundert uns sehr. Es werden zig Millionen Euro sinnlos verblasen, vor Ort reiben sich die Mächtigen die Hände und … weiterlesen

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Als Atheist glaube ich wirklich, dass Afrika Gott braucht.

Missionare, nicht Hilfsgelder, sind die Lösung für Afrikas größtes Problem – die erdrückende Passivität im Denksystem der Menschen Matthew Parris – The Times (UK Newspaper), 27. Dezember 2008.  (Übersetzung: Frank Schönbach) Vor Weihnachten kam ich nach 45 Jahren zurück in das Land, das ich als Junge unter dem Namen Nyassaland gekannt hatte. Heute heißt es Malawi, …  weiterlesen

 

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