Ein Jahr Islamischer Staat

Am 29. Juni 2014 wurde das Kalifat Islamischer Staat ausgerufen. Das war am 1. Ramadan. Heute leben ca. 8 Millionen Menschen im IS-Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak.

Der Staat sorgt für Ruhe und Ordnung. In den Schulen wurde das saudische Schulcurriculum fast eins zu eins übernommen. Mitglieder vom IS durchsuchen Märkte nach kranken Tieren und Lebensmitteln mit abgelaufenem Verfallsdatum. Sie lassen Gefangene die Strassen reinigen, sie büssen Männer, deren Bart zu kurz ist, oder sie strafen einen Ladenbesitzer mit 20 Peitschenhieben, wenn er während der Gebetszeit sein Geschäft nicht schliesst. In den Spitälern werden aber nur Mitglieder der IS behandelt», berichtet ein Iraker einem BBC-Reporter, der in Mosul heimlich Interviews geführt hat.

Eine Frau aus Mosul berichtet: «Wir müssen voll und schwarz bedeckt sein, vom Kopf bis zur Zehe»,. Die Verhüllung führt dazu, dass Männer ihre Frauen oder Töchter verlieren unter all den schwarzen Gestalten. Sie habe das Haus praktisch nicht mehr verlassen, seit der IS in die Stadt eingefallen sei, sagt die Frau aus Mosul. «Aber eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und bat meinen Mann, mich auszuführen.» Sie hätten – so wie früher, als sie sich kennen lernten – ein Restaurant am Tigris besucht. «Als wir Platz nahmen, sagte mir mein Mann, nun könne ich mein Gesicht enthüllen. Und ich freute mich so sehr.» Allerdings nicht lange, denn der Restaurantbesitzer bat den Ehemann inständig, er soll veranlassen, dass sich die Frau wieder verhüllte. Der Wirt fürchtete eine Überraschungsvisite der IS-Religionspolizei Hisbah. Selbst wenn die Frauen keine Handschuhe tragen, werden ihre Männer geohrfeigt.

Bekannt sind die harten Strafen im Kalifat. Eigene Gerichte setzen die radikalste Lesart der Scharia, des islamischen Rechts, durch. Hier eine kleiner Katalog: Nirgends schadet Rauchen so sehr der Gesundheit wie im Islamischen Staat, denn dafür gibt es Peitschenhiebe. Für den IS ist Tabak dasselbe wie Heroin. Wer Alkohol trinkt, riskiert 80 Peitschenhiebe. Dass Frauen nicht Auto fahren dürfen, versteht sich von selbst. Wer es trotzdem tut, wird ebenfalls geschlagen.

Drakonisch sind die Strafen für Diebe: Ihnen wird eine Hand abgehackt, und wenn sie bandenmässig gestohlen haben, kommt ein Bein dazu. Mörder werden hingerichtet, Raubmörder sterben am Kreuz. Oder werden ertränkt – und dabei gefilmt, sogar unter Wasser. Der IS stellt die Videos ins Internet, sie sind unerträglich. Begeht ein Mann Ehebruch, wird er von einem hohen Gebäude heruntergestossen. Das droht auch Schwulen. Frauen werden für einen Seitensprung gesteinigt. Das geschieht öffentlich, und die Menschen werden gezwungen zuzuschauen – die Scharia als staatlich verordnetes Unterhaltungsprogramm, zumal Hollywoodfilme und westliche Musik verboten sind.

Wer Allah, Mohammed oder den Islam generell kritisiert, hat sein Leben verwirkt. Ohnehin wird getötet, wer sich vom islamischen Glauben abwendet oder für die sogenannt Ungläubigen spioniert. Diese Woche berichtete der britische «Independent», im syrischen Mayadin seien zwei Buben gekreuzigt worden, weil sie nicht gefastet hätten während des Ramadan. Offensichtlich wurden sie beim Essen erwischt. Die Leichen der beiden seien danach ausgestellt worden mit einem Schild, auf dem «kriminell» stand.

Der 24-jährige Majd N., der ehemalige Gymnasiast aus Biel Schweiz, wurde hingerichtet, weil er den IS kritisierte. Er meinte die Kämpfer seien schlecht organisiert, die Kriegsbeute würde ungerecht verteilt und Muslime bestohlen.  Majd N.s wurden drei Kugeln in Füsse geschossen und er wurde als «Murtad» (einen vom Glauben abgefallenen) beschimpft. Majd selber habe verwundet drei Tage überlebt, schreibt die «SonntagsZeitung». In dieser Zeit habe er ein letztes Mal mit seiner Mutter telefonieren können. Am dritten Tag ist Majd dann, je nach Quelle, entweder den Verletzungen erlegen oder von einem IS-Kämpfer mit einem Schuss in die Brust getötet worden.  Damit hat die vierjährige Odyssee über Somalia, Kenia und Jordanien im Bürgerkriegsland Syrien ein jähes Ende gefunden. mehr Informationen

Im Staat blüht auch der Sklavenhandel. Die IS-Kämpfer in Syrien kaufen dem irakischen IS-Zweig 42 verschleppte Jesidinnen ab. Der Preis pro Sexsklavin liegt zwischen 500 und 2000 Dollar.

Einen Staat und alle seine Einrichtungen zu unterhalten, kostet viel Geld. Selbst die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft dürften dafür dem IS nicht ausreichen. Guido Steinberg, Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin rechnet schon im Herbst mit Versorgungsproblemen. «Viele landwirtschaftliche Flächen im Herrschaftsgebiet des IS liegen brach. Spätestens mit Ausbleiben der Ernte werden Probleme auftauchen.»

Aber selbst diesen Engpass wissen die Jihadisten für ihre Zwecke zu nutzen: Wer der IS-Miliz beitritt, erhält angeblich 100 Dollar pro Monat sowie 100 für die Eltern und 40 für jedes Geschwister. Wer nicht hungern will, kann kämpfen und so seine Existenz sichern.
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