Die Wiedergeburt des Stammes

In seinem Essay erläutert der libysche Autor Faraj Alasha, wie arabische Autokraten staatliche Institutionen mit Stammes-Logik lenken.

Stammesleben bedeutet Leben im Anfänglichen, in Verbänden, Sippen, Clans und Traditionen, im Vorpolitischen, Vorideologischen und Vorstaatlichem.

Alles liegt hier in Gottes Hand und ist abhängig von seiner Güte oder seinem Zorn, und so gibt es entweder Fruchtbarkeit oder Dürre. Was die Stammes-Gemeinschaft dabei zusammenhält, ist das Konzept von Hirte und Herde, wobei der Hirte zugleich Beschützer und Bestimmer seiner Herde ist. Dafür stellt er ihr Weide und Wasser bereit und bewacht sie mit seinen Hunden.

Der mittelalterliche Soziologe Ibn Khaldun hatte das so beschrieben: „Das Zusammenleben und Zusammenwirken [der Stämme] bei der Arbeit, dem Bau von Behausungen und der Herstellung von Lebensmittel geht nur so weit, wie es zum Leben und Überleben unerlässlich ist, ohne dass es über dieses Maß hinaus geht und ohne dass sie in der Lage wären, mehr zu tun.“

In den offiziellen Biografien von Clan-Tyrannen wie Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi und Ali Abdullah Salih lesen wir jeweils ein Loblied darauf, dass sie alle in ihrer Kindheit Schafe gehütet hätten, womit sie es dem Propheten Muhammad gleichtaten.

Die Stammesstruktur ist schlicht und vorzeitlich. Nichts durchbricht ihr soziokulturelles orales Erbe und ihr unhinterfragtes, gewohnheitsmäßiges Handeln in Bezug auf Lebensart, Produktionsweise und mündlich überlieferte Kultur. Erst der surreale geologische Zufall namens Ölvorkommen hat alles auf den Kopf gestellt.

Die Stammesgesellschaft, die durch das Einströmen von Öl-Dollars und Bevölkerungswachstum plötzlich zu einer urbanen wurde, hat sich mit ihrem Prinzip des Stammeszusammenhalts auf der Grundlage von Verwandtschaft und Abstammung am modernen System der Stadt und des Staats bedient, welches auf Institutionen aufbaut, die auf Autorität gründen. Es ist das Gegenteil der personifizierten Autorität durch die Stärke eines Individuums – des Hirten beziehungsweise des Scheichs, der grundsätzlich für alles zuständig ist.

Während Stämme sich in Clans, Sippen, Großfamilien und was auch immer für Gebilde gliedern, besteht die Stadt aus Klassen, Institutionen, Produktionsbeziehungen und Kommunikationsmitteln, Kultur und Ethik.

Und während die Stadt Menschen hervorbringt, die sich verändernden und widerstreitenden Werten in einer Handels- und Industriewirtschaft unterliegt, verharrt die Stammesgesellschaft in unveränderlichen beduinischen Sozialstruktur. Auch in der Stadt bleiben Stammes-Strukturen selbst dann bestehen, wenn eine jahrhundertealte Gesellschaft durch den Zufall einer geologischen Entdeckung durch den Westen zu einer städtischen wird.

Mit Ausnahme des Nasser-Militärputsches in Ägypten mündeten alle anderen arabischen Putsche in eine Reproduktion autokratischer, familiärer, stammes und konfessioneller Macht in unterschiedlichen Gewändern und im Zeichen unterschiedlicher Parolen und Ideologien.

So wurde die Kultur von Hirte und Herde zur Basis einer putschistischen „revolutionären“ Machtstrategie ohne jeglichen Bezug zur Wirklichkeit.

Saddam war der Prototyp des modernen arabischen Despoten in der Tradition des Kalifen Muawiya. Dabei kopierte er faschistische Ideologien aus Europa.  mehr Informationen

Das Stammesdenken zersplittert weltweit Staaten. In einer Welt der Globalisierung sucht man das Verbindende.

Auch andere Länder und Gegenden neigen zu populistischen Führern und der eigentliche Demokratiegedanke geht wie die alte Kultur der Griechen unter. Xi Jinping will sich ebenso wie Putin und andere Herrscher langfristig installieren. Auch Afrika zersplittert sich in rivalisierende Gruppen. Besonders schlimm ist es in Republik Zentralafrika.

Martin Klingst meint in einem Beitrag, dass sich auch die EU-Staaten Schritt für Schritt in Autokratien verwandeln. Wahlsiege und parlamentarische Mehrheiten werden heute in einen absoluten Machtanspruch umgedeutet, dem sich alles andere – auch das Recht – unterzuordnen hat.

Schwierig wird es, wenn neue Machthaber, wie Erdogan,   unerwünschte Justiz, Oppositionelle und die Medien einfach wegsperrt.

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