Die Vision von Jesus

Jesus legt in der Bergpredigt einen neuen Fokus. Er will sein Reich nicht mit den Starken bauen, sondern das Augenmerk auf die Schwachen legen. Er hebt die Not nicht auf, sondern gibt darin Hoffnung. Er unterwirft nicht mit Macht, sondern wirbt in Liebe.

Die Seligpreisung von Jesus erscheint ein Paradox zu sein. Nicht die Not hört auf, aber man ist in ihr gesegnet. Es geht nicht um gesellschaftliche Stellungen, sondern um Einstellungen. Jesus fordert seine Zuhörer auf, den Blick nicht auf die Starken, sondern auf die Schwachen zu richten.

Das Leben auf der Erde ist nicht das Ziel, sondern eine Vorbereitung für die Ewigkeit. Das Reich von Jesus gibt jedem wieder Hoffnung und eine Zukunft, auch wenn eine unmittelbare Veränderung noch ausbleibt.

Gott versprach in der Thora, einen Propheten wie Mose zu senden (5. Mose 18,18). Was dieser Prophet sagt, wird normativen Wert haben (5. Mose 18,19). Jesus bringt mit der Bergpredigt eine Auslegung der jüdischen Gesetzestexte (5 Bücher Mose empfangen am Gottesberg), die zum Teil im Kontrast zu der damaligen rabbinischen Tradition steht.

Der Evangelist Matthäus hat die Predigt als einziger aufgeschrieben. Andere erwähnen nur einzelne Stichpunkte. Wie kommt das? Matthäus war mit Jesus unterwegs und ein gebildeter Zöllner (Matthäus 10,3). Er war also geübt im Lesen und Schreiben. Wir können davon ausgehen, dass er sich Notizen machte und deshalb die Bergpredigt die Zusammenfassung einer realen Predigt von Jesus ist.

Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen und predigte vom Reich Gottes. Diese Nachricht verbreitete sich über die Handelsstraßen (Via Maris) in Syrien, Galiläa, den freien Städten, in Jerusalem, Judäa und auch jenseits des Jordans (Matthäus 4,23-25).

 

Die Bergpredigt beschreibt eine Leitlinie – das Ideal. Sie ist wie die Mittellinie einer Straße. Andere Gebote beschreiben den Straßenrand. Überschreitet man diese, dann ist der Tod die Folge, sofern man nicht wieder umkehrt. Unser Leben pendelt zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit und dem Absturz. Jesus gibt uns darin neue Hoffnung.

In seiner Predigt fordert Jesus zu einem umgekehrten Denken auf.

Matthäus 5,1-12
1 Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
4 Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
5 Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
6 Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
7 Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
8 Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
9 Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
10 Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
11 Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.
12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Nach jüdischem Brauch eröffnet Jesus seine Rede mit einem Segensspruch: „Gesegnet sind die Armen im Geist, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter und Verfolgten.“

Erfolgreich in dieser Welt scheinen aber doch eher die Gelehrten, die Glückspilze, die Dominanten, die Individualisten, die am Prinzip orientierten Menschen, die Schlaumeier, die Kämpfer und die Mächtigen zu sein, die das Gegenteil von dem sind, welche Jesus erwähnt.

Jesus fordert auf, die Erfolgs-Pyramide auf den Kopf zu stellen. Anstatt das Menschen über andere herrschen, sollen sie einander zudienen. Statt einer Pyramide ist es eher das Bild eines Baumes, in dem der Stamm dem Ast und der Ast den Früchten und den Blättern zudient. Reich Gottes bedeutet freiwilliger „Abstieg“ – freiwilliges Loslassen. Einmal sagte es Jesus so: „Wenn jemand der Erste sein will, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ (Markus 9,35).

Wer freiwillig dient, der erwartet den Lohn und Dank für seinen Dienst nicht von Menschen, sondern von Gott. Das macht frei vom Gesellschaftsdruck und von Selbstrechtfertigung.

Den Menschen, die so leben, verspricht Jesus:
Eine Welt nach den Ordnungen Gottes. Paulus charakterisiert diese mit Gerechtigkeit, Friede und Freude (vgl. Römer 14,17).
Trost: Gott wird alle Tränen abwischen (vgl. Offenbarung 21,4).
Erbe: Anteil am unverweslichen/unvergänglichen Reich Gottes (vgl. 1. Korinther 15,50).
• Die Stillung aller Bedürfnisse (vgl. Johannes 4,14).
Barmherzigkeit durch den himmlischen Vater (vgl. Lukas 6,36).
Gemeinschaft mit Gott (vgl. 1. Johannes 3,2).
• Die Aufnahme als Kind Gottes (vgl. Römer 8,14, Johannes 1,12).
Vergeltung von Gott (vgl. Offenbarung 22,12).

Jesus will uns von Erwartungshaltungen von anderen Menschen befreien. Ich mache, was Jesus mir aufträgt, egal was die anderen denken.

Aus eigener Kraft werden wir das nicht schaffen. Jesus sagte einmal: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15,5).

Text: Hanspeter Obrist

2 Gedanken zu „Die Vision von Jesus“

  1. Lieber Hanspeter

    Zu Deinen Interpretationen zur Bergpredigt, habe ich noch ein paar ergänzende Gedanken, die ich Dir weiter gebe.

    Mit Jesus (Reich Gottes) ist eine neue Zeit angebrochen. Das Leben zu leben muss deshalb neu buchstabiert werden. In der Bergpredigt sagt uns Jesus wie dieses neue Leben „richtig“ gelebt werden kann. Dabei sind die Seligpreisungen eine Zusammenfassung die uns erklärt, in welcher Haltung ich das Gute des Lebens für mich beanspruchen kann, oder eben, wie ich das Leben richtig lebe, bzw. wie ich vom Leben (Gott) beschenkt werden kann. „Selig sind“ sind ja sogenannte Makarismen, habe ich auf Chrischona gelehrt, die eigentlich bedeuten „zu gratulieren ist…“ oder frei übersetzt, Erfolg hat… Ich sehe darin eine eigentliche Anleitung zu einem erfüllten Leben.

    Betr. Starke und Schwache
    Jesus spielt die Starken und die Schwachen nicht gegeneinander aus. Die „Erfolgreichen dieser Welt“ sind vielleicht stark, weil sie ihre schwachen Phasen überwunden haben und damit zur Stärke gelangt sind. Wir können nicht unsere Mitmenschen als Starke oder Schwache beurteilen, oder schon gar nicht selbstgenügsam sein, weil Gott scheinbar nur die Schwachen segnet. Ich denke Stärke kommt dann aus der Schwachheit, wenn ich in meinem Leben Geduld, Zuversicht und Hoffnung aufbringe , wo ich kaum mehr Hoffnung sehe und der Sinn zu schwinden droht. Damit wird Schwachheit zur Stärke, wenn ich trotz Widerstände dran bleibe, weiter mein Ziel verfolge und nicht zurück schaue. Ich meine, bei schwach oder stark geht es nicht nur um „Gelehrte, Glückspilze, Dominante“ etc., es geht, wie in der ganzen Bergpredigt, um die (neue) Haltung und Ausrichtung im Blick auf meine Aufgaben und Ziele. Ich werde gesegnet, wenn ich im Vertrauen zu meinem Gott meine momentane Schwachheit aushalte, das nötige Ziel im Auge behalte um nicht aufzugeben. Das ist der Weg zum „Glückspilz“, der im 23 Psalm folgend beschrieben wird: „und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir“. Ich glaube nicht, dass Reich Gottes freiwilliger Abstieg bedeutet. Im guten Sinne kann ich Reich Gottes auch mit Erfolg gleich setzen (leider ist dieser Begriff bei einigen Christen verpönt). Reich Gottes lebt auch und erst recht vom Erfolg, bzw. vom Segen. Aber dieser Weg zum Ziel kann scheinbare Sinnlosigkeit, Rückschläge, Krankheit etc. beinhalten. Es gilt im Reich Gottes, die „Pyramide“ in dem Sinne auf den Kopf zu stellen, dass ich mich im Vertrauen und in einer hoffnungsvollen Ausrichtung den Schwachheiten um mich herum stelle, um so gesegnet zu werden. Jesus war eigentlich eine starke Persönlichkeit, hat aber die allergrösste Schwachheit, im Blick auf seine Passion, am Kreuz ausgehalten, nur so konnte es Ostern werden! Ich nenne es das Karfreitags Prinzip.

    Diese Gedanken kamen mir beim Lesen Deines Berichtes. Mir ist auch bewusst geworden, dass übliche Auslegungen nicht immer unbedingt treffsicher sind und meine Gedanken auch nur einen Teilaspekt, jedoch kein unwesentlicher, aufzeigen.

    Damit wünsche ich Dir alles Gute und viel Erfolg bzw. Gottes Segen!

    Martin Hoch

    1. Hallo Martin
      Das mit dem Abstieg scheinst du nicht verstanden zu haben. Ich schrieb: „Anstatt das Menschen über andere herrschen, sollen sie einander zudienen. Statt einer Pyramide ist es eher das Bild eines Baumes, in dem der Stamm dem Ast und der Ast den Früchten und den Blättern zudient. Reich Gottes bedeutet freiwilliger „Abstieg“ – freiwilliges Loslassen. Einmal sagte es Jesus so: „Wenn jemand der Erste sein will, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ (Markus 9,35).“ Es ist ein Abstieg in der Hierarchie-Pyramide, in eine dienende Haltung. Im Bild vom Baum, wer im Reich Gottes wirkt, wird, Ast, Stamm, der dem anderen zudient. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit Stärke, indem man dem anderen (auch dem Schwachen von dem man nichts zurückerhält) zudient.
      Herzliche Grüße
      Hanspeter

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