Die Vision von Jesus

Gott versprach in der Thora, einen Propheten wie Mose zu senden (5. Mose 18,18). Was dieser Prophet sagt, wird normativen Wert haben (5. Mose 18,19). Jesus bringt mit der Bergpredigt eine Auslegung der jüdischen Gesetzestexte (5 Bücher Mose), die zum Teil im Kontrast zu der damaligen rabbinischen Tradition steht.

Der Evangelist Matthäus hat die Predigt als einziger aufgeschrieben. Andere erwähnen nur einzelne Stichpunkte. Wie kommt das? Matthäus war mit Jesus unterwegs und ein gebildeter Zöllner (Matthäus 10,3). Er war also geübt im Lesen und Schreiben. Wir können davon ausgehen, dass er sich Notizen machte und deshalb die Bergpredigt die Zusammenfassung einer realen Predigt von Jesus ist.

Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen und predigte vom Reich Gottes. Diese Nachricht verbreitete sich über die Handelsstraßen (Via Maris) in Syrien, Galiläa, den freien Städten, in Jerusalem, Judäa und auch jenseits des Jordans (Matthäus 4,23-25).

In seiner Predigt fordert Jesus zu einem umgekehrten Denken auf.

Matthäus 5,1-12
1 Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
3 Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
4 Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
5 Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
6 Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
7 Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
8 Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
9 Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen.
10 Glückselig die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
11 Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.
12 Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren.

Nach jüdischem Brauch eröffnet Jesus seine Rede mit einem Segensspruch: „Gesegnet sind die Armen im Geist, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter und Verfolgten.“

Erfolgreich in dieser Welt scheinen aber doch eher die Gelehrten, die Glückspilze, die Dominanten, die Individualisten, die am Prinzip orientierten Menschen, die Schlaumeier, die Kämpfer und die Mächtigen zu sein, die das Gegenteil von dem sind, welche Jesus erwähnt.

Jesus fordert auf, die Erfolgs-Pyramide auf den Kopf zu stellen. Anstatt das Menschen über andere herrschen, sollen sie einander zudienen. Statt einer Pyramide ist es eher das Bild eines Baumes, in dem der Stamm dem Ast und der Ast den Früchten und den Blättern zudient. Reich Gottes bedeutet freiwilliger „Abstieg“ – freiwilliges Loslassen. Einmal sagte es Jesus so: „Wenn jemand der Erste sein will, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ (Markus 9,35).

Wer freiwillig dient, der erwartet den Lohn und Dank für seinen Dienst nicht von Menschen, sondern von Gott. Das macht frei vom Gesellschaftsdruck und von Selbstrechtfertigung.

Den Menschen, die so leben, verspricht Jesus:
Eine Welt nach den Ordnungen Gottes. Paulus charakterisiert diese mit Gerechtigkeit, Friede und Freude (vgl. Römer 14,17).
Trost: Gott wird alle Tränen abwischen (vgl. Offenbarung 21,4).
Erbe: Anteil am unverweslichen/unvergänglichen Reich Gottes (vgl. 1. Korinther 15,50).
• Die Stillung aller Bedürfnisse (vgl. Johannes 4,14).
Barmherzigkeit durch den himmlischen Vater (vgl. Lukas 6,36).
Gemeinschaft mit Gott (vgl. 1. Johannes 3,2).
• Die Aufnahme als Kind Gottes (vgl. Römer 8,14, Johannes 1,12).
Vergeltung von Gott (vgl. Offenbarung 22,12).

Die Seligpreisung von Jesus erschein ein Paradox zu sein. Nicht die Not hört auf, aber man ist in ihr gesegnet.

Es geht nicht um gesellschaftliche Stellungen, sondern um Einstellungen.

Jesus will uns von Erwartungshaltungen befreien. Ich mache, was Jesus mir aufträgt, egal was die anderen davon denken.

Aus eigener Kraft werden wir das nicht schaffen. Jesus sagte einmal: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15,5).

Jesus fordert seine Schüler auf, den Fokus nicht auf die Starken, sondern auf die Schwachen zu richten.

Das Reich von Jesus gibt jedem wieder Hoffnung und eine Zukunft, auch wenn eine unmittelbare Veränderung noch ausbleibt.

Text: Hanspeter Obrist

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