Die etwas andere Reformation in der Schweiz

Zwingli wollte die Kirche nicht reformieren, sondern vom Diktat befreien.  (Zum Reformationssonntag 5. November 2017)

Das enge Verhältnis Zürichs zu Rom  begründete sich vor allem durch das Bedürfnis der Päpste nach eidgenössischen Söldnern.

Deshalb liess sich der päpstliche Legat Matthäus Schiner vorübergehend in Zürich nieder, womit die Stadt vorübergehend zum Zentrum der päpstlichen Politik nördlich der Alpen wurde. Noch 1514 sicherte der in der Stadt lebende päpstliche Gesandte denjenigen, die alle sieben Kirchen Zürichs besuchten, den gleichen Ablass zu wie den Besuchern der sieben Hauptkirchen Roms.

Am Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert war das Reislaufen für Zürich und die ganze Eidgenossenschaft das grösste politische und wirtschaftliche Problem. Einerseits profitierte zwar der Staat finanziell vom Handel mit Söldnern, andererseits führte die mit diesem Wirtschaftszweig einhergehende Korruption, der Bevölkerungsverlust und der moralische Niedergang zu unübersehbaren Missständen.

Zürich setzte sich deshalb bereits 1508 vergeblich an der Tagsatzung der Eidgenossenschaft dafür ein, die individuelle Verdingung zum Solddienst sowie den Abschluss privater Verträge für Söldnerheere zu verbieten. Nach schweren Verlusten der Zürcher Truppen in der Schlacht von Novara 1513 und der Niederlage der Eidgenossen bei Marignano 1515 vergrösserte sich die Zahl der Kritiker am Söldnerwesen noch einmal. Deshalb wurde 1518 Ulrich Zwingli, ein bekannter Kritiker des Söldnerwesens, als Gemeindepfarrer ans Grossmünster berufen.    mehr Informationen  

Ulrich Zwingli selbst war zuerst ein Verfechter der Söldnerdienste. Er nahm als Feldprediger von 1512 bis 1515 an den Feldzügen der Italienischen Kriege teil, insbesondere an der Schlacht bei Marignano, den die Glarner für den Papst gegen die Franzosen in der Lombardei führten.

In der glarnerischen und eidgenössischen Politik wurde Anfang des 16. Jahrhunderts heftig gestritten, ob mit dem Papst, dem Kaiser oder mit den Franzosen zusammengearbeitet werden sollte. In Glarus ging es konkret vor allem darum, in wessen Dienste die jungen Glarner als Söldner treten sollten. Zwingli stellte sich stets auf die Seite des Papstes. Zwingli, der als Feldgeistlicher der etwa 500 Schweizer Soldaten dabei war, mahnte in einer Predigt am 7. September 1515 in Monza zur Einigkeit. Im Oktober 1515, nach der für die Schweizer vernichtenden Niederlage gegen die Franzosen in der Schlacht bei Marignano, endete die eidgenössische Grossmachtpolitik. Zwingli unterstützte weiterhin den Papst. In Glarus wie auch in der Eidgenossenschaft schlug die Stimmung aber zugunsten der Franzosenpartei um. Zwingli wurde deshalb 1516 für drei Jahre beurlaubt.

Er trat am 14. April 1516 im berühmte Wallfahrtsort im Marien Kloster Einsiedeln als Leutpriester eine Stelle an. Angesichts der dortigen Missbräuche der Volksfrömmigkeit begann er, gegen Wallfahrten und andre Missbräuche wie den seit 1518 in der Schweiz wirkenden päpstlichen Ablassprediger Bernhardin Sanson zu predigen. Zu gleicher Zeit trat Zwingli aber auch aufgrund seiner Erfahrungen beim Italienfeldzug gegen die Demoralisation des Volkes durch das so genannte Reislaufen an, wie die Kriegsdienste der Schweizer in fremdem Sold damals genannt wurden.

Da die Zürcher Regierung wie auch Zwingli gegen das Söldnerwesen war, verschaffte ihm diese Haltung das einflussreiche Amt als Leutpriester am Grossmünsterstift in Zürich, das er am 1. Januar 1519 antrat.

Ab 1525 waren die Reformation und die Reform des Gottesdienstes in Zürich abgeschlossen. Es wurde das Abendmahl in beiderlei Gestalt in Gedächtnis gefeiert. Bilder, Messen und Zölibat waren abgeschafft, und es gab eine geregelte Armenfürsorge. Angehende Theologen mussten Bibelexegese lernen und die gewonnenen Ergebnisse in deutschen Predigten dem Volk vortragen. Dadurch wurden die Theologen geschult, und das Volk sollte in der Bibel verwurzelt werden.

In enger Zusammenarbeit mit Leo Jud übersetzte Zwingli zwischen 1524 und 1529 die Bibel in die eidgenössische Kanzleisprache. Diese Übersetzung ist heute als die «Zürcher Bibel» bekannt. Sie schlossen die komplette Neuübersetzung aus dem Griechischen und Hebräischen fünf Jahre vor Luthers Bibelübersetzung ab. Die Zürcher Bibel ist somit die älteste protestantische Übersetzung der gesamten Bibel. Das Werk wurde zwischen 1524 und 1529 von Christoph Froschauer gedruckt.

Während Luther den Ablasshandel und andere Missstände in der Kirche, die seinem Verständnis der Bibel widersprachen, entfernen wollte, akzeptierte Zwingli in seiner neuen Kirche nur das, was ausdrücklich in der Bibel stand.  mehr Informationen  

Damit hat sich der lebensfrohe Zwingli von dem Diktat von Rom befreit. Die Zürcher Reformation war eine Reformation der Stadt, wo der Stadtrat, vom Volk oder von den Zünften gewählte Leute, die Reformation beschlossen haben. Der Rat wollte zwar seinen Rat stets hören, meistens aber wurden seine Vorschläge noch geändert – wenn sie überhaupt akzeptiert wurden. Dafür musste Zwingli Argumente bringen und überzeugen, und dies tat er nicht allein, sondern im Austausch und in Verbindung mit Kollegen und Mitstreitern.

Zwingli hat auch keine Täufer ertränkt, er hatte kein politisches Mandat, sie zu verurteilen, ja er hat sie sogar lange verteidigt. Es war der Rat, die politische Behörde, die in den notorisch ungehorsamen Täuferpredigern eine Gefahr sah und schliesslich einige hinrichtete, über 250 Jahre bevor so etwas wie Religionsfreiheit erstmals propagiert wurde.

Zwingli träumte von einem Bündnis aller, die sich gegen das Diktat von Rom wehren wollten. Entäuschend war, dass er und Luther sich wegen der Frage des Abendmahls nicht einigen konnten, wobei das eher ein Ausdruck der Unterschiedlichkeit war. Luther wollte die Kirche reformieren, Zwingli sich von Rom lösen.

Als Zwingli 1531 auf dem Schlachtfeld starb, war sein Reformationswerk in Zürich noch nicht gefestigt. Den Grund zu einer freien, dem Evangelium und dem Gewissen verpflichteten christlichen Existenz hat erst sein Nachfolger gelegt. Heinrich Bullinger (1504–1575) stand fast ein halbes Jahrhundert lang der Zürcher Kirche vor. Er bemühte sich zeitlebens um ein friedliches Miteinander von Christen verschiedener Konfessionen, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa, und gilt als „Vater der reformierten Kirche“. mehr Informationen

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