Der Glaube von Juden, Christen und Muslimen ähnelt sich – zugleich gibt es aber auch Unterschiede

Die sogenannte „Goldene Regel“ ist sowohl bei Juden und Christen als auch bei Muslimen bekannt; jedoch wird sie in den drei Religionen unterschiedlich definiert:

Im Judentum heißt sie: „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun.“ (Rabbi Hillel, Sabbat 31a). Sie hat ihre Basis im 3. Mose 19,18: „Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“

Im Islam gilt der folgende Satz: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.“ (Hadithe, Nawawi, 13). Der dazu gehörende Koranvers ist Sure 48,29: „Diejenigen, die mit ihm gläubig sind, sind den Ungläubigen gegenüber heftig, unter sich aber mitfühlend.“

Jesus legt 3. Mose 19,18 so aus: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12).

Im ersten Moment erscheinen diese drei Aussagen sehr ähnlich. Doch genauer betrachtet gibt es durchaus einige Unterschiede. So gilt die Regel im Islam nur unter Muslimen. Gegenüber den Kufar (Ungläubigen) verhält man sich anders. Die goldene Regel der Juden beschränkt sich nur auf das Schaden-Zufügen. Jesus dagegen ist proaktiv. Er spricht nicht nur vom Unterlassen, sondern davon, über seinen eigenen Schatten zu springen und aktiv das zu tun, was wir uns selbst wünschen.

Klarer kommen diese Unterschiede zum Ausdruck, wenn es um den Umgang mit Feinden geht. Jesus ist revolutionär und verlangt: „Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid“ (Matthäus 5,44-45). Jesus bezeichnet die Liebe für den, der mir gegenüber feindlich gesinnt ist, als das Markenzeichen des himmlischen Vaters.

Mohammed dagegen sagt: „Kämpft gegen sie, bis niemand mehr versucht, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen, und bis nur noch Allah verehrt wird!“ (Sure 2, 193).

In den Sprüchen rät Salomo den Juden: „Freue Dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück.“ (Sprüche 24,17) und „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser. So wirst Du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln und Gott wird´s Dir vergelten!“ (Sprüche 25,21). In den Schriftrollen von Qumran werden die Gemeindeglieder verpflichtet, „alle Söhne des Lichtes zu lieben, […], aber alle Söhne der Finsternis zu hassen, jeden nach seiner Verschuldung in Gottes Rache“. Jesus bezog sich in der Bergpredigt auf diese Tradition (Matthäus 5,43), als er das Gegenteil empfahl. Nachdem alle Versuche einer friedlichen Existenz mit dem Feind gescheitert sind, rät der jüdische Talmud: „Töte, bevor du getötet wirst.“

Die Angehörigen aller drei Religionen können auf geschichtliche Erfahrungen mit ihrer Goldenen Regeln zurückblicken. Die Juden mussten erleben, dass ihr Pazifismus sie nicht vor dem Holocaust rettete. Christliche Herrscher führten im Namen des Kreuzes Kriege, obwohl Jesus etwas anderes gebot. Seit dem Tod Mohammeds bekämpfen sich die unterschiedlichen muslimischen Richtungen, indem sie sich gegenseitig den rechten Glauben absprechen.

Gegenseitig Respekt zu üben indem man Unterschiede nicht ignoriert, aber persönliche Entscheidungen respektiert, ist die Herausforderung, vor der wir in unserer multikulturellen Gesellschaft stehen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dem anderen zuzuhören, wenn er erklärt, wie er seinen Glauben selbst versteht. Oft weicht der persönliche Glaube eines Menschen von der allgemeinen Lehrauffassung ab. Christen neigen dazu, das Judentum durch biblische Geschichten zu interpretieren und ignorieren dabei, dass sich Christentum und Judentum weiterentwickelt haben.

Vielleicht gelingt es uns, auch die positiven Seiten der anderen Religion zu sehen und sie darin zu respektieren:

Muslime glauben an einen Gott. Für sie hat Gastfreundschaft einen hohen Stellenwert. Bei ihnen sind die sozialen Strukturen stärker, was positive wie auch einschränkende Folgen haben kann.

Juden fokussieren sich auf Weisheit. Beliebt sind zum Beispiel die Rabbigeschichten, in denen Lebensweisheiten vermittelt werden. Literatur, Kunst und Wissenschaften werden überdurchschnittlich stark von Juden geprägt.

Christen haben dagegen ein ausgeprägtes Verständnis für individuelle Freiheit, persönliches Eigentum und Normen. In Europa entstand so eine Normkultur (vgl. Euronorm und Qualifikationen). In den meisten anderen Teilen der Welt herrscht jedoch eine Beziehungskultur. Solche Unterschiede gilt es wahrzunehmen und darauf differenziert zu reagieren. Während man sich in Europa an Normen hält, würde man in anderen Kulturen alles dafür tun, damit die Ehre nicht verletzt wird.

In einer multikulturellen Welt, in der wir zahllose neue Möglichkeiten des weltweiten Gedankenaustausches und des Reisens haben, sind wir herausgefordert, uns mit anderen Kulturen und Religionen auseinanderzusetzen, uns persönlich zu entscheiden was wir glauben wollen, Religion nicht mehr als Tabuthema zu behandeln, unsere eigenen Überzeugungen zu artikulieren und uns nicht einfach von anderen bestimmen zu lassen.

Text: Hanspeter Obrist

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2 Gedanken zu „Der Glaube von Juden, Christen und Muslimen ähnelt sich – zugleich gibt es aber auch Unterschiede“

  1. In der Nachkommenschaft Abrahams galt dieselbe Ordnung. Es wurde aber verdreht von Lehrern. Den fremden goym darf man betrügen?! Der Angekündigte stellte es wieder grade.

    Fazit: es ist genau umgekehrt wie in der Darstellung oben, un weit ist die „Normgesellschaft“ abgedriftet.

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