Der geheimnisvolle Gast von Abraham

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? (1.Mose 18,14)

Dem Abraham erschien Gott mehrmals (1.Mose 12,7 / 15,1 / 17,1 / 18,1). Abraham hörte Gott nicht nur, sondern er sah auch etwas. In 1.Mose 18 wird uns am meisten dazu geschildert: Zu Abraham kamen drei Männer. Zwei davon gingen später nach Sodom. Sie werden in 1.Mose 19,1 als zwei Engel identifiziert. Vor dem dritten Mann blieb Abraham stehen. Dieser Mann wird mit dem Gottesnahmen (JHWH) bezeichnet (1.Mose 18,22).

Ist es möglich, dass Gott in Gestalt eines Menschen erscheint? Kein Mensch kann Gott werden, doch kann Gott Mensch werden?

„Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ (1.Mose 18,14).

Gott erscheint in der jüdischen Bibel den Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Oft wird diese Erscheinung nicht näher beschrieben. An anderen Stellen finden wir eine Beschreibung dessen, was die Menschen sahen: Als Gott dem ganzen Volk Israel erschien, kam er im Feuer (2.Mose 19,18) und in einer Wolke (2.Mose 19,16; 20,21) herab. Manchmal wird die Erscheinung auch „Bote des Herrn“ genannt, so zum Beispiel beim Feuerbusch (2.Mose 3,2). Und in 1.Mose 18 erscheint Gott (JHWH) dem Abraham als der dritte Mann.

Als Jesus mit den Schriftgelehrten sprach, fragten ihn diese: „Du hast Abraham gesehen?“ (Johannes 8,57). Zuvor hatte Jesus gesagt: „Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah und freute sich“ (Vers 56). Für die Zuhörer war klar, dass Jesus damit sagen wollte, dass er der dritte Mann gewesen sei, der Abraham erschien und der mit Gott (JHWH) bezeichnet wird. Deshalb wollten sie Steine nach ihm werfen, denn sie empfanden das als Gotteslästerung.

Mose sprach mit Gott, wie man mit einem Freund spricht (2.Mose 33,11), und dennoch hat Mose Gott in seiner Herrlichkeit nie gesehen. Gott sagte zu ihm: „Du kannst es nicht ertragen, mein Angesicht zu sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (2. Mose 33,20).

Aufgrund dieses Verses ist es verständlich, dass die meisten Menschen denken, es sei unmöglich, Gott zu sehen. Doch die Tatsache, dass Menschen Gott normalerweise nicht sehen, bedeutet nicht, dass Gott überhaupt nicht gesehen werden kann. Sollte Gott etwas unmöglich sein?

Der Grund, warum wir Gott nicht sehen können, liegt nicht bei Gott, sondern in unserer von Gott losgelösten Natur.

Immer wenn Gott Menschen erscheint, tut er es deshalb in einer Person, die als Mann oder Bote (Engel des HERRN / JHWH) beschrieben wird. Gott begegnet den Menschen in einer Form, die sie wahrnehmen können.

Abraham läuft dem Besucher entgegen und fällt vor ihm nieder (1.Mose 18,2). Das ist nicht die übliche beduinische Gastfreundschaft. Vielmehr erkennt Abraham den Gott-Menschen und bittet ihn, nicht weiterzuziehen (Vers 3). Üblich wäre gewesen, dass der Gast um Bleiberecht bittet und der Herr des Hauses entscheidet, wie lange er bleiben darf – auf eine Tasse Kaffee, für drei Nächte oder wird er als Teil der Familie aufgenommen.

Für Abraham ist klar, dass er mit dem Gott spricht, den er bereits kennt. Der besondere Mann wird in dieser Geschichte viermal mit dem Namen Gottes (JHWH) bezeichnet (2.Mose 18,1.17.22.33)

Hier lesen wir also etwas Erstaunliches: Gott kann menschliche Gestalt annehmen. „Warum sollte Gott etwas unmöglich sein?“ Kein Mensch kann Gott werden, doch Gott kann Mensch werden. In 1.Mose 18 erleben wir eine radikale Darstellung der Fleischwerdung Gottes: Er isst das von Abraham zubereitete Essen. Die Männer sind also keine Geisteserscheinung, sondern echte Menschen.

Und deshalb entstand in Johannes 8 die ganze Aufregung um Jesus. Wenn Abraham Jesus getroffen und gesehen hat, dann muss Jesus der Gott-Mensch gewesen sein. Die Reaktion der Zuhörer entspricht genau dieser Erkenntnis. Warum sonst sollten sie so aufgeregt reagieren und Jesus sogar steinigen wollen?

In Jesus begegnet uns der unsichtbare Gott. In ihm offenbarte sich Gott den Menschen durch alle Zeiten. Und daher sagte Jesus zu den Schriftgelehrten: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Johannes 8,58).

Jesus bezeichnet Gott in seiner Herrlichkeit als den himmlischen Vater. Und da sich Jesus während seines irdischen Lebens freiwillig auf die menschlichen Möglichkeiten beschränkte, war er während dieser Zeit ganz von der Leitung des Heiligen Geistes und vom himmlischen Vater abhängig. „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“ (Philipper 2,8). Jesus hat vorgelebt, was möglich wäre, wenn ein Mensch sich zu 100 Prozent Gott anvertrauen würde.

Im Menschen Jesus offenbart sich Gott. Jesus hat nicht eine Offenbarung von Gott bekommen, sondern ist selbst die Offenbarung Gottes.

Abraham erkannte, dass Gott vor ihm stand und sagte: „Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber“ (1.Mose 18,3).

Wäre es nicht schön, wenn auch wir Gottes Besuch unter uns nicht ignorieren würden?

Text: Hanspeter Obrist, Februar 2017

Bild: Mosaik (Abraham und die Engel. Santa Maria Maggiore, Rom. Anfang 5. Jh.)

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Siehe auch:

Jesus in der jüdischen Bibel
Abel – Der getötete Gottesknecht
Noah – Das Vertrauen in Gott hat ihn gerettet
Melchisedek – König der Gerechtigkeit
Der geheimnisvolle Gast von Abraham
Abrahams eigenartiger Opfergang
Jakobs Himmelsleiter
Jakobs Wende und neue Identität
Josef – Modell des Christusweges

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