Das muslimische Kopftuch

Nach Schätzungen wird das Kopftuch von einem Drittel aller Musliminnen in Deutschland getragen. Manche verstehen das Kopftuch als Symbol religiösen Lebens nach strengen moralischen Werten. Andere wollen damit nur ausdrücken, dass sie an Gott glauben. Daneben gibt es eine Minderheit, die mit dem Kopftuch ihre islamistische Grundhaltung zeigt und ein deutliches Signal gibt: Abschottung. Ein Kopftuch kann für eine religiöse Überzeugung stehen, es kann aber auch ein Zeichen sein für Unfreiheit und patriarchalische Zwänge.

Das Kopftuch soll muslimische Mädchen und Frauen vor zudringlichen Blicken schützen. Sie sollen vor der Ehe keusch sein und in der Ehe treu. Religiöse Muslime lesen aus der 33. Sure des Korans das Kopftuchgebot für die Frau heraus: „Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie austreten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und daraufhin nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu vergeben.“ Hinzu kommt die Sure 24, in der es heißt, dass Frauen ihren Schmuck nicht öffentlich zeigen sollen.

Viele Mädchen werden von ihren Vätern und Brüdern gezwungen, das Kopftuch anzulegen. Nach außen ist das Stück Stoff der befohlene Schutz vor fremden Blicken. Nach innen gewendet, bietet es den jungen Frauen erst die Möglichkeit, sich überhaupt im öffentlichen Raum zu zeigen. Sonst würde die Familie sie gar nicht aus dem Haus lassen.

Viele muslimische Mädchen sind heute selbst daran interessiert, per Kopftuch ihre religiöse Identität zu betonen – sie inszenieren ihre Religiosität geradezu. Schulen machen seit einigen Jahren die Erfahrung, dass sich Jugendliche aus muslimischen Familien von der westlichen Gesellschaft mehr und mehr abwenden. Für diese Jungen und Mädchen ist Islam jung, schick, cool. Die Religion ist zu einer Art Modebewegung geworden – zum Protest gegen die westliche Gesellschaft.

Die Bandbreite zwischen brutaler Unterdrückung der Frau, Zwangsverhüllung, neuem weiblichen Selbstverständnis und Streben nach Individualisierung ist groß. Kein Außenstehender vermag mit Sicherheit zu deuten, warum eine muslimische Frau sich heute bedeckt.

Die Feministin Alice Schwarzer bezeichnet das Kopftuch als „Symbol der Separierung” und als „Flagge der islamistischen Kreuzzügler”. Menschenrechtler bestätigen diese Auffassung und beurteilen das Kopftuch – gerade im Hinblick auf islamische Gesellschaften wie in Saudi-Arabien oder im Iran – als Symbol weiblicher Unterdrückung.

Viele Musliminnen und auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland betonen dagegen die „Freiwilligkeit” des Kopftuches. Schirin Ebadi, die betont: „Wer das Tuch aus rein persönlichen Gründen trägt, also nicht missionieren will, sollte das dürfen”.

In der islamischen Welt uneins darüber, ob und in welcher Form der Koran von den Frauen verlangt, sich in der Öffentlichkeit zu verhüllen. In vielen Migrantenfamilien wird ein enormer sozialer Druck auf die Frauen ausgeübt. Ehen werden arrangiert, Frauen und Mädchen von Vätern, Brüdern oder Onkeln gezwungen, ein Kopftuch zu tragen. Man schlägt sie, verbietet ihnen, allein das Haus zu verlassen. Wie viele muslimische Frauen und Mädchen unter dem Deckmantel eines religiös begründeten Patriarchats gefangen gehalten werden, weiß niemand.

Als problematisch in der Kopftuchfrage gilt, dass viele Muslime kein Arabisch verstehen und daher auf Interpretationen des Korans angewiesen sind, also keinen Zugang zur eigentlichen religiösen Lehre haben. Der Schleier wird traditionell von Frauen und Mädchen nach der Geschlechtsreife außerhalb des Hauses und in Anwesenheit von fremden Männern getragen. Der Koran enthält keine Hinweise auf ein Verschleierungsgebot, doch sollen die Frauen ihre Reize nicht offen zur Schau stellen (Sure 24, Vers 31) und sich in ihren Überwurf hüllen (Sure 33, Vers 59), damit sie nicht belästigt werden.

Die Verschleierung wurde vermutlich seit dem 9. Jh. allgemein üblich und erreichte ihren Höhepunkt im 16. Jh. Diese Entwicklung war mit einem zunehmenden Ausschluss der Frauen aus der Öffentlichkeit verbunden.

Vertreter des Reformislams und Frauenrechtlerinnen wenden sich unter Verweis auf das Fehlen entsprechender Vorschriften im Koran gegen die Verschleierung, in der sie ein Symbol der Rückständigkeit und der Unterdrückung der Frau sehen. Die Befürworter des Schleiers verstehen ihn als Ausdruck von Bescheidenheit und Anstand, Schutz der persönlichen Würde sowie als Merkmal kultureller Eigenständigkeit.7

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