Das Menschenbild in der Wirtschaft

Gedankenanstoß vom Unternehmungsberater Reinhard Sprenger zur heutigen Führungskultur

Angestellte in größeren Unternehmen werden heute pausenlos befragt, vermessen, gesteuert, optimiert und fürsorglich belagert. Dadurch gehen Frei- und Spielräume verloren. Das unternehmerische Handeln wird erstickt. Viele Unternehmen sind dermaßen zugepackt mit Erniedrigungsbürokratie, dass die einzelnen Mitarbeiter kaum mehr atmen, geschweige denn etwas Eigenständiges schaffen können.

Die Manager kämpfen zu 90 Prozent ihrer Zeit mit Problemen, die sie selber geschaffen haben. Deshalb ist die Frage elementar, was wir weglassen und abschaffen sollten, um fit zu sein für die Wirtschaft.

Ich plädiere für ein Menschenbild «Anstand durch Abstand». Es geht mir um das Verhältnis von Nähe und Distanz, von Aktivität und Gelassenheit, Eigenverantwortung, Stolz, Ehre und Würde. Wenn man ein anständiges Unternehmen will, dann ist es eine der edelsten Aufgaben einer Führungskraft, vieles von dem wegzulassen, was heute als unverzichtbar gilt. Wer an Höhe gewinnen will, muss Ballast abwerfen.

Heute wird der Mitarbeiter vordergründig unterstützt, tatsächlich aber bevormundet. Der Manager ist ein Differenzgenerator. Die Differenz rechtfertigt seine Aktivität. Er beginnt an den Leuten rumzuschrauben, weil er glaubt, der Mensch als weicher Faktor sei am leichtesten zu beeinflussen. Er versucht dem Mitarbeiter Motivation einzuimpfen, ohne die demotivierenden Rahmenbedingungen zu erkennen.

Ein Beispiel ist der Feedback-Boom. Muss ich mir permanent von irgendwem sagen lassen, was er von mir hält? Mitarbeiter lernen, sich so zu verhalten, dass sie gutes Feedback bekommen und werden zu angepassten Menschen. Doch wir sollten die Menschen nicht für ihre Konformität belohnen, sondern für ihre Initiative.

Es braucht den permanenten Dialog. Doch wird ein Zielsystem eingeführt, dann geht es nicht mehr darum, eine Aufgabe zu erfüllen, sondern ein Ziel zu erreichen. Die Aufgabe wird zum Mittel, das Ziel wird zum Zweck. Das ist die systematische Erzeugung von Sinnlosigkeit. Das Führen mit Zielen lädt zu kurzfristigem Aktionismus ein, läuft meist auf entwürdigende Ziel-Diktate hinaus, verengt die Verantwortung auf individuelle Ziele und macht damit Kollegen zu Gegnern. Zusammenarbeit sieht anders aus.

Warum sollen diese Angestellten sich nicht von selber äußern, sondern genötigt werden, zu antworten? Was ist das für ein Menschenbild und was für eine Unternehmenskultur, wenn die Wahrheit nur auf Aufforderung und unter dem Deckmantel der Anonymität geäußert werden darf?

Ich wünsche mir eine Arbeitswelt, in der Begriffe wie Vertrauen, Respekt, Eigeninitiative, Unternehmertum und eben Anstand wieder ernst genommen werden.

Reinhard Sprenger wohnt in Winterthur. Seit 1990 ist er als Referent, Buchautor und Unternehmensberater tätig. Er schrieb Bestseller wie «Mythos Motivation» und «Radikal führen» und zuletzt «Das anständige Unternehmen». mehr Informationen

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