Das iranische Roulette

Man kann sich Israel auch als glückliches Land vorstellen. Das ehemalige Entwicklungsland im Nahen Osten hat die Wirtschaftskrise gut überstanden, hat eine beneidenswert niedrige Arbeitslosenrate, weist robuste Wachstumszahlen auf und hat Europa beim Pro-Kopf-Einkommen fast erreicht.

Es verfügt heute über eine der härtesten Währungen der Welt und über eine der innovativsten High-Tech-Szenen. Wenn, ja wenn da nicht die lieben Nachbarn wären. Und ein Teil der Bevölkerung, der sich weder an den Verteidigungs- noch Steuerlasten beteiligt und auch sonst kaum etwas zur boomenden Wirtschaft beiträgt.

Jedes Jahr kommen bei der Sicherheitskonferenz in Herzlija Experten aus der ganzen Welt zusammen und messen die Temperatur der Nahostregion. Und die ist diesmal besonders hoch. Die Israelis sehen sich eingekreist von einer islamistischen Welle, die immer mehr arabische Länder erfasst.

Dazu kommt das iranische Atombombenprogramm, das, so viele Fachleute, in diesem Jahr in die entscheidende Phase eintritt.

Libanon und Gaza sind zu den größten Waffenlagern geworden, die man je gesehen hat. Jeder Teil Israels wird inzwischen von Raketen bedroht. Und die Israelis haben besonderen Respekt vor den Antitank-Raketen der Terroristen, die inzwischen „präzise aus einer Distanz von 6 Kilometern“ treffen könnten.

Der Leiter des Militärgeheimdienstes, Aviv Kochavi, sagt, dass Israels Feinde inzwischen über 200.000 Raketen verfügten. Die meisten davon hätten nur eine Reichweite von etwa 40 Kilometern, einige tausend könnten aber mehrere 100 Kilometer weit fliegen.

Besonders im Südlibanon seien Waffenlager und Raketenstartplätze massenhaft in Wohnhäusern eingerichtet worden, was Israel im Falle eines Krieges vor schwierige Herausforderungen stellen würde.

Neben einer Konfrontation mit irregulären Kräften muss Israel sich aber nun auch im Süden wieder auf eine Konfrontation mit einer großen regulären Armee vorbereiten. Denn wer weiß schon, ob die Islamisten in Kairo am Friedensvertrag festhalten werden. Ohnehin ist die Sinai-Halbinsel schon so etwas wie eine gesetzlose Region geworden, mit Radikalen von Hamas oder al-Qaida.

Letztlich können die Israelis nur zuschauen, wie sich um sie herum das Drama der arabischen Revolutionen entfaltet. Beeinflussen können sie diese Entwicklungen nicht.

Kaum ein Thema hält die Sicherheitsexperten aber so in Atem wie der Iran, den Peres als eins der „moralisch korrumpiertesten Regime der Welt“ bezeichnet. In Herzlija gab es einerseits viel Lob für das europäische Öl-Embargo, andererseits große Skepsis, ob das Teheran umstimmen wird, wenn es nicht gleichzeitig mit einer glaubwürdigen militärischen Drohung verbunden ist.

Diese lieferte denn auch prompt Verteidigungsminister Ehud Barak, der warnte, dass die Zeit auslaufe, weil Iran seine Urananreicherungsanlagen in neu gebaute Bergbunker verlege. „Wer immer nur später sagt, wird möglicherweise herausfinden, dass später zu spät ist“, sagte Barak und wiederholte es noch einmal auf Englisch um sicher zu gehen, dass die Botschaft auch ankommt.

Militärgeheimdienstchef Aviv Kochavi präzisiert den Zeitrahmen: Wenn Religionsführer Ali Chamenei den Befehl gäbe, könne der Iran innerhalb von einem Jahr eine Bombe bauen. Es werde ein bis zwei weitere Jahre dauern, bis auch die Raketenträgersysteme dafür fertig seien.

Aussagen wie die Baraks machen Amerika und Europa stets nervös. Und letztlich bleibt unklar, ob man in Jerusalem wirklich handeln will.

Für den amerikanischen Außenpolitikexperten Robert Blackwill liegt jedenfalls auf der Hand, dass „die europäische Bereitschaft, die Sanktionen substanziell zu verschärfen in einem direkten Zusammenhang mit der israelischen Bereitschaft steht, militärische Gewalt einzusetzen“. Ohne diese im Raum stehende Drohung wären die Europäer wohl nicht so weit gegangen.

In Europa glauben viele, ein atomar bewaffneter Iran ließe sich per Abschreckung eindämmen, wie es dem Westen ja auch mit der weit mächtigeren Sowjetunion gelungen ist.

Doch man muss sich im Gengensatz nur vorstellen, einer der vielen neuen Atomstaaten aktiviert in einer Krisensituation seine Atomstreitkräfte. Das würde in allen Staaten ebenfalls zur Aktivierung führen. Und dann kann eine falsche Radarmeldung oder ähnliches ein Armaggedon auslösen. Schon wegen der räumlichen Nähe bliebe auch weit weniger Zeit als es die Supermächte hatten, um Fehleinschätzungen noch rechtzeitig zu korrigieren.

Angesichts der Bedrohungen von außen und des Umbruchs in Nahost sind die Konflikte innerhalb der israelischen Gesellschaft, die im vergangenen Jahr aufgebrochen sind, besonders besorgniserregend. Es kursiert ein bitterer Witz über die Lastenverteilung im Land: „Ein Drittel der Bevölkerung arbeitet, ein Drittel der Bevölkerung zahlt Steuern und ein Drittel geht zur Armee. Leider handelt es sich jeweils um dasselbe Drittel.“

Das Problem: Die Bevölkerungsteile, die am wenigsten ins Arbeitsleben integriert sind bekommen am meisten Kinder. Das verlagert das demographische Gewicht auf lange Sicht hin zu den unproduktiveren Teilen der Bevölkerung.

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