Bruder meidet Bruder

Die zweite Heimkehr
Der ältere Bruder kommt ganz anders nach Hause als der jüngere. Er ist schon vom frühen Morgen an auf dem Feld gewesen. Er hat den ganzen Tag geschuftet und kommt jetzt restlos müde und abgespannt nach Hause. Was gibt es Schöneres, als von ehrlicher Arbeit müde zu sein? Er weiß, was er getan hat. Er hat ein gutes Gefühl der Zufriedenheit und Erschöpfung. Er kommt in die Nähe des Hofes, hört die fröhliche Musik und denkt: Herrlich! Das ist genau das Richtige! Gibt es nach einem arbeitsreichen Tag etwas Besseres als ein fröhliches Feierabendprogramm? Nur schnell ins Haus gehen, sich wieder frisch machen und an den gedeckten Tisch setzen. Und dann gibt es die herrlichsten Dinge der Welt für die durstige Kehle und den hungrigen Magen. Schön wäre es. Nein, der zweite Sohn reagiert ganz anders: Er ruft einen Angestellten herbei und erkundigt sich, was da vor sich geht. Der sagt zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat. Der Sohn aber wird zornig und will nicht hineingehen (nach Lukas 15,26-28a).

Der zweite Sohn versteht seinen Vater nicht mehr. Da kommt sein nutzloser Bruder nach Hause und jetzt gibt es ein ehrenvolles Fest. Nur das Beste ist für den Zurückgekehrten gut genug. Dabei hat das hat der Nichtsnutz doch wohl als Letzter verdient. Der ältere Sohn denkt nach dem Belohnungsprinzip. Alles was zählt, sind Arbeit und Einsatz. Was soll dieses ausgelassene Singen und Feiern? Taten sind gefragt.

Er ist misstrauisch und kritisch dem gegenüber, was da vor sich geht. Er bleibt auf Abstand und will zuerst einmal sehen, wie es weitergeht. Sind wir diesem Sohn nicht oft ähnlich? Manchmal verstehen wir das Handeln Gottes nicht. Und wenn Gott jemanden außerordentlich beschenkt oder begabt, dann sind wir kritisch und hinterfragen alles. Wie manche Segnung, die Gott Menschen gegeben hat, wurde schon von „Frommen“ mit den Füßen getreten. Oder wir fallen ins andere Gegenteil und hinterfragen uns selbst. Wenn Gott sogar einen solchen Nichtsnutz reich beschenkt, warum steht es dann um uns nicht besser?

Die Empfindungen des älteren Sohnes und des Vaters sind total unterschiedlich. Der ältere Sohn hat sich von seinem Vater entfremdet. Er ist das Bild eines selbstgerechten, doch tüchtigen Menschen. Er tut den gottlosen Gottesdienst. Er ist von sich selbst überzeugt und distanziert sich von den Versagern. Er ist stolz auf seine Leistung. Wie schnell geraten wir in dieses Verhaltensmuster. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, als eine Frau beim Tod ihres Mannes zu mir sagte: „Gott wird ihn aufnehmen, denn er hat sich für die Kirche eingesetzt und viele gute Dinge getan.“ In unserem Denken und Fühlen macht sich so schnell das Leistungsprinzip breit. Auch der ältere Sohn zählt auf seine Leistung. Er ist ja schließlich zu Hause geblieben. Doch achten wir darauf, was jetzt geschieht: Er steht abseits, wenn der Himmel feiert. Gott hat einen ganz anderen Maßstab als wir.

Gottes Wertmaßstab
Wir wollen uns die Geschichte nochmals vor Augen malen. Da kommt der ältere Sohn vom Feld nach Hause. Er hat keine Ahnung, was inzwischen zu Hause vorgegangen ist. Als er sich dem Haus nähert, hört er den lauten Trubel eines Festes. „Nanu, was ist denn da los? Da ist ja alles auf den Kopf gestellt. Was mag nur Wichtiges passiert sein? Ist ein Prominenter oder sonst eine hohe Persönlichkeit auf Besuch gekommen?“ Er ruft einen Diener und fragt, was geschehen ist. Da bekommt er eine unerwartete Antwort: „Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wieder hat“ (Lukas 15,27). Ach so, das also bringt das ganze Vaterhaus „aus dem Häuschen“.

Was will uns Jesus mit dieser Geschichte aufzeigen? Das Haus des Vaters ist der Himmel. Nun fragen wir einmal mit dem ältesten Sohn: Was bringt die himmlische Welt in Aufregung? Was ist für den Himmel ein weltbewegendes Ereignis? Die Antwort ist: Wenn ein verlorener Mensch heimkehrt. Kurz vorher sagte Jesus: „Also wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Lukas 15,7.10). Für den himmlischen Vater ist der Mensch wichtig. Für den älteren Sohn stehen die Pflichterfüllung und die Leistung im Mittelpunkt.

Was ist für uns wichtig, wenn wir anderen begegnen? Was hat erste Priorität? Der Mensch selbst oder das, was er erreicht hat? Das letzte Mal sahen wir, dass Freude nicht auf Kosten des anderen entsteht, sondern am anderen. Jetzt will ich diese Aussage noch vertiefen. Himmlische Freude beruht nicht auf der Leistung, , sondern entsteht als Freude an der Person. Nicht Äußerlichkeiten sind wichtig, sondern das Herz. Auf was achten wir in den Beziehungen untereinander? Achten wir auf Äußerlichkeiten oder schauen wir auf die Liebe, die ein Mensch Gott gegenüber hat?

In einer Zeitschrift las ich einen Artikel, in dem es um die Anstellung eines Pfarrers ging. Es wurde nach allem gefragt: Ist der zukünftige Pfarrer auch ein guter Manager, ein guter Redner und ein guter Seelsorger? Schlichtweg alle guten Eigenschaften sollten bei ihm zu finden sein. Aber niemand stellte ihm die Frage, ob er Jesus auch wirklich von Herzen liebt. Gott aber schaut auf die Liebe.

Der Bruder meidet seinen Bruder
Der ältere Sohn hört den Festjubel. Er hört von der Barmherzigkeit seines Vaters und wird zornig. Warum denn eigentlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es auch heute noch so ist. Auch heute regt die Botschaft vom reuigen Sünder und der Barmherzigkeit Gottes den selbstgerechten Menschen auf.

Jetzt zeigt sich die wahre Herzenshaltung des älteren Sohnes. Er bildet sich etwas ein auf seine Tugenden und Verdienste. Er will nicht so werden wie der Vater. Er findet es daneben, dass sein Vater ein Fest für den heimgekehrten Sohn feiert. Er ist zum Feind Gottes geworden. Plötzlich wird es offenbar: Er ist viel mehr Bruder als Sohn. Anstatt dem Vater als Vorbild nachzueifern, geht auch er seinen eigenen Weg. Er will nicht so werden wie sein Vater. Obwohl er im Vaterhaus geblieben ist, ist er innerlich dem verlorenen Bruder viel ähnlicher als seinem Vater. Der tüchtige, selbstgerechte Mensch ist ebenso ein verlorener Sohn wie der schlimmste Atheist und der gröbste Sünder. Er widersetzt sich dem Vater. Er wird zum Aufständischen und braucht genauso das Erbarmen Gottes. Doch er erkennt nicht, wie sehr auch er die Gnade des Vaters braucht. Er will nicht hineingehen. Er will nicht dort sein, wo die Gnade herrscht. Der eine Bruder bewegt sich auf den Vater zu, der andere von ihm weg.

Der selbstgerechte Mensch hat keine Gemeinschaft mit dem Vater und dem heimgekehrten Bruder. Er steht abseits, wenn der Himmel feiert. Wollen wir so werden, wie der himmlische Vater? Hier wird es ganz praktisch. Wie gehen wir miteinander um? Weichen wir den „Geschwistern“ auch aus – so wie der ältere Sohn?

Johannes sagt in seinem ersten Brief (4,20-21): „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann Gott nicht lieben, den er nicht gesehen hat. Und dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.“ Johannes schreibt nichts von gegenseitigem Dulden, sondern von der aktiven Liebe. Da werden wir herausgefordert nachzudenken, Busse zu tun und einander neu anzunehmen. So wie es auch Paulus den Römern geschrieben hat (Römer 15,7): „Deshalb nehmt einander auf, wie auch der Christus euch aufgenommen hat, zu Gottes Herrlichkeit.“

Es ist eine Tragödie, dass in vielen christlichen Kirchen Menschen nebeneinander her leben. Diese Geschichte fordert uns auf, damit Schluss zu machen. Die Barmherzigkeit Gottes soll grösser sein als all unsere menschlichen Vorstellungen und Bedenken. Tue den ersten Schritt auf Deinen Bruder zu und bleibe nicht draußen stehen. Geh auf den Nächsten zu, so wie es der Vater getan hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer dieser Schritt sein kann.

Ich weiß nicht, welche Konflikte Ihr schon hinter Euch habt. Denke nicht, dass der andere doch den ersten Schritt tun soll. Der soll den ersten Schritt tun, dem es leichter fällt. Der Vater ging seinem Sohn mit offenen Armen entgegen. Der zweite Sohn will keine offenen Arme haben und er bleibt abseits stehen. „Seid nun barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36).

Text: Hanspeter Obrist

Der barmherzige Vater

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