Boko Haram ist in der Krise und darum gefährlicher

Die Terrorgruppe Boko Haram ist in der Krise – und will dies kompensieren. Ein Chef droht, „die ganze Welt zu erschüttern“, der andere will „jede Kirche in die Luft sprengen“.

Im äußersten Nordosten Nigerias, in der Nähe des Tschadsees, tut sich Außergewöhnliches: In letzter Zeit sind mehrfach rivalisierende Fraktionen der Terrororganisation Boko Haram mit schweren Waffen aufeinander losgegangen. Bei mindestens drei Gefechten in der Provinz Borno wurden mehrere Kämpfer getötet, Dorfbewohner sind vor den Übergriffen geflüchtet. Auslöser der Kämpfe ist ein Führungsstreit innerhalb von Boko Haram.

Im vergangenen Jahr hatte Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau dem selbsternannten Kalifen des „Islamischen Staat“ (IS), Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue geschworen und seine Terrormiliz damit formal dem IS angegliedert. Der „Islamische Staat“ bezeichnete Boko Haram seither als seine „Provinz Westafrika„.

Anfang August nahm sich die IS-Führung im Irak und in Syrien das Recht heraus, einen neuen Statthalter in ihrer „Provinz Westafrika“ einzusetzen: Abu Musab al-Barnawi. Der junge Mann, dessen Alter auf höchstens Mitte zwanzig geschätzt wird, ist der Sohn von Muhammed Yusuf, jenem islamischen Prediger, der Boko Haram nach der Jahrtausendwende gegründet hatte.

Yusuf kam 2009 unter ungeklärten Umständen in Haft ums Leben. Nach Yusufs Tod übernahm Shekau die Führung von Boko Haram, mit ihm an der Spitze eskalierte die Gewalt gegen Christen und gegen andersdenkende Muslime. Diese Terroranschläge auf Schulen, Märkte und Moscheen, bei denen Boko Haram oftmals Mädchen als Selbstmordattentäterinnen einsetzte, haben offenbar die IS-Führung dazu veranlasst, Shekau abzusetzen. In seiner ersten Rede als „Statthalter der Provinz Westafrika“ versprach sein Ersatz Barnawi, Moscheen und muslimische Märkte künftig zu verschonen. Dafür werde seine Miliz „jede Kirche in die Luft sprengen, die wir erreichen können“.

Die Antwort des degradierten Terrorchefs Shekau ließ nicht lange auf sich warten: Nach Monaten Funkstille, in denen mehrfach Gerüchte über seinen Tod die Runde gemacht hatten, meldete sich Shekau gleich zweimal zu Wort. Zuerst in einer Audiobotschaft, dann per Video: Darin beschuldigte er Barnawi, einen Putsch gegen ihn angezettelt zu haben. Shekau machte deutlich, dass er sich weiterhin als Anführer von Boko Haram betrachtet. Seine Unterstützer riefen in dem Clip: „Wir werden Abu Musab nicht folgen.“

Auffällig ist, dass Shekau sich selbst nicht mehr als Statthalter des IS bezeichnet, sondern wieder als Imam der „Vereinigung der Sunniten für den Aufruf zum Islam und den Dschihad“. So nennt sich Boko Haram selbst offiziell seit 2010. In dem Namen steckt auch der Kern der Boko-Haram-Ideologie: Shekau rechtfertigte die Anschläge auf andere Muslime damit, dass sie seinen Ruf zum Dschihad nicht befolgten und damit vom Islam abgefallen seien. Das ging offenbar selbst dem IS zu weit.

Boko Haram ist seit Monaten in der Defensive. Die Armee hat deutlich an Boden gewonnen. Mit dem Rückzug sind der Miliz nämlich Einnahmen aus Überfällen, Erpressungen und Schmuggel verloren gegangen. Dadurch wächst die Unzufriedenheit mit Shekau, und der vom IS eingesetzte Barnawi kann mehr und mehr Anhänger um sich scharen.

Nun droht eine Eskalation, denn beide Parteien dürften ein großes Interesse daran haben, mit spektakulären Terroranschlägen auf sich aufmerksam zu machen. Shekau hat bereits angekündigt, er werde „Nigeria und die ganze Welt“ erschütternmehr Informationen

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