Blauäugiger Umgang mit dem politischen Islam

Der Journalist Simon Jacob bereiste jahrelang als „Peacemaker“ den Nahen Osten. Der türkischstämmige Christ wirft der Politik im Westen einen blauäugigen Umgang mit dem politischen Islam vor, fordert eine harte Integrationspolitik – und berichtet, wie Jesus ihm die Lust auf Rache nahm.  (Auszug aus einen Interview von pro)

pro: In Ihrem Buch vertreten Sie die Meinung, die meisten westlichen Außenpolitiker hätten keine Ahnung vom Nahen Osten. Warum?

Simon Jacob: Sie sehen in den arabischen Regionen einfach Staaten, die mit denen im Westen vergleichbar sind. Das sind sie aber nicht. Diese Regionen werden seit Jahrtausenden von Familien- und Clanstrukturen kontrolliert. Wer Frieden mit solchen Staaten schließen will, muss wissen, wie der Clankodex funktioniert. Dieser lebt vom Kollektiv und schert sich wenig um das Individuum, wie westliche Politiker es oft gerne hätten.

Was ist wichtiger: Clan oder Religion?

Der Clan. Wer das nicht versteht, versteht weder die Konflikte im Nahen Osten noch die Migrationspolitik in Deutschland. Natürlich spielt auch die Religion mit hinein und legitimiert das Clanrecht.

Sie plädieren also für eine härtere Integrationspolitik.

Ich bin für eine Integrationspolitik, die darauf ausgerichtet ist, im Besonderen den Frauen Bildungschancen zu geben. Die, die ihre Kinder von Bildungseinrichtungen fernhalten, müssen sanktioniert werden. Wer zu uns kommt, muss wissen: Wer Teil einer pluralistischen Gesellschaft mit ihren immensen Freiheiten sein will, muss Regeln befolgen. Eine religiös legitimierte Clanstruktur höhlt die pluralistische Gesellschaft aus und bringt sie irgendwann zu Fall.

Fördern solche harten Maßnahmen nicht auch die Radikalisierung?

Wir haben zwei Möglichkeiten: Wir können akzeptieren, dass Clanstrukturen herrschen, in denen Frauen, Juden, Christen und Atheisten zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. Das würde früher oder später zu einem großen Schaden führen. Oder wir können den Menschen, die wir aufnehmen, klar machen, dass die demokratische Gesellschaft nichts dulden kann, was mit ihr kollidiert. Wer hier leben will, muss wissen, dass eine Frau ohne Weiteres mit einem Sommerkleid herumlaufen kann, ohne dass man sie zu einem Stück Fleisch degradiert und dieses Verhalten als „haram“, also Sünde, bezeichnet. Natürlich kann es Menschen beschämen, wenn man klar und deutlich sagt, was geht und was nicht. Aber wenn wir das nicht tun, werden wir in Europa sehr viel stärker mit der Radikalisierung zu kämpfen haben, und zwar sowohl unter religiösen Gruppen als auch am linken und rechten Rand der Gesellschaft.

… Im Islam müssen die Menschenrechte der Vereinten Nationen gelten, nicht die zweifelhafte Menschenrechtserklärung von Kairo 1990.

Sie wollen eine Reformation des Islam.

Im Nahen Osten haben Anhänger des IS, also Muslime, andere Muslime geköpft. Das hat die Menschen ins Nachdenken über den Islam gebracht. In Europa tragen die Funktionäre ein sehr viel extremistischeres Gedankengut in sich als ihre Kollegen im Nahen Osten, die mit Leid und Tod konfrontiert sind. Ich kann jeden Muslim nur ermutigen, dieses patriarchalische System zu kritisieren.   …

Das Scheitern liegt auch daran, dass die strenggläubigen Verbände viel Geld haben, etwa durch wahhabitische Finanziers aus dem Ausland, die liberalen nicht. Die Politiker lassen die Reformer hängen.

Wo sehen Sie Chancen für den Frieden?

Meine Hoffnung ist die junge Generation im Nahen Osten, die mit ihren Smartphones mit dem Rest der Welt verbunden ist. Sie könnte die zukünftige Politik mitgestalten, die zum Frieden führt. Die etablierten Politiker, die seit Jahrzehnten in diesen Gebieten herrschen, verteidigen lediglich ein System, das bis zur letzten Zelle korrupt ist. Die jungen Leute haben ein anderes Wissen als die Generation davor. Wir sollten sie ermutigen, sich von der alten herrschenden Kaste zu distanzieren.

Welche Rolle spielt Ihr christlicher Glaube dabei?

Eine absolut zentrale. Wenn ich nicht glauben würde, dass unser Vater uns vergibt und er aus Liebe zum Menschen seinen Sohn und seine Schöpfung geopfert hat, dann wäre auch ich nicht fähig gewesen, in den schlimmsten Momenten meines Lebens zu vergeben. … Ich hätte auch zu einer Waffe greifen und Rache üben können.

Rache wofür?

Manche meiner Verwandten wurden in Syrien umgebracht. Andere wurden entführt, gefoltert. Meine Glaubens­geschwister wurden massakriert. Jahrelang erlebte ich, wie Kinder brutal umgebracht oder vergewaltigt wurden. Ich kann mich noch erinnern, dass ich den Schädelknochen eines Kindes in Händen hielt. Ihm wurde lebendig der Kopf abgeschlagen. Ich lernte in Syrien eine Frau kennen, die drei Jahre lang Sexsklavin beim IS war. Sie schaute mich an und sagte: „Sei mir nicht böse, aber du erinnerst mich an einen von denen.“ Mich hat das getroffen. Natürlich wünscht man solchen Tätern irgendwann die Hölle.

Das ist irgendwie auch menschlich.

Ja, aber man fragt sich irgendwann: Will ich so werden? Will ich mich so von Rachegelüsten steuern lassen? Ich kam an den Punkt, an dem ich sagte: „Gott, vergib mir meinen Hass.“ Natürlich würde ich mich notfalls verteidigen, wenn ich kann, aber ich will niemanden leiden sehen, weil es mich nicht erfreut. Ich erfreue mich des Lebens. Das geht nur, wenn du vergibst. Es ist die Spirale der Gewalt, die diese Verblendeten in diese Brutalität treibt. Und weil sie nicht mehr zurück können, wollen sie uns auch in diesen Strudel ziehen. Jesus Chris­tus, der sich selbst für alle Menschen geopfert hat, hat mich daraus gerettet.

Der syrisch-orthodoxe Christ Simon Jacob kam 1978 in Südostanatolien, Türkei, zur Welt. Mit zwei Jahren kam er nach Deutschland. Er ist Vorsitzender des Zentralrates orientalischer Christen. Als Journalist bereist er seit Jahren den Nahen Osten. Im April 2018 veröffentlichte er sein Buch „Peacemaker“ und startete zu dem Thema eine Vortragsreihe (peacemaker-tour.com).  mehr Informationen

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