Abrahams eigenartiger Opfergang

Eine sonderbare Geschichte findet man in 1. Mose 22 und im Koran Sure 37,99-113. Abraham zieht mit seinem Sohn zum Berg Morija, um seinen Sohn dort auf Gottes Aufforderung hin zu opfern. In letzter Sekunde unterbricht Gott das Geschehen und stellt Abraham ein Opfertier zur Verfügung.

Wenn man sich mit dieser Geschichte beschäftigt, tauchen immer wieder Fragen auf. Wie kann Gott so etwas anordnen, da er doch selbst gesagt hat: „Wer einen Menschen tötet, darf selbst nicht am Leben bleiben“? (1.Mose 9,6).

In der jüdischen Tradition ist dieses Ereignis so erschütternd, dass Sarah, als sie davon hört, vor Schreck stirbt. Ihr ganzes Leben haben Abraham und sie auf diesen Sohn gewartet. Ihre ganze Hoffnung steckt in ihm. Und nun ist Abraham bereit, dies alles zunichte zu machen? Da Sarah mit 127 Jahren starb und ihren Sohn Isaak mit 90 gebar (1.Mose 23,1 / 17,17), wird angenommen, dass Isaak 37 Jahre alt war, als dies alles stattfand.

Spannend ist auch, was im apokryphischen Buch der Makkabäer steht: „Wer war der Vater, durch dessen Hand sich Isaak um der Frömmigkeit willen schlachten lassen wollte?“ (4. Makkabäer 13,12). Hier wird berichtet, dass Isaak sich freiwillig als Opfer zur Verfügung stellt. Das gleiche schreibt auch der Koran in Sure 37,102.

In 1.Mose 22 steht, dass Abraham darauf vertraute, dass er und sein Sohn zurückkehren werden: „Ihr bleibt hier und passt auf den Esel auf!“, sagte Abraham zu den beiden Knechten. „Der Junge und ich gehen auf den Berg, um Gott anzubeten; wir sind bald wieder zurück.“ (1.Mose 22,5). Im Hebräerbrief steht: „Abraham traute es Gott zu, dass er Isaak sogar von den Toten auferwecken könnte“ (Hebräer 11,19 Hfa). Hier liegt ein Schlüssel zur Geschichte.

Abraham hat schon viele Wunder Gottes erlebt. Erst mit 100 Jahren erhalten er und seine neunzigjährige Frau Sarah das schon lang verheißene Kind. Er rechnet so fest mit einem Wunder, dass er zu seinem Sohn sagt: „Gott ersieht für sich das Lamm zum Brandopfer“ (1.Mose 22,8). Johannes benutzt diesen Ausdruck, um seine Jünger auf Jesus hinzuweisen: „Siehe das Lamm Gottes“ (Johannes 1,29 / 1,36).

Auch Jesus ging seinen letzten Lebensabschnitt mit der festen Gewissheit, dass er nach drei Tagen wieder auferstehen wird. Von Jesus heißt es, dass er sein Leben freiwillig gelassen hat: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wieder zu nehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen“ (Johannes 10,17-18).

Als Gott durch den Engel des Herrn Abraham bei der Opferung unterbricht, schenkt er ihm und seinem Sohn einen Widder, der sich in den Büschen verfangen hat. Isaak erlebt, dass jemand anderes an seiner Stelle stirbt. Die gleiche Botschaft verkündet uns auch Jesus am Kreuz: Er starb an unserer Stelle, um uns von den Konsequenzen der Sünde zu befreien. Johannes sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1,29). Der Widder, den Abraham opferte, ist noch nicht das eigentliche Lamm Gottes, sondern nur ein Bild dafür. Jede Opferung, welche bei den Juden fest zum religiösen Leben dazugehörte, war ein stiller Hinweis auf das eigentliche Lamm Gottes.

Spannend ist auch, dass das Widderhorn am Posaunenfest als Signalhorn die Menschen zu einer Zeit der Einkehr und der persönlichen Überprüfung aufruft (3. Mose 23,24). Mit diesem Tag, dem heutigen Rosch HaSchana, beginnen zehn Bußtage, die am Abend von Jom Kippur (Versöhnungstag) enden.

Der Berg Morija wird mit dem heutigen Tempelberg identifiziert (2.Chronik 3,1). Auf dessen Ausläufern stand auch das Kreuz von Jesus (Golgatha). An diesem Ort hat Gott also seinen Plan der Erlösung offenbart und vollendet. An diesem Ort begegnete Gott David und hier erschien auch bei der Einweihung des  von Salomo erbauten Tempels zum letzten Mal die Schechina Gottes – das ist die Gegenwart Gottes – dem ganzen Volk (2.Chronik 7,3).

Ein Glaube, wie Abraham ihn hatte, vertraut darauf, dass auch in der radikalsten Verkehrung und Unverständlichkeit Gottes Wort gültig bleibt und dass wir durch Gottes Lamm den Tod nicht zu fürchten brauchen und ewiges Leben haben: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen“ (Johannes 3,36). „Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Johannes 10,28).

Text: Hanspeter Obrist, März 2017

Bild: Tor des Glaubens Jaffa, Abrahams Opfergang

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Siehe auch:

Jesus in der jüdischen Bibel
Abel – Der getötete Gottesknecht
Noah – Das Vertrauen in Gott hat ihn gerettet
Melchisedek – König der Gerechtigkeit
Der geheimnisvolle Gast von Abraham
Abrahams eigenartiger Opfergang
Jakobs Himmelsleiter
Jakobs Wende und neue Identität
Josef – Modell des Christusweges

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